Ein wirtschaftspolitisches Dream-Team sind sie derzeit wahrlich nicht: Der Pas de deux des US-Präsidenten und seines Notenbankchefs ist schwer aus dem Takt geraten. Einig scheinen sich George W. Bush und Alan Greenspan allein in ihrem Willen zur Konfrontation – keine probate Strategie, um die Konjunktur aus der schwersten Krise seit Jahrzehnten zu führen. Im Hinterkopf mag beide bereits der Gedanke an eine mögliche Schadensbegrenzung für die «Zeit danach» antreiben. Dann nämlich, wenn irgendwann die Schuldigen für das momentane Trauerspiel gesucht werden sollten. Die bisherige Bilanz des Tandems Bush/ Greenspan jedenfalls ist eine einzige Pleite: Seit Bushs Amtsantritt kletterte die Arbeitslosenquote auf ein Achtjahreshoch von sechs Prozent, Tendenz steigend. Ein schwacher Dollar, ein desolater Aktienmarkt, die Vertrauenskrise an der Wall Street: «Die Leute machen Bush noch nicht für die Wirtschaft verantwortlich», erklärt Robert Hormats von Goldman Sachs die nach wie vor hohen Zustimmungswerte für den Präsidenten, «hinge seine Beliebtheit von der Konjunktur ab, dann wäre er längst weg vom Fenster.»

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Im Falle Greenspans implodierte spätestens mit dem Platzen der Spekulationsblase an den Aktienbörsen jener Mythos, der seinen Namen trug. Der umjubelte Held der goldenen Neunziger, auf dessen glückliche Hand mancher Wall-Street-Yuppie mehr als eine Flasche Champagner geleert hat, sieht sich inzwischen mit dem Vorwurf konfrontiert, er habe die Exzesse an den Finanzmärkten zu lange hingenommen, ohne angemessen zu reagieren. «Psssst, Greenspan Is Not God», lästerte das Wirtschaftsmagazin «Forbes» zuletzt blasphemisch. Aus heutiger Sicht lag Greenspan 1996 mit seiner berühmten Warnung vor einer «irrational exuberance» zwar vollkommen richtig. Wieso aber gerade er in der Folge prozyklisch agierte, das heisst mit stetiger Öffnung der Zinsschleusen und damit billigem Geld, statt bewusst auf die Konjunkturbremse zu steigen, um der wahnwitzigen Hausse viel früher ein Ende zu bereiten, bleibt sein Geheimnis. Eine kräftige Zinserhöhung im Sommer 1998 hätte wohl den ganzen Spuk bereits zwei Jahre früher beendet. Sicher, es ist unwahrscheinlich, dass Zentralbanker Greenspan eine solche Entscheidung im Amt überlebt hätte. Plagt ihn heute gleichwohl ein schlechtes Gewissen? «Kritik», vermutet sein Stellvertreter Roger Ferguson, «lässt ihn völlig unbekümmert.»

Marktbeobachter waren im Falle Greenspan schon immer auf ihre Interpretationskunst angewiesen: Der Chef des «Fed» ist ein Geheimniskrämer vor dem Herrn. Selbst seine Reden vor den Volksvertretern im Kongress bringen selten Klarheit. Sein Amt, so Greenspan, habe ihn gelehrt, «mit grossartiger Zusammenhangslosigkeit zu murmeln», und diese Kunst hat er bis zur Perfektion verfeinert. Es heisst, selbst seine Frau, die Fernsehjournalistin Andrea Mitchell, habe seine kryptisch formulierten Heiratsanträge zunächst nicht verstanden.

Derlei Rätselhaftigkeit leistet der Mythenbildung Vorschub, und diese folgte ab Mitte der Neunzigerjahre relativ berechenbaren Gesetzen. Je verrückter die Kurse stiegen, desto übermenschlicher erschien Greenspan. Der graue, eher betuliche Anzugträger mutierte zum «Börsengott», zum «Hexer des Fed» oder «Superspan». Gern wurde die Geschichte vom achtjährigen Alan kolportiert, der seinem Onkel Jacob in der dunklen Ära der Depression immer eine Münze zu entlocken wusste, wenn er den Song der Arbeitslosen anstimmte: «Brother, can you spare a dime?»

Greenspan war der Junge aus den Washington Heights, der billigen Wohngegend in Manhattans Nordwesten, der in seiner Freizeit die Strände von Queens nach Münzen oder Wertsachen absuchte. Amerikas neue Hightech-Elite liebte die Tellerwäscherstory vom Burschen, der sich hochboxt und am Ende auf der sozialen Rangliste Washingtons gleich hinter dem US-Präsidenten steht – offenbar sah man in dem Fed-Chef irgendwie auch das Spiegelbild der eigenen, noch jungen Aufsteigerbiografie.

