Detaillierte Angaben zum Energieverbrauch, zu den Preisen und zur Stromerzeugung auf Firmen- oder Haushaltebene stecken in den Rechnungen, Spreadsheets, den PDF und den Finanzberichten von Verbrauchern, Verbraucherinnen und ihren Netzbetreibern. «Aber niemand hat sich bisher die Mühe gemacht, solche Daten systematisch zu sammeln und diese dann auf die Ebene der einzelnen Verbrauchenden herunterzubrechen», sagte Kiran Bhatraju, Gründer und CEO der US-Firma Arcadia, letztes Jahr an der Collision Conference, einer Innovationskonferenz. Dieses Unternehmen hatte 2014 als lokaler Versorger für Solarstrom angefangen und 2021 das Geschäftsmodell komplett umgekrempelt.

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Dateninseln und Datenaggregatoren

«Jetzt integrieren wir alle Daten, wir aggregieren die Datenquellen und brechen die Angaben auf die einzelnen Verbraucherinnen und Verbraucher herunter.» Niemand habe sich zuvor mit dem Thema befasst – denn die Energieversorger würden weiterhin zu stark in ihren regionalen Einzugsgebieten denken –, obwohl Firmen Strom aus ganz unterschiedlichen Quellen beziehen, wenn sie in verschiedenen Versorgungsgebieten arbeiten. Oder wenn sie eine Flotte mit E-Fahrzeugen unterhalten – bereits dann steigt die Komplexität bezüglich integrierter Verbrauchs- und Kostenangaben.

Bhatraju liess sich vom Unternehmen Plaid inspirieren: Dieses aggregiert seit einigen Jahren sehr erfolgreich die Konten-, Depot-, Kreditkarten- und Vorsorgedaten von Verbrauchenden und konsolidiert die Ergebnisse auf einer App. Diese Venmo-App zählt in den USA zu den erfolgreichsten mobilen Banking-Anwendungen überhaupt – und war bereits einige Male das Ziel grosser Akquisitionsversuche.

Bei Arcadia, einem vormals verwechsel- und austauschbaren kleinen Versorger, kam 2021 die Wende mit der «Arc»-App. Inzwischen ist die Firma 1,5 Milliarden Dollar wert, es lassen sich laut Bhatraju 95 Prozent aller Daten der Versorger handhaben. Als grosses Wachstumsthema gilt die E-Auto-Integration. Die Arcadia-App vermittelt beispielsweise den Besitzern und Besitzerinnen der E-Cars von Ford, wann und wo sie am günstigsten Strom beziehen können, um die Akkus ihrer Fahrzeuge aufzuladen.

Etwa 300 weitere Firmen, darunter auch Salesforce, nutzen inzwischen die Software von Arcadia, um den Gesamtüberblick über den Stromverbrauch und mögliche Einsparpotenziale zu behalten. Arcadia ist indes nicht das einzige Unternehmen, das sich auf Software für Nachhaltigkeitsthemen spezialisiert hat.

Startups wie Fem, African Parks und Captain Technologies sammeln ebenfalls Daten aus unterschiedlichen Quellen im Bereich Biodiversität. Weitere wie Kayrros, Picterra und Dryad Networks, die alle an der Noah-Investorenkonferenz im Dezember 2022 ihre Projekte vorgestellt haben, entwickeln Key-Performance-Indikatoren-Systeme im Umweltbereich. Auch für den Bereich Strom gibt es einige grössere Unternehmen aus den Bereichen Smart Building, welche den Energieverbrauch von Geschäfts- und Wohnimmobilien erfassen und optimieren.

Privatkundschaft zahlt freiwillig mehr

Bei den Elektrizitätswerken des Kantons Zürich (EKZ) können die Kunden über ein Portal bereits alle Verbrauchsdaten ihrer Anlagen aggregieren. «Grosse schweizweite Retailer mit Anlagen in verschiedenen Netzgebieten bedienen sich Dienstleister, die ihnen diese Daten zuliefern», sagt Karl Resch, Leiter Regulierungsmanagement und Netzwirtschaft bei den EKZ.

Für Privathaushalte gibt es den «Energieassistent», mit Smart-Meter-Daten können diese Kunden und Kundinnen Einsparpotenziale aufdecken. Eine offene Datenlandschaft hat man indes in der Schweiz noch nicht. Smarte Stromzähler und smarte Stromnetze sind jedoch Schritte in diese Richtung.

Die EKZ arbeiten zusammen mit der ETH und dem Bundesamt für Energie (BFE) in der Zürcher Gemeinde Winkel an dem Pilotversuch «Ortsnetz». Unter anderem testet man hier, wie hoch die Bereitschaft der Endverbrauchenden ist, lokal nachhaltig produzierten Strom unter Mehrkosten zu kaufen. «Die Zahlungsbereitschaft hierfür ist überraschend hoch», sagt Resch.

In Kürze werden im Projekt «Ortsnetz» neue zukunftsorientierte Netznutzungstarife und die Steuerung von Betriebsmitteln – wie beispielsweise Wärmepumpen, Elektroladestationen, Elektroheizungen – in Abhängigkeit vom lokal produzierten Strom und der Netzlast getestet (Flexibilitätsmarkt). Ziel dabei ist, dass der Strom möglichst lokal verbraucht wird, um so das Netz zu entlasten.