«Nichts auf der Welt ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist» - auf dieses Zitat von Victor Hugo berufen sich Wirtschaftsführer oft, wenn sie von prickelndem Momentum durchzuckt werden. Solches Momentum kursierte vor dreizehn Jahren bei der Genossenschaft Migros Zürich (GMZ). Die Übernahme der deutschen Handelskette Tegut, erkannte der damalige GMZ-Chef Jörg Blunschi, würde gleich drei Chancen bieten. Erstens: Ausbruch aus der Schweiz, wo grosses Wachstum nicht mehr möglich schien. Zweitens: Abstreifung der Migros-Sklerose, die nach dem misslungenen Österreich-Auslandabenteuer der 90er Jahre eingesetzt hatte. Drittens: Tegut als neuer Grosskunde für die Migros-Industrie.

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2013 ging das Tegut-Abenteuer los. Bald zeigte sich: Was der Migros Zürich lieb und teuer war, verteuerte sich über die Jahre und zeigte unliebsame Bilanz-Bremsspuren. Der Exportplan platzte schon 2015. Der damalige Euro-Schock machte die Produkte der Migros-Industrie zu teuer für Deutschland. Im dortigen pickelharten Einzelhandel wurde Tegut aufgerieben. Von oben drückten die Supermarktketten Edeka und Rewe, von unten rammten sich die Discount-Maschinen Aldi und Lidl ins Preisgefüge. In der Mitte, wie eine welke Gurkenscheibe: Tegut. Als 2023 der neue Migros-Chef Mario Irminger mit Schweiz-Fokus antrat, wurde die Ausland-Luft für die Zürcher immer dünner.

Vom bisherigen reaktiven Modus in die Aktivität

Jetzt bläst die Migros Zürich zum kompletten Deutschland-Rückzug. Eigentlich wollte man Tegut noch bis Ende 2026 Zeit geben. Aber die Aussichten sind so ungewiss, dass man lieber frühzeitig abbricht. Der harte Schnitt ist wohl richtig. Blunschi-Nachfolger Patrik Pörtig bringt die Migros Zürich damit vom bisherigen reaktiven Modus in die Aktivität. Das ist auch deshalb wichtig, weil das jahrelange teure Herumdoktern am deutschen Patient Management-Kapazitäten gebunden hat, die man besser im Heimmarkt eingesetzt hätte. Pörtigs Lösung: Der deutsche Riese Edeka soll «einen wesentlichen Teil» der Tegut-Gruppe und der Filialen übernehmen. Ob das klappt, hängt noch vom Entscheid des Bundeskartellamts ab. Und was mit dem wohl nicht unwesentlichen Teil passiert, der nicht Teil des Edeka-Deals ist, ist nicht definitiv gesichert. Ernährungsmediziner würden wohl sagen: Das Abenteuer Tegut ist gegessen – aber verdaut ist es noch nicht.

In lang ersehnter Offenheit zeigt die Migros Zürich jetzt die Gesamtkosten des Tegut-Abenteuers. Maximal 600 Millionen Euro sollen es sein. Woraus sich ein Zweifach-Fazit ergibt. Erstens: Mehr als eine halbe Milliarde Franken für eine Idee, deren Zeit definitiv gegangen ist. Zweitens: Eine derartige Zahlen-Offenheit würde man sich vom orangen Riesen auch wünschen für die weiterhin laufende Deutschland-Expansion der Migros-Tochter Galaxus. So würde ein – aus heutiger Sicht – Unsinn der Vergangenheit Sinn für die Zukunft stiften.