Die Havarie des Containerschiffes «Ever Given» im Suezkanal hat weit über die Logistikbranche hinaus vor Augen geführt, wie wenig es braucht, um wichtige Transportrouten zu blockieren. Solche und andere Ereignisse werden sich mit grosser Wahrscheinlichkeit auch in Zukunft ereignen und Lieferketten gefährden. Kommt dazu, dass die Corona-Pandemie unter anderem zu Einschränkungen bei den Transportkapazitäten führte, indem sich Container etwa im Westen stapeln, jedoch in Asien zur Beladung benötigt werden. Das wiederum hat sich preistreibend ausgewirkt.

Die aktuelle Situation könnte zur neuen Normalität mutieren. Viele weltweit tätige Unternehmen haben bereits vor Jahren begonnen, ihre Resilienz zu stärken und wo möglich sich beispielsweise von der Strategie des Single Sourcing zu verabschieden, um Klumpenrisiken zu minimieren, indem auf Dual- oder Multi-ple-Sourcing umgeschwenkt wurde.

Näher bei Absatzmärkten

Auch für Nestlé ist die konstante Versorgung mit Rohstoffen in geforderter Quantität und Qualität sowie zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem vorgegebenen Ort eminent wichtig. Inzwischen wird versucht, Lieferanten aufzubauen, die sich näher bei den Fabriken und Absatzmärkten befinden. So wird beispielsweise der für europäische Märkte bestimmte Tomatenanbau neu in der Toskana gefördert, statt wie bisher Konzentrate aus Asien nach Europa zu transportieren.

Hinter dieser eher taktisch anmutenden Beschaffungspolitik steht jedoch eine langfristig angelegte Strategie des Nahrungsmittelmultis, die weit mehr als die Beschaffung umfasst. So begann Nestlé bereits vor zwanzig Jahren, die Art und Weise zu ändern, wie der lokale Einkauf von landwirtschaftlichen Rohstoffen organisiert und beschafft und wie mit den Bauern direkt zusammengearbeitet und auch ländliche Entwicklung gefördert werden soll.

«Der Punkt war, dass wir Nachhaltigkeit schon vor zwanzig Jahren messbar machen wollten», erzählt Hans Jöhr, bis vor kurzem als Corporate Head of Agriculture verantwortlich für die technische und strategische Leitung der weltweiten Lieferkette von landwirtschaftlichen Rohstoffen der Gruppe.

Der Startschuss fiel damals, 2001, mit der Lancierung der Sustainable Agriculture Initiative Nestlé (SAIN), einer nachhaltigen Landwirtschaftsinitiative. Als unternehmensweite Initiative zielt sie darauf ab, gute landwirtschaftliche Praktiken (sogenannte Good Agricultural Practices, GAP) auf Stufe Bauernhof zu etablieren und die Lieferkette von «farm to factory» zu optimieren. «Mit der Initiative wollen wir die Aspekte der Qualitätssicherung in der Landwirtschaft, der Lebensmittelsicherheit und der Hygiene verbessern – und die Leistung steigern», fasst Jöhr zusammen. Dies soll die Lebensqualität allgemein verbessern und einen Beitrag zu einer gesünderen Zukunft leisten.

Steigende Nachfrage

Der wichtigste Treiber zur Anpassung von Nestlés Beschaffungsstrategie sind primär die Präferenzen der Konsumentinnen und Konsumenten in Bezug auf funktionale und emotionale Produktvorteile. Zudem: Bevölkerungsdynamik und Wirtschaftswachstum führen trotz begrenzten natürlichen Ressourcen zu einem weltweit steigenden Nahrungsmittelbedarf und damit zu einer steigenden Nachfrage nach landwirtschaftlichen Erzeugnissen.

Durch Agripreneurship möchte Nestlé, dass Landwirte den Wandel annehmen und fit werden.

Mit der Entwicklung neuer Technologien und digitaler Innovationen war SAIN massgeblich am Peer-to-Peer-Lernen und dessen Einführung auf den Märkten beteiligt und bildete gemäss Hans Jöhr «viele Hunderttausende Landwirte in mehr als fünfzig Ländern» aus. Gefördert wird auch die Zusammenarbeit mit externen lokalen und internationalen Berufsverbänden und Institutionen, um die nachhaltige Entwicklung in der Landwirtschaft weltweit zu fördern.

Im Interesse der gesamten Branche

Treiber dazu ist auch hier Hans Jöhr. So ist er Mitbegründer und Ehrenpräsident der Plattform Sustainable Agriculture Initiative SAI, einer Initiative für nachhaltige Landwirtschaft der Lebensmittelindustrie sowie weiterer Fachorganisationen.

SAI wurde 2002, ein Jahr nach der Lancierung von SAIN, gegründet. Und zwar von Nestlé zusammen mit den Konkurrenten Unilever und Danone. Jöhr: «Wir haben den vorwettbewerblichen Charakter dieser Initiative für die gesamte Lebensmittelindustrie klar erkannt. SAI ist ein einzigartiges Forum für Diskussionen, Massnahmen und Lösungsfindung zwischen Peers mit dem gleichen Zweck: der Förderung nachhaltiger landwirtschaftlicher Praktiken, die weltweit lokal angepasst werden.» Heute sind auf der Plattform über 130 Firmen der Lebensmit-tel- und Getränkeindustrie auf allen fünf Kontinenten tätig.

