Die Vollversicherung ist vom Aushängeschild der Vorsorge zu einem Auslaufmodell geworden, so scheint es. Mit Axa ist bereits ein grosser Anbieter aus dem Markt ausgeschieden. Hat das Modell eine Zukunft? 

Urs Bannwart: Der Vollversicherung wird schon seit vielen Jahren ihr Ende vorausgesagt. Trotzdem hat diese Art der beruf­lichen Vorsorge bis heute überlebt, und die nach wie vor vorhandene Nachfrage un­termauert ihre Berechtigung.

In einem idealen Markt besteht die Möglichkeit, dass sowohl Anbieter ein profitables Geschäft betreiben wie auch die Kunden in den Genuss interessanter Konditionen kommen. Im aktuellen Umfeld wird Ersteres laufend schwieriger, ins­besondere auch wegen der regulatorischen Auflagen, welche die Finma für garantieartige Leistungsversprechen verlangt.

Urs Bannwart, Head of Pension Brokerage, ist bei Willis Towers Watson verantwortlich für die Beratung und Betreuung der Kunden im Sammelstiftungsgeschäft.
Adam Casey, Head of Corporate Retirement Consulting, ist bei Willis Towers Watson verantwortlich für die Beratung von Firmen bezüglich beruflicher Vorsorge und anderer Employee Benefits.

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Als Folge davon entscheiden sich die Vollversicherer seit Jahren, am Modell – wenn möglich – festzuhalten. Sie passen die hierfür notwendigen Parameter zu ihren Gunsten an. Mit anderen Worten, Garantien werden tiefer angesetzt und der Preis dafür erhöht. Die Schmerzgrenze bei Versicherern wie auch bei Kunden ist unterschiedlich hoch und wird schlussendlich über die weitere Erosion dieses Marktes entscheiden.

Die verbliebenen Anbieter Swiss Life, Allianz Suisse, Helvetia, Baloise und Pax treten auf die Bremse und gestalten die Konditionen eher unattraktiv. Dennoch scheint die 100-Prozent-Kapitalgarantie ein Bedürfnis der Versicherten zu sein?

Urs Bannwart: Wir denken nicht, dass es die Absicht der Versicherer ist, ein un­attraktives Angebot aufrechtzuerhalten. Aber die aktuelle Entwicklung führt im Ergebnis tendenziell schon dazu. Wie echt dieses Bedürfnis seitens der Versicherten ist, ist schwierig abzuschätzen. Unseres Erachtens ist es für eine durchschnittliche versicherte Person schwierig, den Umfang der Garantie sowie deren Kosten abzuschätzen und alternative Modelle zu vergleichen. Eines scheint klar zu sein: Es gibt Arbeitgeber und Arbeitnehmer, welche eine Vollversicherungslösung bevorzugen. Solange das Angebot vorhanden ist, wird es also Kunden geben.

Wenn überhaupt, bekommen nur noch Unternehmen mit einer «gesunden» Altersstruktur der Belegschaft eine Offerte. Die strengen Vorschriften des Swiss Solvency Test (SST) gelten als ein Grund für die selektive Neuaufnahme in der Vollversicherung. Könnte eine ­Anpassung für Abhilfe sorgen?

Urs Bannwart: Davon kann ausgegangen werden, aber die Definition einer «ungesunden» Altersstruktur beschäftigt wohl auch die meisten anderen Pensionskassen. Neben der Anzahl potenzieller Neurentner in der nahen Zukunft schliesst diese Betrachtung auch das Verhältnis zwischen obligatorischem und überobligatorischem Altersguthaben ein. Je weniger von Letzterem vorhanden ist, desto wahrscheinlicher ist ein «unprofitabler Rentner». Dies, weil das obligatorische BVG-Guthaben nach wie vor mit einem viel zu hohen Umwandlungssatz verrentet werden muss. Aus diesem Grund erstaunt es nicht, dass der Umstand selektiver Anbieter im übrigen Sammelstiftungsgeschäft immer häufiger eine Auswahl einschränkt.

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«Das Tragen angemessener Risiken ist absolut in der DNA einer schweizerischen Pensionskasse und vom System vorgesehen.»
Urs Bannwart

Andere fordern geringere Kapitalanforderungen in der Schweiz. Was jedoch auch wieder das Risiko erhöht ... 

