Bier, Burger und Ketchup: Das ist die Welt von Jorge Paulo Lemann. Der brasilianischschweizerische Doppelbürger hält rund 10 Prozent am weltgrössten Brauer AB InBev. Seine Investmentgesellschaft steuert die Fast-Food-Kette Burger King. Und zusammen mit Warren Buffett hat Lemann die Ketchup-Firma Heinz aufgekauft. 

Der Schweiz-Brasilianer ist ein Selfmade-Milliardär. Er wuchs in Rio de Janeiro auf, studierte Ökonomie in Harvard, spielte Tennis in Wimbledon und machte anschliessend Karriere als Finanzinvestor.  Mit einem geschätzten Vermögen von 21 bis 22 Milliarden Franken ist Lemann der drittreichste Schweizer. Das Gros seines Vermögens ist in seiner Beteiligungsfirma gebunden. Ein Teil ist angelegt – seit kurzem offenbar auch bei Lafarge Holcim, wie letzte Woche am Investorentag in Birmingham gemunkelt wurde.

Es ist eine von zahlreichen Veränderungen in der Eigentümerschaft des weltgrössten Zementkonzerns. Lemann wohnt nur einen Steinwurf entfernt von Thomas Schmidheiny, dem grössten Aktionär von Lafarge Holcim. Der Industrielle, der bis vor kurzem noch selbst im Verwaltungsrat sass, hält rund 11,4 Prozent am Konzern. Seine Beteiligung hat gemessen am aktuellen Kurs einen Wert von knapp über 3 Milliarden Franken. 

Tiefer Aktienkurs

Das Investment von Lemann liegt deutlich darunter, dem Vernehmen nach klar unter der Meldegrenze von 3 Prozent. Aus seinem Umfeld heisst es: Der 79-Jährige sei via Fonds am Zementkonzern beteiligt und nicht persönlich investiert.

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Für Jan Jenisch ist es trotzdem eine gute Nachricht. Seit Monaten ist der Kurs unter Druck. Die Aktie hat seit dem Amtsantritt des 52-Jährigen im September des letzten Jahres fast 20 Prozent an Wert verloren. Das spürt der Manager im eigenen Portemonnaie. Jenisch erhielt bei seiner Ernennung fast 90 000 Aktien im Gegenwert von rund 5 Millionen Franken. Sie waren eine Entschädigung für die Aktien, die er bei Sika hielt.

Der Kurs des Bauchemieherstellers hat seither allerdings klar zulegen können, Lafarge Holcim verlor. Für Jenisch bedeutet das unterm Strich ein Millionen-Minus. 

Das Einsteigen von Lemann ist auch ein Wiedersehen. Jenisch traf bereits als Sika-Chef auf den Investor mit Wohnsitz am Zürichsee. Der deutsche Manager suchte im Abwehrkampf gegen die französische Saint-Gobain nach einem Grossinvestor, der bereit wäre, die Sika-Gründerfamilie Burkhard abzulösen. Es folgte ein Gipfeltreffen zwischen Jenisch, Lemann und dessen Freund Buffett, dem «Orakel von Omaha». Zu einem Einstieg bei Sika kam es allerdings nie. 

Jorge Lemann

Jorge Lemann: Mit einem Vermögen von 21 bis 22 Milliarden Franken der drittreichste Schweizer.

Quelle: Youtube

Das Treffen miteingefädelt hat Nassef Sawiris, der Bruder von Andermatt-Investor Samih Sawiris. Der Ägypter ist Grossaktionär bei Lafarge Holcim und sitzt auch im Verwaltungsrat des Zementkonzerns. Nassef Sawiris gilt als Förderer von Jan Jenisch. Er war dessen Fürsprecher, als es darum ging, einen Nachfolger für den unglücklich agierenden Eric Olsen an der Spitze von Lafarge Holcim zu finden. 

