1. Home
  2. Unternehmen
  3. Investor Carson Block: «Alibaba ist ein Betrug»

Porträt
«Alibaba ist ein Betrug»

Carson Block auf einer Bank
Carson Block: Der CEO von Muddy Waters machte sich einen Namen als aktivistischer Short Seller.Quelle: Bloomberg

Shortseller Carson Block führt einen Kreuzzug gegen Aktienbetrüger und Buchhaltungstricks. Vor allem chinesische Firmen hat er im Fokus.

Von Jeff Vögeli
am 01.04.2018

Block, der sich seit 2010 einen Namen als aktivistischer Short Seller gemacht hat, ist auch heuer noch erstaunt darüber, wie kurzfristig das Denken vieler Manager ist und wie wenig diese von Investoren herausgefordert werden. «Es ist wichtig, dass man nicht zu skeptisch oder zynisch ist», sagt er am Telefon aus San Francisco. «Ich versuche den Leuten einen Vertrauensvorschuss zu geben, aber den kann man bei mir recht schnell verlieren.» 

Das Geschäftsmodell seines Unternehmens Muddy Waters ist die Antithese zum ewigen Optimismus der Anleger und Bankanalysten, die gern auf immer weiter steigende Kurse setzen. Block sucht so lange, bis er ein weiteres Unternehmen gefunden hat, dessen wahrer Wert weit unter dem Marktwert liegt. Mit der Ankündigung seiner Short-Position, einer Wette auf den Kurszerfall der Aktie, folgt ein Report mit detailliert recherchierten Beweisen oder Indizien, die seine Behauptung stützen.

Information an Hedgefonds-Guru John Paulson

Block sagt, er leiste der Allgemeinheit mit seiner Firma einen Dienst. Indem er Betrüger und überbewertete Unternehmen identifiziert, zieht er Leute aus dem Verkehr, die sonst den Aktionären das Ersparte aus der Tasche ziehen würden, so sein Argument. Bei diesen Aktionären handelt es sich nicht immer bloss um Kleinaktionäre. Im Jahr 2011 griff Block Sino-Forest an, eine Firma, in die auch Hedgefonds-Guru John Paulson investiert war. Je nach Berechnung verbuchte Paulson einen Verlust von über 500 Millionen Dollar und Block gewann den Ruf, eine Nase für grossangelegten Betrug zu haben. Sein Unternehmen hat sich seitdem von «ein paar Leuten mit Laptops», die lediglich Research Reports im Angebot hatten, zu einem Fonds mit etwa 150 Millionen Dollar unter Management entwickelt.

Dass die ersten Opfer chinesische Firmen waren, ist kein Zufall. Bevor er auf diese Betrugsmasche stiess, versuchte sich Block in Schanghai selbst als Unternehmer. Doch bereits vor seinem Durchbruch mit Sino-Forest zog er zurück nach San Francisco. Der Grund dafür waren zwei chinesische Verwaltungsratspräsidenten mit gutem Grund, etwas gegen Block zu unternehmen. Also schützte er sich, indem er zurück in die Staaten ging. 

Erneut chinesische Firma im Blick

Mit dem Ausbau von Muddy Waters und dem Erfolg kam ein breiterer geografischer Fokus. Sein jüngster Bericht bezieht sich zwar wieder auf eine chinesische Firma – China Internet Nationwide Financial Services wendet laut Muddy Waters dieselben Tricks an wie die Betrügerfirmen, welche während des China-Booms der nuller Jahre auftauchten. Dazwischen hat sich Block mit US-Medizinfirmen, kanadischen Goldgräbern und deutschen Internetwerbern angelegt. Nicht in allen Fällen war der Erfolg so durchschlagend wie zu den Anfangszeiten. Häufig löst ein Report von Muddy Waters jedoch sofort einen Kursrutsch aus. Anders als herkömmliche Aktivisten, die bei einem Unternehmen mitreden wollen – so hat es White Tale beispielsweise bei Clariant versucht –, packt ein Short Seller so viel Dynamit wie möglich in einen einzigen Bericht. «Man muss sie so hart treffen wie möglich und dann warten, bis die Dominosteine fallen», beschreibt Block seine Strategie. 

Short Selling hält grössere Risiken bereit als das blosse Kaufen und Halten von Aktien: Die Kosten sind höher, ebenso wie die potenziellen Verluste. Auch deshalb hat Block schon mehrfach angekündigt, er würde gegebenenfalls auch in ein Unternehmen investieren. Allein, er hat noch keinen würdigen Kandidaten gefunden. Ob morgen oder in zehn Jahren, der Crash wird kommen, prophezeit er. Im Moment sei alles so überbewertet, dass die Chance, ein unentdecktes Juwel zu finden, sehr klein sei. Kein Wunder, er schätzt, dass auf jeden Short Seller 300 konventionelle Fondsmanager kommen, die versuchen, ihr Geld zu vermehren.

