▶︎ Impfstoff- und Medikamenten-Entwicklung: Die Aufholjagd

Das US-Biotechunternehmen Moderna, einer der grossen Hoffnungsträger im Kampf gegen Covid-19, hat eine erste Charge eines möglichen Impfstoffs gegen Sars-Cov-2 hergestellt. Ab April soll der Impfstoff an Patienten und Patientinnen getestet und, wenn er seine Sicherheit unter Beweis gestellt hat – und das ist ein grosses Wenn – ab Juli oder August auf seine Wirksamkeit getestet werden.

Die Anstrengungen zur Entwicklung eines Impfstoffs gegen Covid-19 laufen auf Hochtouren. Die Grossen der Industrie und Dutzende von Biotechs brüten über möglichen Impfstoffkandidaten. Und auch bei den antiviralen Medikamenten zur Behandlung bereits erkrankter Patienten werden alle Hebel in Bewegung gesetzt. Das Biotechunternehmen Gilead überprüft, ob Remdesivir, ein antiviraler Wirkstoff gegen Ebola, auch gegen Covid-19 wirkt, der US-­Pharmagigant Pfizer durchforscht seine Wirkstoffbibliothek auf Kandidaten im Kampf gegen das neue Coronavirus. Trotzdem wird es im besten Fall Monate, eher ein Jahr oder länger dauern, bis ein Impfstoff oder ein Medikament verfügbar ist.

Nur: Warum dauert das so lange?

Das liegt zunächst in der Natur der Sache. Einen Impfstoff zu entwickeln, ist heikel. Die Sicherheit ist zwar auch auf anderen Therapiegebieten eine der grossen Hürden bei der Entwicklung eines neuen Medikaments. Aber bei den Impfstoffen wird im schlimmsten Fall ein gesunder Mensch krank, und das ist doch eine besondere Herausforderung. «Die Anforderungen an die Sicherheit sind extrem hoch, weil Impfstoffe bei Gesunden angewendet werden», sagt Christoph Fux, Chefarzt Infektiologie und Spitalhygiene am Kantonsspital Aarau. Ähnlich schwierig ist die Entwicklung antiviraler Medikamente. «Auch das ist nicht so einfach», sagt Fux. Denn das Virus bediene sich immer der Werkzeuge in den menschlichen Zellen, um sich zu vermehren. «Das heisst, ein Wirkstoff muss in der Zelle intervenieren, und das ist heikel.»

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Bei einem Rundgang durch den Pharmakonzern Roche in Basel wird Medienschaffenden am 22. September 2006 ein Einblick in das Labor gewaehrt. (KEYSTONE/Martin Ruetschi)The pharmaceutical combination Roche provides media representatives an insight into a laboratory on a round tour in Basle, Switzerland, pictured on September 22, 2006. (KEYSTONE/Martin Ruetschi)

Weil das Sars-Cov-2 nicht das einzige Virus sei, mit dem wir konfrontiert werden, sollte man laut einem Spitalhygieniker Infektionskrankheiten als Geschäftsfeld attraktiver machen.

Quelle: Keystone

Doch die Problematik, die sich jetzt bei Covid-19 zeigt, geht tiefer. Die Infektionskrankheiten sind die Kellerkinder der Pharmaindustrie. Gemäss dem Marktforschungsunternehmen Evaluate Pharma wurden 2019 Lizenz-Deals im Umfang von 280 Millionen Dollar abgeschlossen. Zum Vergleich: Beim Top-Therapiegebiet Krebs lag das Volumen bei 31,4 Milliarden Dollar. «Die Forschung für Antibiotika und Impfstoffe läuft seit Jahren auf Sparflamme», sagt Christoph Fux. «Das fällt uns jetzt auf die Füsse.»

