Es war fast genau vor einem Jahr, am 5. September 2021, als der zwanzigjährige Maturand Kaj Weibel während der Landsgemeinde vor 3000 Glarnern ans Mikrofon trat und eine radikale Änderung zum Energiegesetz zur Abstimmung stellte: das Verbot von Öl- und Gasheizungen für Neubauten und beim Ersatz in Wohnbauten. Was dann geschah, ging als «Wunder von Glarus» in die Schweizer Klimageschichte ein. Gegen den Willen von Regierung, Parlament und vielen Parteien stimmten die Glarnerinnen und Glarner für den Antrag des Klimavereins. «Es war magisch», sagt Weibel, der demnächst sein Jus-Studium in Zürich beginnen wird. Nebenbei ist er gerade für die Jungen Grünen als Landrat ins Parlament eingezogen und als Glarner des Jahres ausgezeichnet worden. Es läuft bei dem jungen Wilden.

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Was damals bei der Landsgemeinde für die meisten wie ein spontaner Vorschlag aussah, war in Wahrheit ein monatelang bis ins Detail vorbereiteter Coup. «Eigentlich hatten wir gar nicht daran geglaubt, dass wir mit unserem Vorschlag durchkommen», sagt Lisa Hämmerli, Co-Präsidentin des Vereins Klimaglarus.ch, dem auch Weibel angehört und deren Mitglieder den Antrag zusammen vorbereitet hatten. «Unsere Taktik sah so aus, dass wir bewusst einen radikalen Vorschlag einbringen, damit man sich im Kompromiss auf jeden Fall auf das ursprünglich geplante Energiegesetz einigt», so Hämmerli, die in Zürich in einem Teilpensum als Umweltwissenschafterin bei Econcept arbeitet.

Der Stolz der Konservativen

In nur einem Jahr nach dem Coup hat sich in dem traditionell konservativen Bergkanton viel geändert. Das Verbot fossiler Heizungen war nicht nur Paukenschlag, sondern gleichzeitig der Startschuss, um den Kanton als Klimaschutzvorreiter Nummer eins in der Schweiz zu positionieren. Inzwischen wurde auf der darauffolgenden Landsgemeinde im Mai unter anderem der Klimaschutz in die Verfassung aufgenommen und ein Klima fonds auf 24 Millionen Franken aufgestockt. Die meisten Parteien sowie die Regierung tragen die Klima-Vorreiterrolle mit. «Auch konservative Glarner Politiker sind stolz auf das neue Image des Kantons und tragen die Entscheide mit», so Hämmerli.

Klimaglarus.ch treibt die Themen im Kanton mit weiteren ganz konkreten Aktionen voran. Bereits zum dritten Mal hat man beispielsweise über tausend Bäume gepflanzt. Rund zwanzig Bauernhöfe unterstützt man beim Aufbau von Solaranlagen und koordiniert Eignung, Anträge und Infrastruktur für die Photovoltaik. Mit den drei technischen Betrieben im Kanton Glarus lanciert Klimaglarus.ch das Projekt «Solarstrom für alle». Mit dabei ist auch das Metallunternehmen Schätti, welches spezielle Konsolen für die Mini-Solaranlagen herstellt. Zudem hat der Verein einen Sitz in der Jury des Nachhaltigkeitspreises der Glarner Kantonalbank.

Nachhaltige Mobilität im Fokus

Welchen Coup der Verein für die nächste Landsgemeinde im Mai plant, wollte man noch nicht verraten. Aber ein Thema, das vermutlich Priorität hat, ist die Mobilität. Einige autofreie Sonntage für das beliebte Klöntal hat man schon erreicht. «Die Mobilität ist der nächste grosse Brocken. Da muss noch mehr passieren», so Weibel und zwinkert Hämmerli zu. Es sieht ganz so aus, als wären aus dem Kanton Glarus noch weitere positive Überraschungen für den Klimaschutz zu erwarten.