Urs Bannwart: Dass die Kapitalanforderungen auf das Geschäft drücken, trifft nur auf das durch die Versicherer betriebene Vollversicherungsgeschäft zu. Die Finma ist nicht für die übrigen Pensions­kassen zuständig. Wir glauben, dass die Versicherer mit dieser Forderung bewusst umgehen und ihr Geschäft so weit im Griff haben, als dass sie trotz eines tieferen Sicherheitsniveaus für die Vollversicherung nicht plötzlich ihre Risikoposition allzu drastisch verschlechtern. Das ist nicht in ihrem Interesse. Man darf nicht vergessen, dass die Garantien in einer Nicht-Vollversicherung auch ziemlich bedeutend sind, für diese Organisationsformen jedoch keine vergleichbaren Solvabilitätsvorgaben existieren. Das Tragen angemessener Risiken ist absolut in der DNA einer schweizerischen Pensionskasse und vom System vorgesehen.

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Gibt es so etwas wie ein Recht auf die Vollversicherung? 

Urs Bannwart: Das gibt es nicht, weder ein effektives noch eines aufgrund eines historischen Bezuges. Wir sind der Überzeugung, dass die Vollversicherung in den nächsten Jahren der Substitution ausgesetzt sein wird, weshalb Unternehmen sowie deren Mitarbeiter sich bereits vor­gängig über die Alternativen informieren sollten. 

Was, wenn sich alle Anbieter aus dem Geschäft zurückziehen? Könnte die Stabilität des ganzen Systems in Gefahr geraten? 

Adam Casey: Nein, ganz klar nicht. Die Stabilität des Systems ist nicht von einzelnen Produkten abhängig, sondern davon, wie das vorhandene Angebot betrieben wird. Und diesbezüglich bewährt sich das schweizerische Milizsystem fortlaufend – trotz Reformbedarf. Natürlich würde sich die Landschaft des Pensionskassenmarktes weiter verändern. Schlussendlich hat sich der Pensionskassenmarkt von jeder bisherigen Krise wieder erholt; und das ohne grössere bleibende Schäden.

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Wie hoch schätzen Sie das Risiko ein, dass Pensionskassen mehrheitlich in Unterdeckung geraten und die Versicherten Leistungskürzungen hinnehmen müssen?

Adam Casey: Eine Unterfinanzierung ist schwer vorherzusagen, aber die meisten Pensionskassen bleiben trotz des schwierigen Starts ins Jahr 2020 für Investitionen knapp über 100 Prozent Finanzierung. Wir gehen davon aus, dass eine Chance besteht, dass es erneut zu einer Unter­finanzierung kommen wird. Es bedarf nur eines weiteren Marktschocks, damit die Deckungsgrade wieder unter 100 Prozent sinken. Eine solche Volatilität des Anlagemarktes wird bei ausgewogenen Portfolios allgemein erwartet. Wir denken nicht, dass dies auf längere Sicht zu besonderen Leistungskürzungen für die Mitglieder führt. Wir gehen jedoch nach wie vor davon aus, dass die Rentenumwandlungssätze bei halbautonomen Lösungen in den kommenden Jahren weiter sinken werden, bevor eine Stabilisierung oder sogar ein Anstieg eintritt. Der Grund hierfür ist, dass die meisten derzeitigen Umwandlungssätze höher sind als das, was unter den derzeitigen Marktbedingungen längerfristig tragbar ist.

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Die überwiegende Mehrzahl der Sammelstiftungen verlangte in ihrer gesamten Geschichte, einschliesslich der Finanzkrise 2008/09, noch nie Sanierungsbeiträge von den Arbeitgebern oder Arbeitnehmern.

Mit teilautonomen Lösungen werden die Kapitalmarktrisiken auf die Vorsorgeversicherten transferiert – die keinerlei direkten und kaum indirekten Einfluss auf die Anlageentscheide und das Marktgeschehen haben. Sehen Sie darin ein Ungleichgewicht? 

