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Amazon
Auftritt des Giganten

Hat im Versicherungsbereich ambitiöse Pläne: Der Internetgigant Amazon.Quelle: Reuters

Jetzt gilt es ernst: Amazon steigt in den Versicherungsmarkt ein.

Von Matthias Niklowitz
28.11.2017

Der Internetgigant Amazon sucht in London seit Mitte Oktober Product Manager «for EU Product Insurance». «Denken Sie unternehmerisch? Möchten Sie Teil eines neu aufstrebenden Geschäftsbereiches werden?» spricht man potenzielle Bewerber in der Stellenausschreibung an. Bei Amazon sind die Produktversicherungen ein «junges und dynamisches Programm in Europa». Gegenwärtig sind solche Versicherungen in Grossbritannien, Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien im Angebot. «Mit internen und externen Partnern redefinieren wir die Erfahrungen bei Garantien und Produktversicherungen und disruptieren die Art und Weise, wie traditionelle Versicherungen das machen und schaffen dazu noch eine neue Palette von Diensten», heisst es in der Ausschreibung weiter. «Wir haben ambitiöse Pläne, (...) neue, innovative Produkte zu schaffen.»

Gute Vorarbeit

Amazon verkauft bereits heute Versicherungsprodukte: Mit «Amazon Protect» können Käufer bei der britischen Amazon-Plattform die Produkte gegen Beschädigung und Diebstahl bei der Lieferung versichern lassen. Der Gigant würde sich bei neuen Versicherungsprodukten auch nicht im luftleeren Raum bewegen: Gemäss der Global Data-Versicherungsumfrage würden 18 Prozent der befragten Konsumenten auch Versicherungspolicen bei Amazon kaufen. Selbst Motorfahrzeugpolicen und Hausratversicherungen würden bei Amazon gekauft.

Zudem hat Amazon auch die entscheidenden Vorarbeiten gemacht, um in solche neuen Geschäftsbereiche einzusteigen: Die Produkte gelten als transparent beschrieben, die Kunden erhalten das, was sie erwartet haben (was man längst nicht von allen Versicherungen behaupten kann). Weiter hat Amazon die Kunden mit dem «Prime»-Angebot bereits an Abonnement-Strukturen und Gebühren für Services «gewöhnt». Das gilt auch für Märkte und Bereiche, wo man von jährlichen Rechnungen auf monatliche umgestellt hat.

Und schliesslich erreicht Amazon so seine Kunden direkt. Die Firma weiss bereits heute sehr viel über die Kunden und kann ihnen zukünftig weitere Angebote direkt unterbreiten. Versicherungen würden dadurch laut Analysten als Risiko-Träger (bestenfalls) in den Hintergrund gedrängt. Wenn Amazon in den Bereichen, wo das Gesetz der grossen Zahlen gilt, Risiken selber handhabt, kommen allenfalls Rückversicherungen als Risikoträger in Frage. Laut Analysten ist aber auch das fraglich: Das Innovationspotenzial von Amazon würde auch da nicht haltmachen; es ist damit nicht ausgeschlossen, dass auch hier eine innovative Lösung in Form eines speziellen ILS-Produktes zum Zug kommen könnte.

Unter Beobachtung

«Amazon wird sicher seine eigenen Produkte weiter versichern; für Defekt, Garantie und Diebstahl», sagt Vontobel-Analyst Stefan Schürmann. «Oder in Form einer erweiterten Garantieleistung und Valuable Personal Property (VPP), einer Art persönlicher Hausratsversicherung, die im Moment mit Drittparteien wie Helvetia in Deutschland angeboten wird.» Da die Margen da sehr hoch sind, lohne es sich, das auf die eigene Bilanz zu nehmen. «Generell sind standardisierte Produkte, die sich einfach online verkaufen lassen, interessant», so Schürmann. Beispiele sind Reiseversicherungen, einfache Hausratversicherungen und Rechtsschutz-Policen.

«Wir beobachten jeden neuen Mitbewerber im Markt», heisst es von der Baloise gelassen. «Der Aufbau einer Versicherung geschieht jedoch nicht über Nacht und setzt fundiertes Know-how zur Risikoberechnung und Schadenexpertise voraus. Zudem bilden unterschiedliche regulatorische Länderspezifika eine weitere hohe Hürde. Für Branchenneulinge ist es zudem eine Herausforderung, weil sich etablierte Versicherungen wie die Baloise weiterentwickeln und sich konsequent auf die neuen Kundenbedürfnisse anpassen.»

«Dass Amazon oder andere internationale Player in den Versicherungsmarkt eintreten, ist möglich», heisst es von Axa. «Wer aber Versicherungen verkauft, muss die gleichen gesetzlichen Vorgaben erfüllen wie wir. Etwa, was die finanziellen Reserven angeht, die eine Versicherung heute haben muss. Dadurch haben wir die gleich langen Spiesse – und wären dank unserer Erfahrung gut aufgestellt.»

«Wir sind davon überzeugt, dass das Versicherungsgeschäft in wenigen Jahren radikal anders aussieht», prophezeit Frank Keidel, Sprecher bei Zurich. In Zukunft werde es darum gehen, die Kunden rund um die Uhr als Dienstleister zu begleiten. «Wir sehen darin eine riesige Chance für Zurich. In Deutschland ist Amazon für uns kein Gegner, sondern ein Geschäftspartner. Kunden können sich mit Amazons Alexa ‹unterhalten› und rein digital Versicherungsschutz erwerben.»

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