Die nachhaltige Entwicklung ist auf der Agenda des Finanzsektors angekommen. Was kann dieser bewirken, um eine entsprechende Transformation der Wirtschaft voranzutreiben?  

Marc Lehmann: Die Finanzindustrie kann in mehrfacher Hinsicht die Transition hin zu einer nachhaltigen Welt beeinflussen. Banken können in der Kreditvergabe nachhaltiges Handeln von Kreditnehmern incentivieren (Bonus), die Vergabe nicht nachhaltiger Kredite mit einem Zins-Malus versehen oder auf eine entsprechende Kreditvergabe verzichten.  

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Asset Manager und Vermögensverwalter können ihren Kunden nachhaltige Investmentprodukte empfehlen und im Sinne vom verstärkten Trend des «Impact Investings» die Transparenz erhöhen, wie nachhaltig ein Investmentprodukt tatsächlich ist, um das Greenwashing sukzessive zu vermindern. Um dies zu vereinfachen, führt die Schweiz den sogenannten Climate Score ein. Quasi ein Nachhaltigkeits-Gütesiegel für Anlageprodukte. Mit diesem innovativen Konzept, das vom Staatssekretariat für internationale Finanzfragen (SIF) koordiniert wird, will man die Transparenz von Finanzanlagen in Bezug auf deren Erreichung der im Pariser Abkommen definierten Ziele aufzeigen.  

Dr. Antonios Koumbarakis (l.) und Marc Lehmann (r.)

Dr. Antonios Koumbarakis (l.) und Marc Lehmann (r.)

Quelle: ZVG

Dr. Antonios Koumbarakis ist Head Sustainability & Strategic Regulatory und Marc Lehmann ist Head Operational Excellence & ESG beim Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen PwC Schweiz.

Versicherer sind nebst dem meist grossen Asset-Management-Arm, indem sie Prämiengelder verstärkt nach ESG-Kriterien anlegen können, auch bei der Entwicklung neuer Versicherungsprodukte gefordert. Bei Privatversicherungen können Versicherungsnehmer künftig in einer nachhaltigen Hausratversicherung zum Beispiel Entschädigung von Mehrkosten erwarten, wenn Geräte wiederbeschafft werden, die der höchsten Effizienzklasse entsprechen.   Im Bereich Kfz lässt sich durch den Einsatz von Telematik eine bessere Differenzierung erreichen, oder es können in Verbindung mit E-Autos / Autopilot-Lösungen und entsprechend höhere Transparenz über Fahrverhalten und Schadenwahrscheinlichkeit Prämienvorteile resultieren. Etwaige Konzepte lassen sich auch auf die Industrieversicherung übertragen.    

In der EU existieren gesetzliche Massnahmen zur Förderung eines nachhaltigen Wachstums. Ist in der Schweiz etwas Ähnliches zu erwarten?  

Antonios Koumbarakis: In der Schweiz stehen die Themen Nachhaltigkeit und nachhaltigen Finanzen vermehrt im Fokus. Der Bundesrat definierte schon Ende Juni 2020 das Ziel, die Schweiz als führenden Standort für nachhaltige Finanzdienstleistungen zu positionieren. Im Rahmen des indirekten Gegenvorschlags der Konzernverantwortungsinitiative werden neue, nicht-finanzielle Berichtspflichten in Umwelt-, Sozial- und Governance-Fragen für grosse Unternehmen in der Schweiz eingeführt. Dies beinhaltet auch eine verbindliche Klimaberichterstattung, basierend auf den Vorgaben der Task Force on Climate-Related Financial Disclosures (TCFD). Auch die FINMA hat Transparenzpflichten zu Klimarisiken für die grossen Finanzinstitute und Versicherungen konkretisiert und ist als NGFS-Mitglied aktiv an den internationalen Diskussionen beteiligt. Dazu ist das Thema Prävention und Bekämpfung von Greenwashing Teil der Prioritäten von FINMA. In der Zukunft ist es auch sehr wahrscheinlich, dass noch mehr Massnahmen gesetzlich getroffen werden, insbesondere in den Bereichen Anlegerschutz, Nachhaltigkeitsrisiken und Transparenz.    

ESG hat sich als Standard für nachhaltige Anlagen etabliert. Welche Vorgaben umfasst der Begriff?  

Koumbarakis: Zunächst einmal steht ESG für Faktoren aus den Bereichen Umwelt, Soziales und Unternehmensführung (Environmental, Social und Governance), anhand derer die Nachhaltigkeitsperformance von Unternehmen und Investments gemessen wird.  Der Terminus umfasst zahlreiche Themen, die von Klimawandel und Biodiversität über Menschenrechte und globale Standards bis hin zu Gender-Pay-Gap und Diversität in Verwaltungsräten reichen.  Vermehrte regulatorische Vorgaben im Zusammenhang mit ESG existieren beispielsweise in Hinblick auf Offenlegung und Transparenz, welche zum einen Greenwashing vorbeugen und zum anderen wichtige Nachhaltigkeitskennzahlen öffentlich verfügbar machen sollen.  

