Google-Mitarbeiter werfen der Konzernleitung vor, sie intern zu überwachen. Dazu solle eine Erweiterung im Google-Browser Chrome dienen, der auf allen Firmencomputern installiert ist. Ziel des Tools sei es, die Versuche von Arbeitnehmern zu kontrollieren, die Veranstaltungen über Arbeitnehmerrechte organisieren wollen, berichtet «Bloomberg». Erst vor wenigen Tagen hatte eine solche Veranstaltung für Spannungen bei Google in Zürich gesorgt.

Die Chrome-Erweiterung meldet demnach automatisch Mitarbeiter, die ein Kalenderereignis mit mehr als zehn Räumen oder mehr als 100 Teilnehmern erstellen. Das beschreibt ein internes Memo eines Google-Mitarbeiters, das «Bloomberg» vorliegt. In dem Text heisst es: «Dies ist ein Versuch der Führung, sofort von Versuchen der Arbeitnehmerorganisationen zu erfahren.»

Google streitet Vorwürfe vehement ab

Ein Google-Sprecher sagt dazu: «Die Behauptungen über die Absichten mit dieser Erweiterung sind kategorisch falsch. Es handelt sich um eine Popup-Erinnerung, welche die Leute auffordert, aufmerksam zu sein, bevor sie eine Besprechung zu den Kalendern von einer grossen Anzahl von Mitarbeitern hinzufügen.» Die Erweiterung wurde laut Google ausgelöst, weil der Spam durch Kalender und geplante Events zugenommen habe. Es würden weder personenbezogene Daten erfasst, noch werde die Verwendung von Kalendern gestoppt, vielmehr werde ein Geschwindigkeitsschub hinzugefügt, wenn Mitarbeiter eine grosse Gruppe erreichen möchten.

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Die widersprüchlichen Ansichten über das Tool unterstreichen die wachsenden Spannungen zwischen der Führung von Google und einfachen Mitarbeitern. Am 21. Oktober veranstalteten mehrere Dutzend Mitarbeiter im Büro von Google in Zürich eine Veranstaltung zum Thema Arbeitnehmerrechte und Gewerkschaftsbildung, obwohl die Manager versuchten, diese abzubrechen. Im vergangenen Monat stimmten Vertragsarbeiter von Google in Pittsburgh für den Beitritt zu United Steelworkers, der dortigen Gewerkschaft der Stahlarbeiter (siehe Info-Box).

Durchsetzung von «Community-Richtlinien»

Das Memo des Mitarbeiters besagt, dass die Chrome-Erweiterung Google-Mitarbeitern dabei helfen soll, neu veröffentlichte «Community-Richtlinien» anzuwenden. Diese sollen Mitarbeiter davon abhalten, über Politik zu debattieren. Eine Google-Sprecherin teilte im August mit, das Unternehmen baue ein Tool, mit dem Mitarbeiter problematische interne Posts kennzeichnen und ein Team von Moderatoren zusammenstellen können, um die Konversationen in den Chat-Boards des Unternehmens zu überwachen. Es ist nicht bekannt, ob dieses Tool mit der Chrome-Erweiterung für Mitarbeiterkalender und Besprechungen identisch ist. Google hat eine Frage dazu bisher nicht beantwortet.

Das Chrome-Tool wird voraussichtlich Ende Oktober im Unternehmen eingeführt. Zwei Mitarbeiter in Kalifornien berichten, es sei bereits auf ihrem Arbeitscomputer hinzugefügt worden. Ein anderer Mitarbeiter sagte, das Thema sei das am häufigsten nachgefragte bei den wöchentlichen Besprechungen aller Mitarbeiter.

Die Firmenkultur bei Google ist eine besondere. «Googler» haben von jeher den Anspruch, aktiv Einfluss zu nehmen auf die Entwicklung des Unternehmens. In den vergangenen Jahren führte dies zunehmend zu Konflikten. Proteste von Tausenden von Angestellten führten zum Beispiel dazu, dass Google im Frühjahr einen Vertrag mit dem US-Militär auslaufen lief. Beim «Project Maven» war Künstliche Intelligenz von Google für militärische Zwecke im Einsatz (allerdings nutzt Google nach dem Ende des Projektes wohl zumindest in Teilen eine Hintertür, siehe hier).