Adam Casey: Ganz klar nein, denn dadurch werden auch Chancen auf die Versicherten übertragen: Die zu erwartenden Zinsgutschriften und auch die Umwand­lungssätze sollten im längerfristigen Vergleich höher ausfallen. In der Vollversicherung hat der Versicherte ebenfalls keinen Einfluss auf die Anlageentscheide. Wenn sein Guthaben wegen zu konservativer Anlage nicht angemessen am Markt­geschehen partizipiert, dann ist dies genauso ein Risiko für die Versicherten. Man muss zudem davon ausgehen, dass die Mehrheit der Versicherten gar keinen Einfluss auf die eigene Anlage des Altersguthabens nehmen möchte. Das direkte Anlagerisiko wird nur bei spezifischen Lösungen auf Lohnteilen über 128'000 Franken komplett auf die Versicherten übertragen. In diesen so­genannten 1e-Plänen entscheidet jeder Versicherte individuell über die Anlage seines Altersguthabens. Damit sind nicht nur die Risiken, sondern auch die Chancen auf zusätzliche Rendite individualisiert.

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Die in der BVG-Reform angestrebte Reduktion des Umwandlungssatzes soll unter anderem mit einem pauschalen Rentenzuschlag von 200 Franken pro Monat für alle abgefedert werden. Dieser wäre, wie in der AHV, über das Umlageverfahren zu finanzieren. Ist das schon ein Schritt hin zu einem Umlageverfahren? 

Adam Casey: Es handelt sich um eine Übergangslösung, deshalb würden wir nicht von einem Systemwechsel sprechen. Wir finden es keine gute Lösung, im Giesskannenprinzip eine simple Umver­teilung vorzunehmen. Schlussendlich geht es darum, eine praktikable Umsetzung einer Gegenmassnahme zu implementieren. Die Finanzierung der 2. Säule mit der 1. Säule zu vermischen, wäre fatal, und wir sind der Überzeugung, dass ein unterschiedlicher Ansatz für die beiden wichtigsten Pfeiler des schweizerischen Vor­sorgesystems nach Möglichkeit beibehalten werden sollte. 

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Hat die kapitalgedeckte 2. Säule angesichts vermutlich noch langanhaltender Tiefzinsen und unter den hiesigen Rahmenbedingungen überhaupt noch eine Chance, oder fährt ein umlagegedecktes System am Ende nicht doch besser?

Adam Casey: Die Pensionskassen im Kapitaldeckungsverfahren werden langfristig in der Lage sein, mit angemessenen Risiken die notwendige Performance zu erreichen, die für den gesunden Fortbestand des Systems der beruflichen Vorsorge notwendig ist. Dieses System mit vom Staat und von Arbeitgebern getrennten, vermögensbasierten Stiftungen bietet ein sicheres und ausgewogenes Ergebnis für die Aktiven und für die Rentner. Es wird durch die Arbeitgeber und die Arbeitnehmer zusammen getragen und beweist sich laufend als starkes Argument für ein durch Vermögenswerte gesichertes System im Vergleich zu einem Umlagesystem.

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Über Willis Towers Watson
Willis Towers Watson (Nasdaq: WLTW) gehört zu den weltweit führenden Unternehmen in den Bereichen Advisory, Broking und Solutions. Die Wurzeln des Unter­nehmens datieren aufs Jahr 1828. Heute ist Willis Towers Watson mit 45'000 Mitarbeitern in über 140 Ländern aktiv. In der Schweiz hat das Unternehmen Niederlassun­gen in Zürich, Genf und Lausanne. Willis Towers Watson veröffentlicht unter anderem vierteljährlich den «Swiss Pension Finance Watch», der die Auswirkungen von Kapitalmarktentwicklungen auf die Finanzierung von Vorsorgeplänen in der Schweiz untersucht. Demnach haben sich die Pensionskassen-Bilanzen der Schweizer Unternehmen dank der Markterholung im zweiten Quartal erfreulich verbes­sert. Dies führte dazu, dass der Willis-Towers-Watson-Pensionsindex auf über 100% zurückkehrte. Der Index basiert auf dem International Accounting Standard 19 (IAS 19) und stellt die quartalsweise Entwicklung des Ausfinanzierungsgrads unter IAS 19 dar, statt den sonst typischen Deckungsgrad der schweizerischen Vorsorgepläne anzugeben.