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Zum Beispiel müssen Finanzmarktteilnehmer unter der EU-Offenlegungsverordnung über wesentliche negative Auswirkungen ihrer Anlagen auf Nachhaltigkeitsfaktoren berichterstatten, und hierbei auf dediziert aufgelistete ESG-Indikatoren und Metriken eingehen.  

Weitere wichtige Vorgaben und Empfehlungen im Bereich ESG existieren beispielsweise in Bezug auf das ESG-Risikomanagement und die Abfrage von Nachhaltigkeitspräferenzen des Kunden.    

Welches sind die grössten Herausforderungen für Unternehmen im Bereich Social & Governance?  

Lehmann: Betreffend Governance geht es darum, die Aufbauorganisation eines Unternehmens dahingehend auf- und auszubauen, dass sie eine verantwortungsvolle Unternehmensführung erlaubt. Dazu gehören neben den generell wesentlichen Themen wie der Einhaltung der Gewaltentrennung, der Verpflichtung nach Transparenz, der Vermeidung von Interessenskonflikten und der Implementierung eines Verhaltenskodex auch die Sicherstellung, dass das Thema Nachhaltigkeit und ESG bis in die oberste Unternehmensstufe in allen Gremien zentral verankert ist und damit dazu beiträgt, dass die Geschäftsstrategie vollständig auf die ESG-Strategie aufbaut. Der Verwaltungsrat sollte die strategische Richtung für Nachhaltigkeit und ESG vorgeben. Die Geschäftsleitung sollte das Nachhaltigkeits-Projektportfolio genehmigen und sollte die Oberaufsicht haben, dass Nachhaltigkeitsziele erreicht werden.  

Eine grosse Herausforderung für Unternehmen im Bereich Governance stellen auch die Reportinganforderungen dar, bei denen speziell für international präsente Unternehmen eine gruppenweite Strategie unabdingbar ist, um Redundanzen und Inkonsistenzen vorzubeugen.  

Eine weitere Herausforderung ist meist auch die Messbarkeit: Bei der Dekarbonisierung beispielsweise unterscheidet man zwischen Scope 1- / Scope 2- und Scope 3-Zielen. Während die Messung der direkten Freisetzung klimaschädlicher Gase im eigenen Unternehmen (Scope 1) und die indirekte Freisetzung klimaschädlicher Gase durch Energielieferanten (Scope 2) meist noch relativ gut messbar sind, ist die Messung der indirekten Freisetzung klimaschädlicher Gase in der vor- und nachgelagerten Lieferkette (Scope 3) eine grosse Herausforderung. Letztere sind aber in vielen Industrien für den Grossteil der Emissionen verantwortlich.  

Im Thema Social ist es eine grosse Herausforderung einen effektiven und proaktiven Stakeholder-Dialog aufbauen zu können, die über eine PR-Übung hinausgeht und wesentliche Bedürfnisse von wesentlichen Stakeholdern berücksichtigt und dies in einem kontinuierlichen Prozess.    

Welches sind die grössten ESG-Herausforderungen für Investoren?  

Koumbarakis: Die wahrscheinlich grösste Herausforderung für Investoren ist aktuell immer noch Greenwashing, also dass ein Produkt grüner/nachhaltiger dargelegt wird, als es wirklich ist. Jedoch muss an dieser Stelle angemerkt werden, dass gerade sehr viel im Markt geschieht, um den Investor diesbezüglich besser zu schützen und mehr Transparenz zu bieten – sei es vom Regulator, aber auch durch Initiativen der Industrie selbst. Auch die Verfügbarkeit und Qualität von ESG-Daten gehört zu den Herausforderungen. Noch in Entwicklung befinden sich Methodologien zur Auswertung von ESG-Risiken und -Chancen  

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Eine weitere Herausforderung für nachhaltige Investoren ist die Wahl passender ESG-Produkte. Jeder Investor hat individuelle Vorstellungen von Nachhaltigkeit. Einige verstehen darunter nur die ökologische Nachhaltigkeit, andere wiederum haben ein umfassenderes Verständnis oder streben gar nach wirklichem Impact. Hinzu kommt, dass jede Bank unterschiedliche nachhaltige Ansätze in ihren ESG-Produkten verfolgt. Um also ein passendes ESG-Produkt für sich zu finden, muss ein Kunde den nachhaltigen Investmentansatz der Bank und des jeweiligen ESG-Produktes verstehen, um einzuschätzen, ob dies mit seinen eigenen Vorstellungen von nachhaltigem Investieren übereinstimmt.    