Zentrale Konfliktpunkte zwischen Mitarbeitern und Führungskräften sind Themen wie Arbeitsrechte, gerechte Bezahlung und der Umgang mit sexueller Belästigung. Im vergangenen Jahr verliessen bei Google Walkouts in mindestens 47 Ländern schätzungsweise 20'000 Mitarbeiter die Büros, um gegen Millionenzahlungen an männliche Führungskräfte zu protestieren, gegen die Beschwerden wegen sexueller Belästigung liefen. An den Walkouts haben sich auch die Angestellten von Google in Zürich beteiligt.

Zwei wichtige Organisatoren der globalen Proteste sagten später, dass sie mit Vergeltungsmassnahmen des Unternehmens konfrontiert seien und zurücktreten würden. Google sagte in einer Erklärung Anfang des Jahres, dass «es keine Vergeltungsmassnahmen gegeben hat» und man «alle Anschuldigungen untersuchen werde».

Arbeitnehmerrechte waren lange weniger zentral für die gut bezahlten und in vierlerlei Hinsicht priveligierten Tech-Mitarbeiter bei Google. Doch das Interesse an einer gewerkschaftlichen Vertretung wächst. In Pittsburgh haben Ende September Angestellte eines Google-Zulieferers entschieden, sich gewerkschaftlich zu organieren. Viele der Mitarbeiter dort erhalten Jahreslöhne von umgerechnet rund 40'000 Franken.

Auch Debatten innerhalb der Belegschaft sorgten bereits international für Aufsehen. 2017 hatte ein Google-Mitarbeiter intern ein Memo veröffentlicht, indem er ausführlich argumentierte, warum Frauen aus biologischen Gründen weniger interessiert und geeignet seien, in technischen Berufen zu arbeiten. Er wandte sich damit gegen den Kurs bei Google, den Frauenanteil unter den Mitarbeitenden vor allem im technologischen Sektor signifikant zu erhöhen. Als das Memo publik wurde, entstand eine konzernweite Diskussion, der Mitarbeiter wurde schliesslich entlassen.

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Google-Mitarbeiter verbreiten satirische Memes

Die Arbeiten an dem Tool haben offenbar Anfang September begonnen. Ende September wurde es einer Überprüfung durch das Google-Datenschutzteam unterzogen. Dies ist die Norm für jede geplante Produkteinführung im Unternehmen. Das Team stimmte der Freigabe des Tools zu, habe jedoch laut Memo festgestellt, dass «eine Reihe von Bedenken in Bezug auf die Unternehmenskultur bei Google bestehen».

Google sagte, das Tool sei seit Monaten in der Entwicklung und habe die üblichen Datenschutz-, Sicherheits- und rechtlichen Überprüfungen durchlaufen. Anfang Oktober schrieben die für die Entwicklung der Erweiterung verantwortlichen Ingenieure, die Mitarbeiter könnten es nach der Installation auf ihren Computern nicht mehr entfernen und es würde «zur Durchsetzung von Richtlinien» verwendet.

Auf einer internen Google-Pinnwand haben Mitarbeiter satirische Memes veröffentlicht, die den Plan verspotten. Ein Meme enthielt das Bild einer Gruppe von Männern in Anzügen, die lachten, mit der Überschrift: «Und dann sagten wir ihnen: Wir werden NICHT den Anschein erwecken, dass wir ihre Aktivitäten beobachten, während wir zugleich eine Chrome-Erweiterung einführten, die jedes Meeting mit mehr als 100 Teilnehmern meldet.»

Ein anderes Meme enthielt ein Bild aus einer Szene in einem Harry-Potter-Film, in dem Professorin Dolores Umbridge eine Klasse zum Schutz vor «dunklen Künsten» unterrichtet. Die Überschrift lautet: «Google-Dekret Nr. 24: Keine Mitarbeiterorganisation oder Treffen mit über 100 Teilnehmer können ohne das Wissen und die Zustimmung des Hochinquisitors existieren.»

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(Bloomberg/me)