«Alibaba ist ein Betrug«

Von den meisten dieser Manager scheint Carson Block nicht viel zu halten. Manche seien ganz einfach «dumm», sagt er. Sie würden schon als Helden gefeiert, wenn sie ihren Benchmark-Index um einen halben Prozentpunkt schlagen und den meisten gelinge nicht einmal das. Er könne niemandem mit gutem Gewissen empfehlen, solchen Leuten Geld anzuvertrauen. Vor einigen Jahren seien Indexfonds noch eine gute Alternative gewesen. Mittlerweile sind diese so gross geworden, dass die ständigen Zuflüsse die Aktienkurse weiter steigen lassen und so zur Überbewertung beitragen.

Ein Beispiel dafür, wohin die Herdenmentalität an den Finanzmärkten führen kann, sei Alibaba. «Wir haben da keine ausführlichen Nachforschungen betrieben, aber ja, ich glaube, Alibaba ist ein Betrug», sagt Block. «Sie geben im Minimum eine zu hohe Profitmarge und einen zu hohen Umsatz an.» Trotz solcher Bedenken weiss der chinesische E-Commerce-Gigant die Analysten der Investmentbanken und grosse Investoren hinter sich. Weshalb? Der Skeptiker in San Francisco sagt: «Wenn alle so tun, als glaubten sie den veröffentlichten Zahlen, profitieren auch alle davon.» Diese Investoren sind zum Teil verpflichtet, Geld in chinesische Aktien zu investieren – kein einfaches Unterfangen, wenn viele davon teilweise dem Staat gehören. Da kam Alibaba wie gerufen. Und, so sagt Block, wenn beim Crash alle mit drin hängen, wird keinem vom Arbeitgeber ein Vorwurf gemacht werden – der Job ist sicher.

Investoren rücken dem Management zu wenig auf die Pelle

Dass Block sich seinen Namen mit chinesischen Unternehmen gemacht hat und Aktienbetrug in Schwellenmärkten einfacher ist als in Ländern mit einem gut funktionierenden Justizsystem und transparenten Märkten, heisst nicht, dass sich Investoren in Europa sicher fühlen können. «Amerikanische Aktionäre sind oft übermässig leichtgläubig und ehrerbietig gegenüber dem Management», sagt Block. «Im Vergleich zu den Europäern sind sie aber veritable Krawallmacher.» 

Investoren rücken dem Management zu wenig auf die Pelle, sei es weil sie nicht an dem Ast sägen wollen, auf dem sie selbst sitzen, oder weil es einfach unhöflich ist, zu viel zu fragen. Diese kulturellen Unterschiede musste Block auch unmittelbar erfahren, als er für seine Kritik an europäischen Firmen hart angegangen wurde. «In Europa sieht man Short Seller als Leute, die Jobs gefährden», sagt er. «Meine Antwort darauf ist, Manager versuchen das Geld der Leute in die eigene Tasche zu stecken.» Genau deswegen werden diese Probleme auch nicht verschwinden, meint Block.

Nicht bei allen Beispielen fallen prominente Investoren auf die Nase

Teilweise sei es erschütternd, wie wenig Skeptizismus den Firmen entgegengebracht werde, echauffiert sich der Amerikaner. Als jüngstes Beispiel nennt er die Probleme der Firma Steinhoff, welcher unter anderem die Französische Ladenkette Conforama gehört. Die Buchhaltungsprobleme des Unternehmens haben zu einem Wertverlust von mehr als 80 Prozent geführt. Zu den Gläubigern der Firma gehört auch die Europäische Zentralbank. Die entsprechenden Bonds haben einen Taucher von 40 Prozent hinter sich.

Nicht bei allen von Blocks Beispielen fallen derart prominente Investoren auf die Nase. Doch selbst bei einem Unternehmen namens African Minerals, dessen Verwaltungsratspräsident eine Verurteilung wegen Heroinhandels auf dem Kerbholz hatte, gingen die Warnlampen erst nach Artikeln in der «Financial Times» an – obwohl die Information öffentlich gewesen wäre.

Carson Block wird regelmässig verklagt

Carson Block wird vehement, flucht auch gerne, wenn er darüber spricht, dass er als Bösewicht hingestellt wird, obwohl er versucht, solche Fälle aufzudecken. Neben Anfeindungen in der Presse und durch die Firmen in seinem Visier wird er regelmässig verklagt. Auch Privatdetektive werden auf ihn angesetzt. «Bisher haben sie noch nichts wirklich Schlechtes über mich herausgefunden», sagt er. «Hoffentlich bedeutet das, dass ich eigentlich ganz in Ordnung bin.» 

Die Taktiken reichen von Hacking-Angriffen bis hin zu einem Detektiv namens Brisard, der sich als Reporter des «Wall Street Journal» ausgab, um Block zu treffen. Das Resultat ist ein Video von Brisard, wie er sich zu rechtfertigen versucht und bald darauf fluchtartig das Restaurant verlässt. Was er sich von dem Treffen versprach, bleibt unklar. Diese Umstände machen den Job verhältnismässig stressig, auch wenn Block betont, er arbeite nicht Tag und Nacht. «Glauben Sie mir, es gibt einfachere Wege, Geld zu verdienen», sagt er. «Aber ich denke, was ich jetzt tue, ist der bestmögliche Beitrag zu einer Veränderung zum Besseren.»


 

 

Anzeige