Der Grund dafür liege darin, dass die Infektionskrankheiten vor allem in Entwicklungsländern ein Problem seien, «und die sind für die Industrie als Märkte nicht interessant». Der Spitalhygieniker fordert deshalb, dass man – ähnlich wie für die Antibiotikaforschung angedacht – über Instrumente nachdenkt, welche die Infektionskrankheiten als Geschäftsfeld wieder attraktiv machen. Denn: «Sars-Cov-2 wird nicht das einzige Virus sein, mit dem wir konfrontiert werden.»

▶︎ Lieferketten: Doppelt hält auch nicht

Das Problem steckt in jedem Handy. Nehmen wir das iPhone: Es bündelt Bewegungssensoren von Bosch (Deutschland), Batterien von Simplo (Taiwan), Flash-Speicher von Toshiba (Japan), Chips von Qualcomm (USA), das Gyroskop von STM (Niederlande, Schweiz) – man könnte weiter aufzählen. Selbst wenn das Gerät am Ende in Guangdong zusammengeschraubt wird, stammt die Wertschöpfung zu weniger als 5 Prozent aus der Volksrepublik. Dies errechneten drei US-Ökonomen im letzten Jahr.

Doch jetzt wird die Abhängigkeit vom Reich der Mitte zum grossen Thema: Der Shutdown von ganzen Fabrikstädten wegen des des Coronavirus führte rasch zu Engpässen – sodass etwa der Elektronikhändler Digitec meldet: «iPhones von Apple sind kaum noch verfügbar.» Für Klimaanlagen, Drohnen, Chips, Pharmaprodukte und Spielzeug gilt dasselbe: Die europäischen Lager leeren sich, mehrwöchige Wartezeiten stehen an. Und so fragen sich in vielen Branchen die Manager, ob sie sich nicht allzu sehr in die Fänge eines einzelnen Staates begeben haben.

«Der Virusschock führt dazu, dass die ganze Just-in-Time- und Kanban-Logik der letzten Jahrzehnte überdacht wird – also die Globalisierung, wie wir sie kannten.»

Speziell akut wirkt die Lage bei Generika oder überhaupt bei Massenmedikamenten: 80 Prozent der Wirkstoffe kommen aus der Volksrepublik. Konkreter: «Wir sind von China zu 100 Prozent abhängig.» So formulierte es Axel Müller vom Verband der Generikahersteller im Fernsehen SRF. Das Motiv hinter dieser Entwicklung ist klar: Es ist der Preisdruck. Selbst wenn einzelne superteure Medikamente zu politischen Debatten führen, so sind die meisten Arzneien in Tat und Wahrheit spottbillig. 

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Der Virusschock führt nun dazu, dass die ganze Just-in-Time- und Kanban-Logik der letzten Jahrzehnte überdacht wird – also die Globalisierung, wie wir sie kannten. Sollen die Konzerne ihre Lieferlinien doppelt und dreifach führen? Und – oder – müssen sie wieder eine stärkere und dezentrale Lagerhaltung pflegen? Die Antwort wäre einfach: Es hängt erstens von den Kosten, zweitens vom Risiko und drittens vom Fachkräftepool ab. Folglich wird die Reaktion je nach Branche anders ausfallen.

epa07259396 (FILE) - Apple CEO Tim Cook speaks at the start of an Apple

Laut Apple-Chef Tim Cook wird es bei den «Operations» keinen fundamentalen Wandel geben.

Quelle: Keystone

Das Beispiel des iPhone lässt allerdings ahnen, wie komplex das Problem ist. Denn damit das Gerät am Ende pünktlich im Laden liegt, genügt es nicht, dass China zuverlässig werkelt – auch die Linien nach Taiwan, Amerika oder Europa müssen stabil halten. Das führt zur Frage: Können und sollen auch diese Lieferketten vielfach geführt werden?

