1. Home
  2. Unternehmen
  3. Traditionsunternehmen treffen Start-ups

Traditionsunternehmen treffen Start-ups

Logos von den Klubmitgliedern
Logos von den Klubmitgliedern

Schweizer Unternehmen, die über 150 Jahre alt und immer noch erfolgreich sind, machen vieles richtig. Innovation gehört hier zur Tradition.

Von Pirmin Schilliger
2011-10-12

Touristen und Passanten verknüpfen den Schriftzug SNG Lake-Lucerne mit einem Ausflug auf dem Vier­wald­stättersee. Das Unternehmen vermietet an zentraler Lage in Luzern kleine Pedalos sowie Motor- und Segelboote. Fast im Stundentakt stechen an klaren Tagen zudem grössere Fahrgastschiffe mit Ausflugsgesellschaften ins Wasser. «Wir bieten alles rund ums Boot an», erklärt Geschäftsführer René Untersee. Dabei fällt sein Blick wie zufällig auf einige schnittige, importierte Jachten, die demnächst verkauft werden sollen.

Fast so alt wie der Rütlischwur

Die St. Niklausen Schiffgesellschaft (SNG) gilt als ältestes Unternehmen der Schweiz und ist damit Mitglied von Suite 150. In diesem Klub, den die «Handelszeitung» zu ihrem diesjährigen 150-Jahr-Jubiläum ins Leben rief, sind die ältesten Firmen der Schweiz versammelt, die mindestens 150 Jahre alt sind und nach wie vor existieren. Sie alle verbindet nebst dem Alter etwas Weiteres: Sie sonnten sich im Laufe der Jahrhunderte nie im Erfolg, sondern entwickelten sich stets weiter und brachten Tradition und Innovation stets aufs Neue miteinander in Einklang.

Die St. Niklausen Schiffgesellschaft wird 1357 erstmals schriftlich im sogenannten Schiedsspruch von Beckenried erwähnt. Darin wurde ein Streit um Landerechte beigelegt, der ­damals zwischen den Lohnrudereien in Luzern und Flüelen tobte. Deren Schiffsbrüder waren zunftmässig organisiert und besorgten unter dem Schifffahrtsschutzpatron St. Niklaus den Transport der ­Waren übers Wasser zum Gotthard. Die «Sami­chläusler» trotzten über die Jahrhunderte allen Stürmen der Zeit.

Heute wird der Betrieb mit seinen rund 30 Beschäftigten nach modernsten öko­nomischen Prinzipien geführt. Bezüglich Rechtsform ist die SNG seit 1870 eine ­Genossenschaft. Die Zahl der Mitglieder ist limitiert auf 50 Personen, die nach einem strengen Prozedere gewählt werden. Das Reglement ist auf eine konservative und seriöse Finanzierung ausgerichtet. Das Geld kann folglich weder abgeschöpft noch kann damit spekuliert werden. Die Generalversammlung, die Dreikönigsbot heisst, wird traditionell am 6. Januar abgehalten. Die Motivation, ein Genossenschafter zu werden, ist nicht die bescheidene Ausschüttung, sondern die Pflege von Geselligkeit und Beziehungen. Letztlich trifft sich hier ein exklusiver Kreis von Luzerner Unternehmern.

Für Chef René Untersee gibt es keinen Zweifel, dass gerade das Genossenschaftsmodell ein wesentlicher Grund für die Überlebenskraft der SNG ist. «Das strikte Reglement sorgt dafür, dass die Substanz erhalten bleibt.» Das allein garantiere nicht alles. Eine schwierige Phase gab es vor rund 30 Jahren, als er die Geschäftsführung übernahm. Untersee musste den bislang handwerklich geführten Betrieb neu aufstellen. «Heute zeigt sich, dass es richtig war, gegen den damaligen Zeittrend nicht auf Spezialisierung, sondern auf mehrere Standbeine zu setzen.»

