Das Sorgenbarometer 2019 der Credit Suisse zeigt, dass die Altersvorsorge wie bereits in den beiden Vorjahren bei der Schweizer Bevölkerung auf Platz eins steht. Seit Jahren sind die Versicherten bei der beruflichen Vorsorge wegen der steigenden Lebenserwartung mit sinkenden Umwandlungssätzen und tieferen Altersrenten konfrontiert. Glücklicherweise haben viele Versicherte in den letzten Jahren aufgrund der guten Börsenentwicklung aber auch von einer attraktiven Verzinsung ihres Altersguthabens profitiert. 

Infolge der Corona-Krise haben die negativen Verwerfungen an den Aktienmärkten im ersten Quartal 2020 die Ängste verstärkt. Für KMU ist es wichtig, sich auf eine solide, kompetitive Pensionskassenlösung verlassen zu können. Die Wahl der geeigneten Vorsorgeeinrichtung ist anspruchsvoll und zeitintensiv. Verschiedene Parameter und Aspekte müssen analysiert, Chancen und Risiken beleuchtet und unterschiedliche Blickwinkel eingenommen werden. Es ist ratsam, bestehende Vorsorgelösungen periodisch zu überprüfen und die Konditionen neu zu verhandeln. Die Mitarbeitenden und die Arbeitnehmervertretung sind zwingend in den Prozess einzubinden. Das schafft Klarheit, Vertrauen und sichert ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. 

 

Autor:
Stefan Leuenberger ist bei Kessler & Co AG Mitglied der Geschäftsleitung und verantwortlich für Health & Benefits sowie für HR Risk Management.

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Unterschiedliche Organisationsformen 

Grossunternehmen führen meistens eine eigenständige Pensionskasse. KMU erreichen nur selten die dafür nötige Grösse für eine kosteneffiziente Verwaltung, weshalb sie sich typischerweise einer Sammel- oder Gemeinschaftsstiftung anschliessen. Die Pensionskassenlösungen lassen sich grob in fünf Gruppen einteilen (siehe nachstehende Grafik).

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Quelle: KESSLER & Co. AG

Erster Schritt in der Evaluation einer Pensionskassenlösung ist die Festlegung der Organisationsform. Je nach gewähltem Modell variiert die Ausprägung der Mitbestimmung, der Transparenz und der Flexibilität bei der Umsetzung. Das zeitliche Engagement und das erforderliche Fachwissen sind je nach Lösung hoch oder tief, dies beeinflusst die zu übernehmende Verantwortung. Die Anzahl der Mitarbeitenden, die Höhe des vorhandenen Vorsorgekapitals und der Altersdurchschnitt der Belegschaft sind Kennzahlen, die eine erste Eingrenzung ermöglichen. Die Angebotspalette ist gross, und es bestehen mehrschichtige Spannungsfelder. Zentral ist die Klärung der Risikobereitschaft und -neigung des Unternehmens und der Mitarbeitenden. Die Vollversicherungslösung bietet jederzeit einen 100-prozentigen Kapitalschutz der Vorsorgegelder. Dies ist in Zeiten mit negativer Börsenentwicklung vorteilhaft. Tendenziell ist dieses Modell im Marktvergleich teurer, und die Renditeaussichten sind wegen der tiefen Aktienquote weniger attraktiv. Das Modell bietet KMU die gesuchte Stabilität. Die maximal mögliche Sicherheit hat ihren Preis, auch was die zu erwartende Verzinsung der Altersguthaben anbelangt. 

«Das Sammelstiftungsmodell bietet neben der firmeneigenen Stiftung die höchste Flexibilität für grössere Unternehmen. Für kleine und mittlere Unternehmen ist es wichtig, sich auf eine solide Pensionskassenlösung verlassen zu können.»

Die höhere Aktienquote im Modell der (teil)autonomen Sammelstiftung bietet ein grösseres Renditepotenzial mit längerfristig positivem Effekt auf die Verzinsung der Altersguthaben und die Altersleistungen. In der Variante «Individualanlage» legt das angeschlossene Unternehmen mit seiner Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertretung (paritätische Kommission) die Anlagestrategie anhand der Risikofähigkeit selbst fest. Chancen und Risiken aus dem Anlageprozess trägt das angeschlossene Unternehmen selbst. Wertschwan- kungsreserven werden eigenständig aufgebaut und der Deckungsgrad individuell berechnet. Die Verzinsung der Altersguthaben wird auf Basis des Anlageergebnisses und des Deckungsgrades durch die paritätische Kommission festgelegt. Bei einer Unterdeckung müssen Sanierungsmassnahmen durch die paritätische Kommission definiert und durch den Betrieb und die Mitarbeitenden getragen werden. Dieses Sammelstiftungsmodell bietet neben einer firmeneigenen Stiftung die höchste Flexibilität für grössere KMU. Die paritätische Kommission muss sich allerdings aktiver engagieren, und die Führung ist anspruchsvoller. Das flexible Modell ist eine attraktive Alternative für Unternehmen mit einer kritischen Grösse, die eine Auflösung der firmeneigenen Stiftung prüfen wollen. 

