Eine Mail pro Minute, zwei Meetings in der Stunde - und fürs Essen bleibt keine Zeit. Was sich Homo faber, der schaffende Mensch, zwischen Aktenberg und Bildschirmkabinett auf Einweggabeln spiesst, bringt wohl das Blut in Schwung, lässt aber Herz und Sinne kalt.

Welche Entzückung dann beim ersten Weihnachtsgebäck, das süss zum Innehalten nötigt, die Zeit anhält. Erwachsene werden Kinder, und Kinder werden still, wenn die «Guetzli»-Büchse geöffnet wird. Geteilt die Erinnerung ans ferne Mittelalter, als mit Pfeffer-, Zimt- sowie Anisplätzchen Königen und Kaisern gehuldigt wurde; ganz für sich die Besinnung auf die Jahre einer unbeschwerten Jugend.

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Klassiker nach Grossmutters Rezept

«Ich habe immer mit meiner Grossmutter gebacken», verrät Susanne Ullrich, Leiterin Food Consulting bei Betty Bossi, und denkt dabei an ihr Lieblings-«Guetzli», das «Mailänderli», das sein darf, wie es immer war: «Es muss für mich einen Hauch Zitrone aufweisen, und zwar aus echter Zitronenschale und nicht von einem Aroma. Es darf nicht zu dünn ausgewallt werden und soll innen schön mürbe sein.»

Auch Fernsehkoch René Schudel aus der Sendung «Funky Kitchen Club» setzt auf Tradition, wenn er das klassische «Brätzeli» zu seinem favorisierten Weihnachtsgebäck kürt. Auch er begrüsst dessen Einfachheit: «Nichts Kompliziertes oder Heikles, keine grosse Dekoration, sondern einfach, gradlinig, knusprig, wunderbar.»

Die Vorliebe von Susanne Ullrich teilt Werner Hug, Delegierter des Verwaltungsrats des Backwarenherstellers Hug. Auch sein Lieblings-«Guetzli» ist das «Mailänderli». «Es ist knusprig, schön mürbe und schmeckt nach Butter, wenn es richtig gemacht ist.» Zwar wird in der Familiendynastie das Rezept von Generation zu Generation weitergereicht. Aber ausgerechnet im Traditionsunternehmen hat das «Mailänderli» seine Reformen erfahren: «Für die Produktion wurde das Rezept optimiert und mit etwas Fantasie weiterentwickelt», erzählt Werner Hug. Und die neuen Ideen hat - wen wundert es - die Jungmannschaft der Familie Hug ins Spiel gebracht.

Von einem unschuldigen aber historisch unumstösslichen Generationenkonflikt weiss auch Fernsehkoch René Schudel zu berichten. Wenn die Grossmutter im Emmental dem Dreikäsehoch die Zubereitung zehn Mal erklären musste, hatte dies seinen Grund: «Mich interessierte das Ganze erst von da an, als das ‹Brätzeli›-Eisen aufgeheizt wurde.» Und holt aus: «Im Gegensatz zu all den anderen ‹Guetzli›, die man einfach im Ofen macht, braucht es für die ‹Brätzeli› eine Maschine - und was für eine. Gross, schwer, mit Dampf und Rauch, es zischt und macht.» Auf diese Art hat die industrielle Revolution damals also auch Omas Küche in Beschlag genommen, das «Guetzle» automatisiert und dem Knaben glänzende Augen beschert.

Wie die traditionellen Weihnachts-«Guetzli» schliesslich in der Moderne angekommen sind, illustriert Susanne Ullrich von Betty Bossi: Stand für sie in der Kindheit das Naschen des Teiges im Vordergrund, begrüsst sie heute die Fertigteige ihres Teams, die es ermöglichen, dass ihre «Guetzli»-Büchse - trotz Nascherei - über die ganze Adventszeit gefüllt bleibt. Die Probe aufs Exempel hat sie mit ihren Fertigteigs längst bestanden: «An einer Weihnacht hatte ich wenig Zeit», erinnert sich die Fachfrau. «So habe ich alle meine Kreationen aus ‹Mailänderli›-Teig gemacht und keiner hat es gemerkt. Das Produkt einfach mit Zitronenglasur verfeinern oder in Schokoladeglasur tauchen.»

Spitzbuben sind sie also allesamt, die altbekannten Weihnachts-«Guetzli». So simpel, dass sie zur Not für das «Gschpändli» herhalten können, und doch so geheimnisumwoben, dass der Backwarenhersteller Hug seit Jahrhunderten nach dem idealen Rezept forscht. Wie die Ahnen beschäftigen Werner Hug Fragen rund um das «Mailänderli»: «Wie muss es aussehen? Welche Form ist gewünscht? Wie dick muss es sein? Und wie viel Butter ist ideal?»

Zwischen Tradition und Innovation

Fragen, die auch dem geschäftigen Menschen im Büro auf der Zunge liegen, wenn er das erste Weihnachts-«Guetzli» des Jahres gekostet hat - die ihn über Tradition und Innovation, Augenblick und Ewigkeit nachdenken lassen. Fragen, die nur schlecht per Mail zu erörtern sind - und die Stoff für das eine oder andere Meeting liefern würden, am besten aber im Kreis von Familie und Freunden mit Feldforschung angegangen werden.