Ausrichtung auf der ganzen Welt

Die Einblicke in Fragen der landwirtschaftlichen Nachhaltigkeit und der kontinuierliche Austausch mit marktwirtschaftlichen Dienstleistungen trugen dazu bei, das Verständnis und die Notwendigkeit strukturierter rohstoffspezifischer unternehmensweiter Programme wie des Nestlé-Kakao-Plans und des Nes-café-Plans zu fördern. Später wurde auch ein Milchplan erstellt. «Diese Pläne sind entscheidend, um den Wandel in Schlüsselkategorien durchgängig voranzutreiben. Sie stellen nicht nur die Versorgung mit Rohstoffen aus verantwortungsbewussten Quellen sicher, sondern fördern auch Innovation und betriebliche Effizienz», ist der bisherige Landwirtschaftschef von Nestlé überzeugt.

Die SAIN- wie auch die SAI-Plattform sollen eine Vordenkerrolle für neue Lebensmittelsysteme und eine Kreislaufwirtschaft kultivieren. «Diese ermöglichen neue Wege der Zusammenarbeit, die Erprobung modernster Technologien und Innovationen sowie den Austausch von Erfahrungen und Erkenntnissen in der Branche», betont Hans Jöhr. Darüber hinaus sei SAIN ein hervorragendes Instrument für die Ausrichtung von Unternehmen und die Leitung des Agrar-Service-Teams auf der ganzen Welt. «Es ist eine kostengünstige Methode zur Überwachung und Berichterstellung, selbst in Zeiten, in denen digitale Tools und KI als ultimative Lösung gelobt werden», so Jöhr.

Die langjährigen Erkenntnisse aus SAIN-Projekten in «Farmer Connect» ermöglichten es, das «Nestlé Agri preneurship Program», das heute Teil der Nestlé- Needs-Youth-Initiative ist, masszuschneidern. Durch Agripreneurship möchte Nestlé, dass Landwirte den Wandel annehmen und für die Zukunft fit werden. Landwirte jeden Alters müssen schliesslich die künftige Versorgung der Nestlé- Fabriken mit Rohstoffen sicherstellen. Sie sollen entsprechend «ein profitables landwirtschaftliches Unternehmen führen und einen lohnenden Lebensstil schätzen». Dies allen Widerwärtigkeiten wie Corona und blockierten Lieferketten zum Trotz.

SUSTAINABLE AGRICULTURE INITIATIVE NESTLÉ 
Prinzipien für eine bessere Landwirtschaft

Drei Prinzipien Auf ihnen fusst Nestlés Sustainable Agriculture Initiative SAIN: 1. keine Verschwendung; 2. keine Umweltschäden; 3. keine Zerstörung.

Die schlimmsten landwirtschaftlichen Produktionspraktiken sollen ausgerottet und bessere gefördert werden. Um diese Prinzipien umzusetzen, besteht das SAIN-Netzwerk aus allen Unternehmenseinheiten, die an der Beschaffung von Rohstoffen beteiligt sind. Also F&E, Beschaffung, Qualitätskontrolle, Verarbeitung und Marketing sowie Abteilungen für Unternehmenskommunikation, Konsumentendienstleistungen, öffentliche Angelegenheiten und Investor Relations. Nestlé will mit diesen Zielbereichen punkten:

  • Rohstoffe SAIN konzentriert sich hauptsächlich auf die wichtigsten Rohstoffe Milch, Kaffee und Kakao. Andere Rohstoffe von strategischer Bedeutung wie Getreide, Gemüse, Obst, Fisch fallen ebenfalls in den Geltungsbereich.
  • Sicherheit und Qualität Die besten Erkenntnisse zur kontinuierlichen Verbesserung der Qualitätsproduktion auf Stufe Landwirtschaftsbetriebe werden ausgetauscht. Dazu gehört auch die Fokussierung auf verbesserte Transparenz, Rückverfolgbarkeit und Qualitätssicherung.
  • Mengen und Zeitpunkt Die zuverlässige Versorgung mit den erforderlichen Rohstoffmengen zum richtigen Zeitpunkt ist ein wesentlicher Faktor für den erfolgreichen Betrieb von Fabriken und die Qualitätssicherung des Endprodukts.
  • Wettbewerbsfähige Kosten SAIN trägt dazu bei, die Produktionskosten auf Betriebsebene zu senken, das Einkommen der Landwirte/Lieferanten zu verbessern und einen gemeinsamen Wert in der gesamten Lieferkette zu schaffen.
  • Anbindung SAIN ist in das Lieferkettenprogramm «Farmer Connect» implementiert, mit dem Nestlé direkt auf Farm- oder Genossenschaftsebene beschafft und an das lokale Nestlé-Fabriktor liefert. Rund 6500 Beschaffungsmitarbeitende stellen die Versorgung der Fabriken mit Rohstoffen von rund 630 000 Landwirten sicher.