Erstmals geraten Berufe ins Wanken, die jahrelang als sicher galten: Akademikerinnen, Berufseinsteiger, hoch qualifizierte Wissensarbeiter. Wer heute noch behauptet, KI sei bloss der nächste Buchdruck, verkennt die Lage oder redet sie schön.
Allein in der Schweiz lag die Zahl der arbeitslosen Hochschulabsolventinnen und -absolventen im Januar 2026 um über 10’000 über dem Wert von vor fünf Jahren. Der Seismograf schlägt aus. Auch wenn noch niemand von einem Beben sprechen will. KI ist längst Teil der Erklärung. Und sie markiert einen Bruch mit vielem, was frühere Digitalisierungswellen geprägt hat.
Die Warnung kommt aus dem Herzen der KI-Industrie selbst. Anthropic-Chef Dario Amodei rechnet damit, dass bis zur Hälfte aller Einstiegsjobs in Wissensberufen innerhalb weniger Jahre verschwinden könnte. Open-AI-CEO Sam Altman hält dagegen. KI sei ein «Buchdruckmoment», bedeute die Demokratisierung des Wissens. Diese Erzählung ist bequem und gefährlich. Sie blendet aus, dass KI sich in Reichweite, Geschwindigkeit und Wirkung grundlegend von früheren Technologien unterscheidet.
Allein aufgrund der Geschwindigkeit sind die Entwicklungen beispiellos. Generative Sprachmodelle wie Chat GPT gewinnen durch ihre Zugänglichkeit: Ihre Nutzung setzt weder Fachwissen noch teure Software voraus. Ein Internetanschluss und einfache Prompts genügen. So erreichte Chat GPT nach nur zwei Monaten 100 Millionen monatliche User – Facebook brauchte dafür vier Jahre und sechs Monate. Der Arbeitsmarkt ist träge, KI nicht.
Anders als frühere Maschinen wird KI in der Lage sein, sich selbst zu entwickeln und zu erschaffen. Gerade im Bereich Coding – der virtuellen Werkbank, die KI-Systeme produziert, übernimmt KI schon viele Aufgaben, die bisher Fachkräfte erledigten. Experten rechnen damit, dass ein Kreislauf entsteht, in dem die derzeitige KI-Generation autonom die nächste entwickelt.
Parallel zu ihrer exponentiellen Selbstentwicklung lernt KI unaufhörlich dazu. Als Generalist trifft sie breite Berufsfelder gleichzeitig. Sei es Beratung, Finanzwesen oder Recht: KI erfüllt die kognitiven Anforderungen vieler Juniorpositionen. Bei früheren technologischen Wellen wechselten Fachkräfte in neu geschaffene Berufe oder verwandte Felder. Wo frühere Umbrüche neue Nischen schufen, versperrt KI heute vielen den Ausweichweg. Dort, wo die Maschine Einsteigerinnen und Einsteiger ersetzt, bricht die klassische Karriereleiter weg. Wer nicht einsteigen kann, wird auch kein Experte. Dies ist kein vorübergehendes Phänomen, sondern bringt langfristige Folgen für die Qualifikation ganzer Berufsfelder mit sich.
Noch zeigen sich diese Effekte auf dem Schweizer Arbeitsmarkt nur punktuell. Darum ist jetzt der richtige Zeitpunkt, sich in der Schweiz auf eine Realität vorzubereiten, in der akademische Abschlüsse keine Jobgarantie mehr sind und ganze Karrierepfade verschwinden. KI ist kein Buchdruck. Sie ist näher am Erdbeben. Und wir stehen mitten auf der Bruchlinie.