Mit welchen Chancen und Risiken ist Sustainable Finance verbunden?  

Koumbarakis: Sustainable Finance birgt enorme Chancen für diverse Stakeholder-Gruppen. Kunden bekommen die Möglichkeit, ihre Werte und den Wunsch nach Nachhaltigkeit in finanzielle Entscheidungen einzubauen und sich an der Förderung eines nachhaltigen Wachstums beteiligen.  Durch vermehrte Regulierung und erhöhte Transparenz können Kunden und Investoren sich besser informieren und das Vertrauen kann gesteigert werden.  Der Finanzsektor ist ein grosser Hebel in der Nachhaltigkeitstransformation.  

Finanzinstitute können das starke Momentum für sich nutzen, neue Kundensegmente erschliessen und Marktvorreiter werden.  Durch ein solides ESG Risikomanagement können (Nachhaltigkeits-)Risiken frühzeitig entdeckt und bestehende Prozesse optimiert werden.  Nicht zuletzt können Finanzinstitute ganz konkret positiven Impact generieren, beispielsweise durch Finanzprodukte, welche nachhaltige Unternehmen fördern und helfen, Ziele des Pariser Klimaabkommens oder Netto-Null zu erreichen.  Im Bereich Finanzierungsmöglichkeiten stellen wir fest: Investitionen wie auch Kreditvergaben berücksichtigen vermehrt die Nachhaltigkeit der Investition beziehungsweise des Kreditnehmers. So auch die Konditionen der Geldvergabe; je mehr Nachhaltigkeitsziele gefüllt werden, desto vorteilhafter die Kredit- und Finanzierungskonditionen.  

Gleichzeitig kann der regulatorische Tsunami im Bereich Sustainable Finance Compliance Risiken mit sich bringen.  Zudem sind ESG-Daten, auf denen viele Sustainable Finance-Aktivitäten aufbauen, oft mangelhaft und schlecht verfügbar – vor diesem Hintergrund ist es besonders wichtig, dass Sustainable Finance keine Alibi-Übung bleibt.    

Welche Dienstleistungen bietet PwC Schweiz im ESG-Bereich und wie werden diese in der Schweiz nachgefragt?  

Koumbarakis und Lehmann: Wir sehen uns als umfassenden Partner von der ESG-Strategie, der Berücksichtigung aller relevanten regulatorischen Fragen bis zur dedizierten Umsetzung in allen Unternehmensbereichen. Zum Beispiel, NetZero-Strategie und Umsetzung, ESG-Reporting, ESG-Strategie, Sustainable Finance, oder Diversity and Inclusion. In der Schweiz besteht eine hohe Nachfrage für ESG-Dienstleistungen.  

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Quelle: Paolo Dutto

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Welches sind die ESG-Trends für die nächsten Jahre?  

Lehmann: Generell besteht der Trend, dass Unternehmen von opportunistischem Handeln betreffend Nachhaltigkeit wegkommen und das Thema strategisch angehen, mit einem ausbalancierten Transformationsplan, wie das Rating und letztlich der Unternehmenswert langfristig gestärkt werden können.  

Zudem gibt es einen Trend zu Net Zero (Strategie und Reporting) Immer mehr Unternehmen werden dazu aufgefordert, einen transparenten und wissenschaftsbasierten Ansatz zu erstellen, wie sie das Ziel des in den Pariser Abkommen definierten maximalen 1.5 Grad Celsius-Erwärmungsziel unterstützen. Unternehmen treten dabei Netto-Null-Allianzen bei.  

Der stärkste Trend geht von der Finanzindustrie aus, wo immer mehr Banken und Versicherungen und Asset Manager den entsprechenden Netto-Null Allianzen beitreten (Net Zero Insurance Alliance / Net Zero Banking Alliance / Net Zero Asset Management Initiative). Andere Industrien folgen diesem Trend.   Neben den puren CO2-Absenkungszielen wird in Zukunft verstärkt erwartet, dass Unternehmen Anstrengungen im Bereich der Biodiversität unterstützen.  

Betreffend Governance werden neben Themen wie Arbeitssicherheit & Gesundheit (physical / mental health), die die Mitarbeiter betreffen, vermehrt auch Anstrengungen der Unternehmung in Bezug auf die ganze Wertschöpfungskette im Fokus sein.  

Betreffend S wird ein proaktiver Stakeholderdialog und die Umsetzung von entsprechenden Forderungen immer relevanter.     

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