Vor drei Jahren suchte die Zürcher Softwareschmiede Ergon Informatik zusätzlichen Büroraum. Die Geschäftsleitung überlegte sich, an der Peripherie ein eigenes Gebäude zu bauen. Während andere Firmen nach erfolgtem Chefentscheid zur grossen Info-Veranstaltung geblasen hätten, ging Ergon anders ans Werk: Man liess die Mitarbeiter abstimmen. Resultat: Klare Präferenz für einen zentralen Standort im Seefeld gegenüber kostenoptimierter Bürofläche. Dies, obwohl die potenziellen Kosteneinsparungen den Mitarbeitenden in Form von höheren Salären zugutegekommen wären.

Dass die Belegschaft bei grundsätzlichen Firmenentscheiden mitreden kann, gehört bei der Informatikfirma zum Konzept. «Grundsätzlich», sagt Gabriela Keller, die in der Ergon-Geschäftsleitung für Personal und Marketing verantwortlich ist, «hat jeder Mitarbeitende ein Vetorecht, was Chefentscheide betrifft.» Ein Chaos aus Grundsatzdiskussionen sei deshalb aber nicht zu befürchten, sagt Keller. «In den letzten Jahren hat nie jemand von seinem Vetorecht Gebrauch gemacht – weil sich die Geschäftsleitung Mühe gibt, bei ihren Entscheiden die Haltung der Teams zu antizipieren.» Eine weitere Spezialität der Firma ist die gläserne Lohntüte. Jeder weiss, was der andere verdient. Weil die meisten der 150 Angestellten – 18 davon weiblich – einen Informatik-Hochschulabschluss haben, vertraut man auf eine uniforme Lohnkurve, die vor allem die Seniorität berücksichtigt.

Die Zürcher Softwareschmiede belegt im jüngsten Swiss Arbeitgeber Award, der diese Woche in Bern vergeben worden ist, den ersten Rang. Punkto Mitarbeiterzufriedenheit rangiert sie vor dem Zürcher Marriott Hotel und der Klinik Sonnenhalde in Riehen BS. Auffallend ist, dass im Tableau der 96 Firmen vor allem KMU obenaus schwingen. Für Sven Bühler von der Icommit, welche die Befragung organisierte, keine Überraschung: «Bei kleinen und mittelgrossen Firmen treten meist weniger Schnittstellenprobleme auf, der einzelne Mitarbeitende kann mehr Verantwortung übernehmen, was sich sehr oft positiv auf den Firmen-Spirit auswirkt.» Worauf der Geschäftsführer des Zürcher Consultingunternehmens für Personal- und Organisationsentwicklung stolz ist: «Es haben sich noch nie so viele Firmen am Swiss Arbeitgeber Award beteiligt wie 2012.»

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Auf Menschen orientiert. Aufsteiger des Jahres ist Lyreco Switzerland, die im Zweijahresrhythmus am Arbeitgeber Award teilnimmt und sich gegenüber 2010 um 27 Plätze verbessern konnte. Beim grössten Bürobedarfshändler der Schweiz führt man den Sprung auf die «konsequente Menschenorientierung» zurück, sagt Fredy Amrein, Human Resources Director von Lyreco Switzerland. 500 Mitarbeiter zählt die Firma mit Sitz im zürcherischen Dietikon.

Zwar sei der Autonomiegrad der Mitarbeiter – die Firma funktioniert als Ländergesellschaft der weltweit tätigen französischen Lyreco Group – beschränkter als bei üblichen KMU, dafür aber könne man im Personalbereich Akzente setzen. Gerade auch in ungewissen Zeiten, sagt Amrein: «Als Lyreco Switzerland letztes Jahr das Unternehmenskundengeschäft der Firma Waser übernahm, löste das intern sicher Ungewissheit und Ängste aus.» Als Lyreco Switzerland so von 400 auf 500 Mitarbeiter anwuchs, machten sich da und dort Sorgen breit, dass man Opfer von Synergien werden könnte. Die Firmenleitung habe darauf mit «Wort und Tat» reagiert, sagt Amrein, und der Belegschaft signalisiert: «Ihr gehört alle zu uns.» Wegen der Firmenzusammenführung gab es keine Kündigungen, alle Waser-Mitarbeitenden wurden übernommen nach dem Grundsatz: Wir machen die Integration mit dem Personal, das da ist. Bei Vertragsunterschieden zwischen altem und neuem Unternehmen habe man stets die bessere Variante für die Mitarbeiter übernommen.

Was sind die Lehren für andere Firmen, die den Rohstoff Personal besser bewirtschaften wollen? «Wenn man engagierte und loyale Mitarbeitende will, muss man sich als Firma ihnen gegenüber ganz einfach selber loyal verhalten und sich engagieren», sagt Amrein. Besonders in herausfordernden Zeiten, wozu zweifellos auch Firmenzusammenführungen gehören: «Das ist ein Schlüssel für den nachhaltigen Unternehmenserfolg» sagt Lyreco-Schweiz-Personalchef Amrein.

Ihren Erfolg beim Swiss Arbeitgeber Award werden die Softwareprofis der Ergon Informatik wohl beim traditionellen «Freitagsbier» feiern, mit dem die Woche jeweils ausklingt. Oder beim monatlichen «Business-Apéro», wo Ergon-CEO Patrick Burkhalter jeweils über den aktuellen Geschäftsgang und neue Aufträge informiert. Wenn er denn zurück ist. Denn zur Zeit der Award-Übergabe war der Chef im Urlaub.

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