Präsident George W. Bush der Jüngere ist bereits der vierte Herrscher des Weissen Hauses, der sich mit Chairman Greenspan zu arrangieren hat. Relativ schnell war klar, dass es Greenspan mit seinem jüngsten Boss schwerer haben würde als mit dessen drei Vorgängern. Was «Dubya» seinem Währungshüter zumutet, ist in den Augen der Kritiker stabilitätspolitisch verwerflich: Das Bush-Budget sieht die grösste Steigerung der Verteidigungsausgaben seit Ronald Reagans erster Amtszeit vor. Gleichzeitig lässt der US-Präsident keine Abstriche an der Politik drastischer Steuerkürzungen zu. Das Rezept wirkte auf den sozialpolitischen Kommentator Bob Herbert «wie das gedankenlose Hineinrasen in einen langen, dunklen Tunnel der Haushaltsdefizite». Und die «New York Times» fand es «verstörend, wie Bush die langfristige Gefahr ignoriert, Amerika wieder in eine endlose Ära der roten Zahlen zu führen».

Greenspan zeigte sich zunächst flexibel. An der Vermutung der Demokraten, er sei am Ende vielleicht doch nur eine «Marionette der Erzkonservativen», schien durchaus etwas zu sein. Mit zwei deutlichen Zinssenkungen im Januar vergangenen Jahres und wohlwollenden Äusserungen über Steuersenkungen kam Greenspan seinem Präsidenten ergebenst entgegen. Das wirkte befremdlich, hatte der Notenbankchef dem Demokraten Clinton doch dabei geholfen, Washington defizitfrei zu machen: Vier Überschusshaushalte hintereinander – das hatte es seit siebzig Jahren nicht mehr gegeben. Er habe das Tor für die Wiederkehr des fiskalischen Leichtsinns geöffnet, schimpfte der demokratische Senator Paul Sarbanes. Greenspan war, wieder einmal, über jede Kritik erhaben: Etwas Staatsverschuldung sei durchaus wieder wünschenswert, orakelte er noch im vergangenen Sommer. Zugegeben: Seit den Anschlägen vom 11. September hat es der Fed-Vorsitzende in George W. Bush mit einem Kriegspräsidenten zu tun, da gelten andere Massstäbe. In Washington ist der Krieg zur Metapher des Regierens geworden: Ob gegen Terroristen oder Schurkenstaaten, Landesverräter oder Rezession, stets ist es die Rhetorik der Kriegszeit, die den Regierungsstil des Weissen Hauses prägt.

Eine Zeit lang schien Greenspans Politik der niedrigen Zinsen auch zu funktionieren. Die US-Wirtschaft sei auf dem Weg aus ihrer leichten Schwächephase, frohlockte er noch im vergangenen Dezember vor dem New Yorker Wirtschaftsklub, das Wachstum könne sich 2003 beschleunigen. «Voraussetzung allerdings ist, dass die geopolitischen Spannungen nachlassen.» Gemeint war natürlich die Irak-Krise, und die entwickelt sich zunehmend zum Härtetest für den Notenbankchef. Natürlich kann auch er nicht beantworten, wie sich ein Krieg unter dem Strich auf die US-Wirtschaft auswirkt. Einige Experten, etwa der Yale-Professor William Nordhaus, warnen vor den erheblichen finanziellen Risiken. Dagegen glaubt Lawrence Kudlow, ehemaliger Berater von Ronald Reagan, dass ein Krieg der US-Wirtschaft helfe und den Dow Jones «um ein paar Tausend Punkte» anheben könnte.

Der Notenbanker jongliert mit vielen Unbekannten – keine gute Voraussetzung für solide Arbeit. Eine Deflation, wie sie Japan in den vergangenen Jahren getroffen hat, hält Greenspan für ziemlich ausgeschlossen. Aber selbst in diesem Falle gäbe es Möglichkeiten, dieser mit einer aggressiven Finanzpolitik zu begegnen. «Wir verlassen uns auf den Greenspan-Put», gibt Kim Schoenholtz zu, Chefökonom der Citigroup in New York, und beschreibt damit das Vertrauen in den Fed-Chef, der alles in seiner Macht Stehende tun werde, um eine Deflation zu verhindern.

