Seit Josef Ackermanns hastigem Rücktritt als Präsident der Zurich Versicherungsgruppe wird wild spekuliert. So schreibt etwa die «NZZ am Sonntag», zwischen dem am Montag verstorbenen Finanzchef Pierre Wauthier und «Verwaltungsratspräsident Ackermann habe es unterschiedliche Vorstellungen» über die Darstellung der Finanzzahlen gegeben. Ackermann habe das Gefühl gehabt, «dass die Dinge besser dargestellt werden, als sie sind».

Konzernchef Martin Senn setzt sich nun vehement gegen die Darstellung zur Wehr, die Zurich habe Zahlen geschönt. «Die Halbjahreszahlen, welche ja im Übrigen vom Verwaltungsrat genehmigt werden, sind korrekt ausgewiesen worden», sagt Senn. Die Zurich sei gut aufgestellt, habe eine starke Bilanz und generiere hohe Cashflows. Er habe «keinerlei Hinweise» für Diskussionen zwischen Wauthier und Ex-Präsident Josef Ackermann.

Wauthiers Witwe erhebt schwere Vorwürfe

Wauthier hatte sich am Montag das Leben genommen und einen Abschiedsbrief hinterlassen, in dem er sein Verhältnis zu Ackermann thematisiert. Am Donnerstag trat Ackermann mit sofortiger Wirkung als Verwaltungsratspräsident des Versicherers zurück. Die Reputation des Versicherers habe durch beide Ereignisse gelitten, sagt Senn. «Ich arbeite jetzt daran, dass wir diesen Reputationsverlust, diese Wolke, die sich über das Unternehmen gelegt hat, wieder wegblasen können», sagt er.

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Deutliche Worte findet die Witwe des Zurich-Finanzchefs Pierre Wauthier: «Ich habe den ganzen Zirkus nicht an die Öffentlichkeit gebracht», sagt sie zur Zeitung «Schweiz am Sonntag». Wer behaupte, «die Familie» sei der Auslöser für den Wirbel, «der lügt», sagte sie gestern am Telefon.

«Ich habe Grund zur Annahme»

Sie steht plötzlich im öffentlichen Rampenlicht, seit der Versicherungskonzern am Donnerstagmorgen die Demission von Josef Ackermann bekannt gab. Davor war der Suizid, der am Montag publik geworden war, in den Medien nur ein kleines Thema.

Die Lawine kam erst ins Rollen, nachdem in dem «Zurich»-Communiqué vom Donnerstag Ackermann wie folgt zitiert worden ist: «Ich habe Grund zur Annahme, dass die Familie meint, ich solle meinen Teil der Verantwortung hierfür tragen, ungeachtet dessen, wie unbegründet dies objektiv betrachtet auch sein mag.» Diese Aussage warf mehr Fragen auf, als sie beantwortete. Und sie lenkte die Aufmerksamkeit auf die Familie, die prompt üble Reaktionen erhielt, schreibt «Schweiz am Sonntag» – nach dem Muster «rachsüchtige Witwe».

Ackermann gibt sich dünnlippig

Sie greift damit Josef Ackermann und den Zurich-Versicherungskonzern direkt an. Diese haben mit dem Demissionsschreiben vom Donnerstagmorgen den Suizid, der am Montag bekannt wurde, erst zum Thema gemacht. Weder Ackermann noch die Versicherung hätten bei der Witwe um ein Einverständnis nachgefragt, den Abschiedsbrief zu thematisieren, schreibt «Schweiz am Sonntag».

Ackermann liess über die PR-Firma Hirzel Neef Schmid Konsulenten ausrichten: «Aus Gründen der Pietät möchte ich derzeit zu diesem tragischen Fall keine Erklärungen abgeben, die über die am 29. August 2013 veröffentliche Mitteilung zu meinem Rücktritt als Präsident des Verwaltungsrates der Zurich hinausgehen.»

(chb)