Wesentlich jünger als die SNG, aber doch schon 150 Jahre alt, ist Bico. Es ist neben der Maschinenfabrik Emil Suter und dem Kaufmännischen Verband Zürich das jüngste Suite-150-Mitglied (siehe Kasten). 1861 begann Gründer Meinrad Birchler mit der industriellen Herstellung von Polsterwatte in Reichenburg SZ.

Mit Matratzen jung geblieben

Daraus entwickelte sich bald einmal die Produktion von Matratzen «für a tüüfä gsundä Schlaaf». Der legendäre Werbe­slogan, der vor genau 20 Jahren letztmals genutzt wurde, bleibt unvergessen. Er begründete den für ein Unternehmen dieser Grösse aus­sergewöhnlichen Bekanntheitsgrad. Bico, das 120 Angestellte zählt, blieb lange ein Familienbetrieb, bis 1988 Herbert und Manfred Birchler, zwei Nachkommen des Gründers, die Firma an Merkur (die spätere Valora) verkauften. Nach einer schwierigen Phase ging Bico dann vor zehn Jahren an den schwedischen Bettenhersteller Hilding Anders. Der global ausgerichtete, in 40 Ländern tätige Konzern zählt über 5000 Mitarbeiter.

Bico ist unter den Schweden wieder aufgeblüht, funktioniert aber weiter wie ein klassisches Schweizer KMU. Produziert wird heute in Schänis SG, und zwar nach wie vor vor allem für den Inlandmarkt. Für Bico-Chef Martin Frutig, der seit dem letzten Eigentümerwechsel die Geschicke der Firma leitet, ist in der jüngsten Dekade die Zugehörigkeit zu einem grossen Konzern das Erfolgsrezept. «Wir profitieren von besseren Konditionen beim Einkauf, von einer gemeinsamen IT-Plattform und von modernsten Managementmethoden. Das alles­ hat bei uns zu einer klaren Produk­tivitätssteigerung geführt.» Blickt er weiter in der Geschichte zurück, so bildet die stets innovative Ausrichtung einen weiteren Teil des Jungbrunnens. Die Ingenieure arbeiteten immer wieder mit der Empa, mit dem Zürcher Zentrum für Ergonomie und Hygiene sowie mit Schlafforschern zusammen.

Wichtig scheint Frutig weiter, dass es kein Ausruhen auf Lorbeeren gibt. «Alle Vorteile, die sich ein Unternehmen erarbeitet hat, können schnell zunichte sein, wenn nicht stets an Verbesserungen ge­arbeitet wird.» Der Chef nimmt für sich und seine Leute in Anspruch, in den vergangenen Jahren einen guten Job gemacht zu haben. Bico gelte heute als wichtiges Mitglied der Gruppe und sei 2010 unter den 30 Töchtern des schwedischen Konzerns Hilding Anders zur «Company ofthe Year» gewählt worden.

Für Wirtschaftsprofessor Thomas Zellweger, der an der Universität St. Gallen die Überlebensfähigkeit von Firmen syste­matisch untersucht, beruht das hohe Alter von Bico und SNG nicht auf Zufall. «Per se alt zu werden, kann zwar kein Ziel sein. Die Kunst besteht vielmehr darin, alt zu werden und weiterhin Wert zu generieren.» Häufig verpassten es Betriebe, sich rechtzeitig von überholten Modellen zu verabschieden. «Übertriebene emotionale Bindungen, verkrustete Führungsstruk­turen, zerstrittene Eigentümer blockieren oft den notwendigen Wandel.»

Im Genossenschaftsmodell der SNG kommen laut Zellweger hingegen einige Vorteile zusammen: Es werde langfristig investiert, ohne dass die Beteiligten das Unternehmen als Vehikel für die persönliche Bereicherung sähen. Zudem sichere das Netzwerk der Mitglieder den Zugang zu Informationen und Wissen. Notfalls seien die Genossenschafter auch bereit, zusätzliche Ressourcen in die Gesellschaft einzubringen.

Bildergalerie: Die besten zehn start-ups

Anzeige