Wahr ist aber auch: Der Kampf gegen die Deflation würde die Rückkehr zur Normalität ausschliessen. Oberstes Ziel der Notenbank wäre es nicht mehr, die Inflation im Zaum zu halten, sondern die Wirtschaft zu stimulieren, auf Teufel komm raus. «Reflation» heisst das Zauberwort, mit der die Fehler der grossen Depression von 1930 und des japanischen Malaise von 1990 vermieden werden sollen.

Ende November letzten Jahres schien die US-Notenbank mit der Rede von Fed-Gouverneur Ben Bernanke, einem engen Vertrauten Greenspans, tatsächlich einen epochalen Wechsel einzuleiten. Bernanke versicherte, dass selbst bei einem Notenbankzins von null Prozent die Zentralbank nicht machtlos wird: «Die US-Regierung hat eine Technologie, Gelddruckmaschine genannt, die es erlaubt, so viele Dollars zu drucken, wie sie will, zu vernachlässigbaren Kosten.» Irgendwann würden die vielen Dollars dann die Preise steigen lassen, also zu Inflation führen. Bernanke beliess es nicht bei dieser für einen Notenbanker provozierenden Aussage. Er zeigte sogar auf, wie das Fed agieren würde, sollte das Deflationsgespenst nicht verschwunden sein: Die Möglichkeiten reichen vom unbegrenzten Kauf länger laufender Staatspapiere über direkte Kredite an überschuldete Unternehmen bis hin zur kräftigen Dollarabwertung. Die Rede sei «bahnbrechend», attestierte Stephen Roach, der Vordenker unter den amerikanischen Analysten. Sie beende die Epoche der Inflationsbekämpfung, die am 6. Oktober 1979 der damalige US-Notenbankpräsident Paul Volcker eingeläutet hatte.

Drei Monate später bekam Alan Greenspan dann aber doch wohl Angst vor der eigenen Courage – oder betrieb gezielt Vorsorge, um am Ende nicht als alleiniger Buhmann dazustehen. Bei seinem turnusmässigen Auftritt vor dem Bankenausschuss des Senats Anfang Februar gab er zu verstehen, dass er die Regierungspläne zur Ankurbelung der US-Wirtschaft für verfrüht hält, und mahnte eine verstärkte Haushaltsdisziplin an. Es dürfe nicht zugelassen werden, dass wachsende Budgetdefizite wieder einrissen.

Die Sensation war perfekt und Greenspan ganz der Alte: der gewissenhafte Mahner, der jeder expansiven Budgetpolitik und der Politik des schwachen Dollars eine Absage erteilt. Greenspan weiss: Wenn die USA in Zeiten einer globalen Rezession versuchen sollten, über eine Abwertung des Dollars auf Kosten der anderen zu leben, könnte der Rest der Welt das irgendwann in gleicher Weise heimzahlen. Darüber hinaus könnten ihn eine mögliche kriegsbedingte Inflation und ein hoher Ölpreis ohnehin unter Druck zu setzen, die Zinsschraube wieder anzuziehen. Angesichts der Verschuldungssituation amerikanischer Verbraucher und Unternehmen käme das freilich dem Todesstoss gegen die verbliebenen Reste ziviler Wirtschaftsaktivität gleich. «The old Alan Greenspan – the man we used to respect – made a return appearance», jubelte der einflussreiche Wirtschaftswissenschaftler Paul Krugman in seiner «New York Times»-Kolumne. Jetzt werde sich zeigen, ob Greenspan wirklich das Zeug habe, in die Geschichtsbücher einzugehen, oder ob er als Notenbankchef in Erinnerung bleibe, der den Abgang versäumt habe, ehe seine Glückssträne gerissen sei.

Im Weissen Haus scheint man die Antwort auf die Frage längst zu kennen. Vor den Kulissen zeigte sich Präsidenten-Sprecher Ari Fleischer zwar cool: Man habe die Äusserungen keineswegs als direkte Ablehnung der Steuersenkungspläne der Regierung verstanden. Hinter den Kulissen jedoch sollen Bush und seine Berater getobt haben. «Greenspans Fünfte», die schon sicher geglaubte Verlängerung seiner Amtszeit 2004 um weitere vier Jahre, ist nach der Bush-Schelte in weite Ferne gerückt. «Greenspan ist eine Institution», deutete Chuck Hagel, republikanischer Senator von Nebraska und Mitglied des Bankenausschusses, das geänderte Ressentiment gegenüber dem Notenbankchef an. «Aber dies heisst nicht, dass er unersetzlich ist. Wir alle können ersetzt werden, auch Greenspan.»