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Tim Cook hat die Frage für sich beantwortet. Im US-Sender Fox gefragt, ob er die «Opera­tions» seines Konzerns nun anpasse, meinte der Apple-Chef: «Falls es Änderungen gibt, dann reden wir übers Drehen an Knöpfen. Nicht über fundamentalen Wandel.»Dass das Coronavirus das Ende der Volksrepublik als «manufacturing hub» der Welt einläutet, wie nun zu lesen war – es darf bezweifelt werden. Zumindest mittelfristig. Auf längere Sicht wird die Textilproduktion nach Bangladesch oder Eritrea verlagert, die Kabelherstellung nach Thailand, die Wirkstoffmischung nach Indien. Etwa wegen Lohnkosten und Strafzöllen. Nicht wegen dieses Virus. (rap/bar)

▶︎ Messen und Events: Virtuell gewinnt

«You can’t email a handshake»: Diese Losung war bisher im digitalen Zeitalter der Treiber für die MICE-Industrie, für all die unzähligen Meetings, Incentives, Conventions und Messen. Auf Deutsch übersetzt: Ein persönliches Treffen schlägt in vielen Fällen den rein virtuellen Kontakt; ein Handschlag ist durch keinen elektronischen Kanal zu ersetzen. Kurz: der Handshake als Königsweg der Kanalexzellenz.

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Nun wird die Branche an ihrer empfindlichsten Stelle getroffen: Das Virus inkriminiert den Handshake. Aus Angst vor zu engem persönlichem Kontakt müssen Events wie der Autosalon Genf, die weltgrösste Touristikmesse ITB Berlin oder der Schweizer Marketing Tag abgesagt werden.

«Mit den jetzigen Massnahmen wird auch die Zukunft grosser Messen vorweggenommen.»

Das ist für viele Veranstalter ein harter Schlag. Mehr noch: Der Ausfall eines wichtigen Events kann die Wirtschaftlichkeit ganzer Organisationen gefährden. Doch die nun verordnete Offline-Zwangspause kann für den ganzen Sektor auch eine Chance sein. Denn mit den Massnahmen, die nun vielerorts eingeleitet werden, wird auch die Zukunft solcher Grossanlässe vorweggenommen. Oder es wird eine Entwicklung beschleunigt, die ohnehin zu erwarten war.

Kurzer Blick zurück: Nur alleine der Fakt, dass ein Event Jahr für Jahr durchgeführt wird, ist heute keine Erfolgsgarantie mehr. Das zeigen einstige Publikums- und Fachmessen wie Cebit, Züspa oder Muba, die in den letzten Jahren eingestellt wurden. Erfolgreich werden künftig Events sein, die den offerierten persönlichen Handschlag mit einem perfekten elektronischen Handshake ergänzen.

Ein Ferrari am Autosalon Genf

Weil der Genfer Autosalon nicht stattfindet, stellen viele Autobauer ihre Neuheiten nun virtuell vor.

Quelle: © KEYSTONE / SALVATORE DI NOLFI
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Am Beispiel des Genfer Autosalons ist das jetzt zu verfolgen: Grosse und kleine Autobauer wollen den Event nicht einfach für ein Jahr notparkieren, sondern stellen ihre Modelle und Mobilitätskonzepte nun virtuell vor. Mittels digitaler Präsentationen nutzen sie die Plattform, die ihnen historisch zur Verfügung steht. Davon werden wir mehr sehen. Was Hersteller und Standbauer jetzt aus der Not umsetzen, wird zum Treiber der digitalen Transformation im MICE-Sektor und sollte auch für die Eventveranstalter zum Lehrstück werden: Messen, Versammlungen und Events viral gehen lassen. Wer es damit schafft, Offline und Online so zu verzahnen, dass daraus ein denkwürdiges Erlebnis resultiert, gehört zu den Gewinnern. Wie eine Krisensituation ein ganzes Modell beflügelt, zeigt sich aktuell auch beim Thema Homeoffice, das durch den geheimnisvollen Erreger neuen Drive erhält.

Ja, für viele Veranstalter sind die Eventabsagen aktuell eine grosse wirtschaftliche Herausforderung. Aber wenn es ihnen gelingt, Konzepte, die sich ohnehin schon dem Ende ihres Lebenszyklus annähern, mit einer neuen virtuellen Komponente zukunftsfähig zu machen, lässt sich der aktuellen Misere doch noch etwas abgewinnen.

