Das Kassendisplay zeigt den Betrag an. Der Konsument hält seine Plastikkarte ans Terminal und die Meldung erscheint: Bezahlung OK. Wenige Sekunden dauert dieser Vorgang, der im Fachjargon bloss «Tappen» genannt wird und in der Schweiz seit knapp zwei Jahren möglich ist. Über die Hälfte aller Kassen ist inzwischen für kontaktlose Zahlungen ausgerüstet. Basis dafür ist die NFC-Technologie (Near Field Communication), ein Standard zur Übertragung von Daten über wenige Zentimeter per Funk.

Die Technologie stösst auf grosse Akzeptanz. Das zeigen Zahlen der Börsenbetreiberin und Zahlungsdienstleisterin SIX, die der Handelszeitung vorliegen. Demnach wurden im Mai bereits 8 Prozent aller Kreditkartenzahlungen kontaktlos getätigt. Im Januar 2014 waren es noch 2,5 Prozent. Beim Gesamtvolumen der kontaktlosen Zahlungen wurden monatliche Steigerungsraten von über 8 Prozent registriert.

Verwendung steigt im Monatstakt

«Diese Zahlen sind beachtlich», sagt SIX-Sprecher Jürg Schneider, «gerade angesichts der traditionellen Zurückhaltung von Schweizer Konsumenten gegenüber neuen Zahlungsmitteln.» Schneiders Angaben zufolge sind heute praktisch alle neuen Bezahlterminals, die an Läden ausgeliefert werden, NFC-fähig. «Der Anteil der kontaktlosen Zahlungen dürfte weiter stetig ansteigen», sagt er.

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Dieselbe Einschätzung legt die detaillierte Statistik nahe, welche die Schweizerische Nationalbank (SNB) seit kurzem publiziert. Ihr zufolge wurden im März total 13,3 Millionen Kreditkartenzahlungen in den Geschäften getätigt. Davon erfolgten 1,5 Millionen oder 11,1 Prozent kontaktlos. Im Dezember waren es noch 8,9 Prozent. Damit ist dem kontaktlosen Zahlen der Durchbruch gelungen. Dieser Ansicht ist Sandro Graf, Experte am Swiss Payment Research Center der ZHAW. «In 5 Jahren werden wir alle immer nur tappen», sagt er. «Mit oder ohne Mobiletelefon.»

«In 5 Jahren werden wir immer nur tappen»

«Wer die NFC-Funktion einmal ausprobiert hat, nutzt sie immer wieder», sagt Guido Müller, Schweiz-Chef von Mastercard, «speziell bei Beträgen unterhalb der Schwelle von 40 Franken, wo Zahlungen ohne PIN-Code erfolgen.» Eine zusätzliche Beschleunigung erwartet Müller, wenn das kontaktlose Zahlen auch mit Debitkarten möglich wird. «In Österreich, wo dieser Schritt vergangenes Jahr erfolgte, sind die Zahlen der kontaktlosen Bezahlvorgänge förmlich explodiert.» Europaweiter Spitzenreiter ist Tschechien. Dort erfolgten vergangenes Jahr 52 Prozent aller Transaktionen mit Mastercard-Produkten über NFC.

Bewegung bahnt sich auch in der Schweiz an. Über Twitter und Facebook kündigte die Credit Suisse am Dienstag an, bereits im Juli NFC-fähige Debitkarten an Mitarbeiter auszugeben. Ab Herbst 2016 werde die Maestrokarte dann standardmässig mit der Kontaktlosfunktion geliefert. Die Verwendung von NFC werde weiter steigen, je mehr Debitkarten die Funktion unterstützen, sagt Sprecher Tobias Plangg.

Kontaktlose Debitkarte kommt

Auch die Zürcher Kantonalbank (ZKB) will in der zweiten Jahreshälfte rund 5'000 Maestro-Karten testweise mit dem NFC-Chip ausgeben. Die Markteinführung erfolge spätestens im September 2016. Raiffeisen will die V-PAY-Karte künftig ebenfalls für NFC hochrüsten, nennt dafür aber kein fixes Datum. Die UBS hält NFC auf Debitkarten für eine «Schlüsseltechnologie», macht aber noch keine Angaben zum Lancierungsdatum.

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Damit hat die Postfinance für den Moment freie Bahn. Die gelbe Bank wird als erster Player in der Schweiz in Kürze konkaktlose Debitkarten ausgeben, wie die «Handelszeitung» erfahren hat. Laut Mediensprecher Reto Kormann wurden seit vergangenem Oktober Tests mit NFC-fähigen Postfinance-Karten gemacht. Der Rollout startet im Sommer. Bis 2018 sollen dann alle kursierenden Karten einen Chip besitzen. Die Postfinance Card ist mit drei Millionen Nutzern eines der meistverwendeten Zahlungsmittel der Schweiz.

Vorentscheidung im Kampf der Technologien

Mit der NFC-Karte fordert die Postfinance auch das Smartphone-Bezahlsystem aus dem eigenen Hause heraus. Twint, so der Name der im Frühling lancierten Bezahl-App, basiert auf der Konkurrenztechnologie der Beacons. Wie sich dieses System entwickelt, bleibt abzuwarten. Mit Apple und Google setzen globale Giganten auf NFC. Auch die Wallet der Swisscom, Tapit, nutzt den Standard.

ZHAW-Experte Sandro Graf schätzt, das Rennen ums digitale Portemonnaie damit gelaufen ist. «Die Karten-Issuer setzen auf NFC, die beiden grössten Smartphone-Hersteller ebenfalls.»