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Wichtige Aspekte bei der Wahl einer Sammeleinrichtung

Die Sicherheit steht bei einer Sammel- oder Gemeinschaftsstiftung an erster Stelle. Die Anlagestrategie, der Deckungsgrad, der technische Zinssatz zur Berechnung der Rentenverpflichtungen und der Rentneranteil sind kritisch zu analysieren. Der gesetzliche Deckungsgrad nach Art. 44 BVV 2 ist allerdings nicht eins zu eins vergleichbar. Je tiefer der technische Zinssatz ist, desto vorsichtiger kalkuliert die Sammelstiftung künftige Rendite- erwartungen. Der technische Zinssatz bewegt sich bei den meisten Sammelstiftungen zwischen 1,75 und 2 Prozent. Der Deckungsgrad ist deshalb immer zusammen mit dem technischen Zinssatz und der technischen Berechnungsgrundlage (Sterbetafel) zu beurteilen. Die Höhe des Rentneranteils einer Stiftung muss ebenfalls kritisch beleuchtet werden. Je höher der Rentneranteil ist, desto tiefer fallen Sanierungswirkungen bei einer allfälligen Unterdeckung aus. 

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Grosse Unterschiede im Tagesgeschäft 

Für KMU und deren Mitarbeitende sind der Vergleich der Risiko- und Verwaltungskosten und die Preisstabilität wichtig. Anlagestrategie, Rendite und Verzinsung der Altersguthaben sowie der Umwandlungssatz für die Altersrentenberechnung sind genau zu vergleichen und zu beurteilen. Im Vorfeld eines Wechsels sind die Dienstleistungsqualität und die Leistungsabwicklung der offerierenden Sammelstiftung oft schwierig einzuschätzen. Bei Onlineportalen für die Abwicklung des Tagesgeschäftes gibt es erhebliche Unterschiede zwischen den Anbietern. Auch die sprachliche Flexibilität des Kundendienstes kann ein wesentliches Kriterium für oder gegen einen Anbieter sein. 

Stolpersteine bei einem Wechsel 

Die Kündigung des Anschlussvertrages an eine Pensionskasse setzt die vorgängige Zustimmung der Mitarbeitenden oder einer allfälligen Arbeitnehmervertretung voraus. Dies bedeutet, dass die Mitarbeitenden ein echtes Mitwirkungsrecht haben. Dieser Grundsatz wurde mit einem Urteil des Bundesgerichtes vom 5. Mai 2020 bestärkt. Das Urteil verdeutlicht die Wichtigkeit eines stringent geführten Pensionskassenprojektes mit vernünftiger Zeitplanung und einer verständlichen, vertrauensvollen Kommunikation. Ausserdem ist darüber hinaus eine umfassende Dokumentation unerlässlich. Es wird erwartet, dass das Urteil in Zukunft noch wegweisende Auswirkungen auf die Sammelstiftungen haben wird.
 
Reglementarische Leistungsabweichungen, erforderliche Gesundheitsprüfungen und der Umgang mit zu übernehmenden Rentnern und temporären Krankheiten oder Unfällen bilden die Stolpersteine. Ausserdem sind die Auflösungs- und Transferkosten genau zu analysieren. Befindet sich die bisherige Pensionskasse zum Beispiel in einer Unterdeckung, werden die Altersguthaben bei einem Wechsel unter Umständen gekürzt, respektive der Arbeitgeber muss die Differenz ausgleichen. 

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Für Unternehmen, die nach internationalen Rechnungslegungsstandards (IFRS, US GAAP) bilanzieren, sind die Auswirkungen auf die finanziellen Verpflichtungen vor einem Wechsel in jedem Fall sorgfältig zu prüfen. Unterschiedliche Umwandlungssätze für die Rentenberechnungen können unter Umständen zum Beispiel zu einem erheblichen Rückstellungsbedarf führen und die Konzernrechnung belasten. 

Ausblick 

Neben den bereits beleuchteten Themenfeldern dürften künftig die Aspekte der Nachhaltigkeit in der Bewirtschaftung der Kapitalanlagen stärker in den Fokus rücken. Die Anwendung von Ausschlusskriterien und der aktive Einsatz von nachhaltigen, klimaverträglichen Anlageinstrumenten werden wohl an Bedeutung zulegen. Auch das Engagement der Sammeleinrichtungen im Zusammenhang mit der Ausübung ihrer Stimmrechte dürfte an Bedeutung gewinnen. Eine Pensionskasse muss umfassenden, langfristigen Schutz für alle Versicherten bieten. Dabei sind die Interessen der unterschiedlichen Altersgruppen und Generationen ausgeglichen und fair zu berücksichtigen.