Früher klingelte man ihn mitten in der Nacht aus dem Bett. Heute ist der Hausarzt nicht mehr stets erster Ansprechpartner für alle Wehwechen. An dessen Stelle erklärt ab Anfang November ein Robo-Doktor Patienten, an wen sie sich im Fall einer akuten Erkrankung oder eines Unfalls wenden sollen. Der Robo-Doktor ist Teil einer App, die das Unternehmen Medgate lanciert hat. Das Unternehmen betreibt im In- und Ausland sogenannte «Tele Clinics».

In derjenigen in Basel beraten hundert Ärzte täglich bis zu 5700 Patienten rund um die Uhr am Telefon, wie und wo sie sich behandeln lassen sollen. Rund die Hälfte davon können abschliessend am Telefon versorgt werden, sagt Medgate-­Gründer und -Chef Andy Fischer.

Nicht möglich sind aber einfache Untersuchungen am Patienten oder Blut- und Urintests. Ist dies nötig, müssen Patienten an einen Arzt verwiesen werden: «Dieser macht dann häufig alles nochmals, was wir bereits gemacht haben. Das ist ineffizient und belastet den Prämienzahler.»

Teure Ressourcen einsparen

Dabei stellten Tausende Ärzte Tausenden von Patienten die stets gleichen Fragen, sagt Fischer. Solch standardisierte Prozesse mit den teuersten Ressourcen im Gesundheitswesen durchzuführen, den Ärzten, sei unwirtschaftlich: «Das muss zentralisiert, industrialisiert und digitalisiert werden.» Das macht Fischer in seiner Tele Clinic. Eine Konsultation am Telefon kostet im Durchschnitt 50 Franken, eine beim Arzt mindestens dreimal mehr.

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Fischer stört, dass er in seinen Tele Clinics nur jeden zweiten Patienten abschliessend behandeln kann. Um noch effizienter zu werden, kannibalisiert Fischer jetzt sein eigenes Geschäft – eine Seltenheit im Gesundheitswesen, wo viele nur um die schrumpfenden Pfründe kämpfen.

Andy Fischer

Andy Fischer, Gründer und Chef von Medgate

Quelle: ZVG

Bis anhin konnten Patienten mit der kostenlosen Medgate-App einen Beratungstermin buchen und erhielten eine Zusammenfassung der Konsultation. Nun erbringt die App auch Beratungsleistungen. Möglich macht dies künstliche Intelligenz, die Fischer zusammen mit dem IT-Giganten IBM und der Strategie- und Technologieberatung Open Web Technology entwickeln liess.

Der Chat mit dem Robo-Doktor beginnt erstmal mit einer Warnung: «In einem Notfall oder falls Ihr Zustand keine Wartezeit zulässt, kontaktieren Sie Med­gate mit dem Telefonhörer rechts oben oder den Notfalldienst.» Steigt der Patient nicht aus, fordert ihn das System auf, seine Symptome zu nennen.

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«Bibeli»: Künstliche Intelligenz soll auch Dialektbegriffe verstehen

Wer eingibt, er habe «Halsschmerzen beim Schlucken» und «Kopfschmerzen bei Kopfbewegung» und wisse nicht, ob «er sich fiebrig» fühle, erhält als Antwort: «Ich habe Ihr Anliegen mit ähnlichen medizinischen Fällen verglichen. Ich empfehle Ihnen, Ihren Hausarzt zu kontaktieren.» Sollte dieser nicht verfügbar sein, oder falls der oder die Anfragende «das Gefühl» habe, dass es sich um einen Notfall han­dle, soll er Medgate kontaktieren.

Zur Beratung gehört, dass das System auch Dialektbegriffe wie «Bibeli» oder «Fuss vertrampet» versteht. Der Betroffene erhält auf solche Angaben eine Auswahl möglicher Diagnosen. Beantwortet der Patient die Fragen eher vage, fühlt sich also unsicher, empfiehlt die App dem Betroffenen eine Telekonsultation bei einem Medgate-Arzt.

Diesem soll er zur Vorbereitung Fotos oder Videos vom betroffenen Körperteil hochladen, die er direkt mit der Handy-Kamera machen kann. Das System gibt Anweisungen, wie die Fotos gemacht werden sollen. Sieben simple Fragen reichen aus, um den App-Nutzer an den richtigen Ort zur Behandlung seiner Symptome zu überweisen. Mehr dürften es nicht sein, sagt Fischer.

Bonus von der Krankenkasse

Krankenversicherer schliessen mit Medgate zunehmend leistungsbezogene Verträge ab. Je weniger Geld Kassen für Behandlungen oder Medikamente von Medgate-Patienten ausgeben müssen, desto höher fällt der Bonus für die Firma aus. Denn die Versicherer beteiligen die Firma an den Einsparungen bei den Gesundheitskosten. Versicherte in Telmed- Modellen kosten die Kassen im Schnitt 15 Prozent weniger als Versicherte mit einer Standard-Versicherung.

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Fünf Krankenversicherer, darunter die Assura, die EGK, die ÖKK und Sympany, ermöglichen die Nutzung der künstlichen Intelligenz auf der Medgate-App in ihren Telmed-Modellen. Nur deren Versicherte können also auf den neuen Robo-Doktor zugreifen. Dadurch sollen unnütze Behandlungen vermieden werden. Für Fischer geht die Rechnung auf, weil er seine Betriebskosten senkt.

In die App investierte Medgate bisher mehrere Millionen Franken. Die Möglichkeit, damit unnötige Telekonsultationen zu verhindern, ist nur ein erster Schritt. Sie soll – auch mit ausländischen Partnern – schrittweise ausgebaut werden. Unter anderem soll in Zukunft möglich sein, dass ein Patient direkt an einen Spezialisten überwiesen werden kann. Damit liesse sich auch eine unnötige Konsultation beim Hausarzt vermeiden.

Für den Ausbau der App und des internationalen Geschäfts führt Fischer intensive Gespräche mit Akteuren und Investoren aus dem E-Health-Bereich.