Sawiris schätzte die zupackende und direkte Art von Jenisch. Der neue Lafarge Holcim-Chef machte gleich von Beginn weg klar, was von ihm zu erwarten war. Er definierte eine neue Strategie und gleiste eine Performance-Kultur auf. Harte Zahlen wurden zum Massstab innerhalb der Firma. Jenisch schloss Büros, sparte bei der Verwaltung, holte fünf Sika-Weggefährten ins Topmanagement und tauschte einen Zehntel der wichtigsten Entscheidungsträger durch externe Personen aus. 

Sawiris erwartete, dass sich der Umbau schon bald im Kurs der Aktie niederschlagen werde. Er kaufte gegen Ende des letzten Jahres Optionen in Millionenhöhe. Das Geschäft räumte ihm das Recht ein, Anfang Juli zehn Millionen Aktien in zwei Tranchen zu je fünf Millionen zu kaufen. Der vereinbarte Preis lag bei knapp über 59 Franken pro Aktie.

Sawiris liess das Termingeschäft aber verstreichen, weil der Aktienkurs seinerzeit bei unter 50 Franken lag. Der Ägypter baute seine Position sogar ab, verkaufte ein Paket von über zwei Millionen Aktien. 

Neue Grossaktionäre

Aufgebaut haben dagegen der norwegische Staatsfonds und der US-Investor Artisan Partners. Die Skandinavier haben laut Angaben von Bloomberg seit September 2017 Aktien im Wert von knapp einer halben Milliarde Franken zugekauft. Die Amerikaner investierten sogar 1 Milliarde Franken. Artisan Partners ist nunmehr der fünftgrösste Aktionär von Lafarge Holcim

Es ist eine Wette auf Jan Jenisch und sein Narrativ des Aufbruchs. «Die Änderungen in der Organisation und die Fokussierung auf Cashflow und Wachstum in Geschäftsbereichen, die bisher vernachlässigt wurden, schaffen eine attraktive Kombination aus einem günstigen Aktienkurs, einem fokussierteren Geschäft und einer ausgezeichneten Führung», sagt Fondsmanager David Samra

Artisan Partners hat zahlreiche andere Investments in der Schweiz. Dazu gehören ABB, Nestlé, Novartis und UBS. Bekannt sind die Amerikaner vor allem für ihr Engagement beim Industriekonzern, wo sie mit einer Position von über 1,5 Milliarden Franken der viertgrösste Aktionär sind. Sie kritisieren ABB-Chef Ulrich Spiesshofer für eine mangelnde Fokussierung. Der Konzern sei zu gross und zu komplex, so die Klage, die sich seit kurzem auch an Nestlé-Präsident Paul Bulcke richtet. Via «Wall Street Journal» forderte der US-Investor, Inhaber einer 300-Millionen-Dollar-Position in Vevey, der Belgier Bulcke solle abtreten. 

Ganz anders klingt es bei Lafarge Holcim. Artisan Partners schwingt grosse Reden auf Jan Jenisch. Der Deutsche habe mit dem Verkauf des Geschäfts in Indonesien die Bilanz entrümpelt, sagt Samra. Vor allem aber habe Jenisch eine ausgezeichnete Führungsmannschaft zusammengestellt. Man sei schon länger indirekt beteiligt gewesen – via die belgische Gesellschaft Groupe Bruxelles Lambert. Nun habe man entschieden, selbst direkt zu investieren. «Wir sind der Meinung, dass die Aktien deutlich unterbewertet sind», so Samra

Zu den Heilsbringern innerhalb des Führungszirkels zählt der Investor die neue Finanzchefin, Géraldine Picaud. Jenisch stellte sie fünf Wochen nach seinem Start an, seither sind die beiden ein Duo. Sie dinieren zusammen, fliegen in der gleichen Reihe und stellen die Weichen im Konzern gemeinsam neu. Sie übernimmt Verantwortung in China und arbeitet oft bis spät in die Nacht. Ihr Engagement für die Firma geht sogar so weit, dass sie es bis heute nicht geschafft habe, das französische Nummernschild an ihrem Auto zu ersetzen, obschon sie schon seit einem Jahr in der Schweiz lebt.