Es gibt Hoffnung. Der US-Pharmakonzern Biogen vermeldete letzte Woche, dass er ernsthafte Chancen für eine Therapie gegen Alzheimer sieht. Die Biogen-Forscher hatten den Wirkstoff Aducanumab fast schon abgeschrieben, aber eine weitere Überprüfung der klinischen Tests zeigte, dass die Patienten auf hohe Dosen gut reagiert hatten. Offenbar bremst der Antikörper den Abbau der Gedächtnisleistung tatsächlich; und womöglich verbessert er die Fähigkeit der Alzheimer-Patienten, ihren Alltag selbstständiger zu bewältigen. Sollte sich das bestätigen, so wäre es der erste echte Therapieerfolg gegen eine Krankheit, die in der Schweiz 150'000 Menschen betrifft. Und die mit der steigenden Lebenserwartung alle Gesundheitssysteme vor gewaltige Aufgaben stellt.

Nun muss man wissen, dass Aducanumab in Schlieren, Kanton Zürich, entdeckt wurde, von einer Forschungsfirma namens Neurimmune. Sie war 2006 aus der Universität Zürich heraus entstanden. Und Biogen selber baut momentan in Luterbach, Kanton Solothurn, eine biopharmazeutische Produktionsanlage, die 600 Personen beschäftigen soll. Investitionssumme: rund 1,5 Milliarden Franken. Allerdings wurde das Projekt in der Öffentlichkeit weniger laut gefeiert als etwa die Bürobezüge von Google oder Stellenpläne von Facebook in Zürich.

Es ist ein interessantes Paradox, dass die Schweiz in einem kapitalen Zukunftsfeld enorm stark ist: Pharma-, Bio- und Healthtech. Aber zugleich blicken wir aus diesem Gesundheits-Silicon-Valley neidisch nach Kalifornien oder bang nach China, weil die dortigen Tüftler in Sachen Digitalisierung und AI offenbar meilenweit voraus sind. Es gibt Pilgerreisen ins Umland von San Francisco und es gibt allerlei Veranstaltungen, an denen Politiker und Manager die digitale Fitness unseres Landes bemängeln. Doch anderseits gibt es keine «Swiss Healthtech Tours» oder «Swiss Biotech Days», zu denen neugierige Amerikaner und Chinesen anreisen würden.

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«Medikamente machen sage und schreibe 39 Prozent unserer Exporte aus. Aber die Schweiz ist immer noch das Land der Banken.»

Dabei greift hier nicht bloss der Life-Sciences-Cluster längst über den Raum Basel hinaus; er erstreckt sich von Schlieren bis zum Genferseebogen. Und daneben werkelt ein ebenfalls tonangebender Medtech-Sektor: In keinem anderen Land ist die volkswirtschaftliche Bedeutung der Gesundheitstechnologie so wichtig wie in der Schweiz. Abgerundet wird das durch diverse Uni- und ETH-Forschungserfolge mit globaler Ausstrahlung. Oder durch Spitäler, die zu beliebten Zielen des Medizintourismus geworden sind.

Interessant ist dabei, wie wenig sich diese Realität im Selbstbild niederschlägt. Medikamente machen sage und schreibe 39 Prozent aller helvetischen Exporte aus, aber die Schweiz ist auch noch 2019 eher das Land der Banken, der Uhren und der Skipisten als das Valley von Life Sciences und Healthcare. Darin mag sich auch die Kultur der entsprechenden Branchen spiegeln. Zur grossen Alzheimer-Ankündigung aus den USA setzten die Wissenschafter in Schlieren ein kurzes Statement auf ihre Website. Im Übrigen verzichteten sie darauf, ins Rampenlicht zu drängen.