Auch wenn Virtuell jetzt vorrückt: Der Handshake wird zurückkehren. Aber ergänzt mit einem digitalen Abdruck.

▶︎ Überwachung: Tracking nimmt zu

Die Behörden gehen in ihrem Kampf gegen die Seuche zweistufig vor: zunächst Informationen über den Gesundheitszustand der Bevölkerung sammeln. Und in einem zweiten Schritt diese Daten nutzen, um das Mobilitätsverhalten der Menschen zu lenken und so Neuansteckungen möglichst zu verhindern. Dabei ist klar: Je mehr man über den Zustand jedes Einzelnen weiss, desto präziser, ja individualisierter können die Massnahmen erfolgen. Keine allgemeinen Veranstaltungsverbote oder Reisebeschränkungen mehr, stattdessen individualisierte Zugangskontrollen. Und erst noch weniger Kranke.

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«Die Bezahl-App zeigt seit einigen Tagen an, ob der Benutzer bezüglich Coronavirus als unbedenklich eingestuft wird oder nicht.»

Tracking ist das Schlüsselwort dieses Megatrends. Die Ansätze sind in China bereits erkennbar. Wer in Hangzhou die U-Bahn benutzen will, muss sein Smartphone präsentieren und darauf seine Alipay-App öffnen. Die Bezahl-App ist in China so verbreitet wie bei uns Whatsapp. Sie zeigt in Hangzhou seit einigen Tagen an, ob der Benutzer bezüglich Coronavirus als unbedenklich eingestuft wird oder nicht. Leuchtet der Screen in der App grün, kann er passieren. Bei Orange oder Rot wird der Zugang verwehrt. Im Hintergrund gleicht die App Bewegungsmuster mit medizinischen Informationen ab, liefert Signale an die Behörden. Der genaue Algorithmus ist nicht bekannt. Zurzeit wird das System in 200 Städten Chinas ausgerollt.

Die Trackingmethoden werden mit jedem Monat besser. Schon bald braucht es die aktive Mithilfe der Bürgerinnen und Bürger nicht mehr. Noch vor kurzem versagte die automatisierte Gesichtserkennung, wenn eine Person ihr Gesicht teilweise verdeckte. Seit letzter Woche berichten Beobachter in China, dass ihre Gesichter trotz Atemmasken erfolgreich identifiziert würden – dank Iris-Scan.

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Ein Startup entwickelt ein handybasiertes Temperaturscreening, um fiebrige Personen zu erfassen.

Quelle: Getty Images
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Nicht nur China macht vorwärts: In Malaysia kategorisiert eine regierungsnahe Firma chinesische Besucher nach möglichen Coronavirus-Risiken. Das vollautomatische System verbindet Geodaten mit Gesundheitsdaten wie Blutdruck und Herzrate. Noch weiter geht Singapur. Im Auftrag des Staates entwickelt dort ein Startup ein handybasiertes Temperaturscreening, um fiebrige Personen zu erfassen. Es soll dank Infrarot- und Laserkameras sogar auf einige Meter Distanz funktionieren.

All diese Trackingtechnologien sind natürlich effizienter, wenn sie auf möglichst viele Daten zurückgreifen können. Gerade in China haben die Bemühungen, den Datenabgleich voranzutreiben, hohe Priorität.

Vor allem aus Gründen der Privatsphäre sind im Westen die Widerstände gegen solche Entwicklungen grösser. Der Trend geht aber auch hier in diese Richtung. So fördert etwa der US-Netzbetreiber Comcast die ferngesteuerte Gesundheitsüberwachung zu Hause und entwickelt neue Trackinggeräte. Hauptargument im Westen sind vor allem geringere Kosten für die Bürger und für das Gesundheitswesen. Aber das Coronavirus wird der gesamten Trackingindustrie als Präventivtechnologie global viel Schub verleihen.

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(ag | bar | mba | rai | rap)

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