Welche Kriterien ein Vergütungssystem umfassen soll, wird von Investoren, Stimmrechtsberatern, Verwaltungsräten und Geschäftsleitungsmitgliedern sowie natürlich auch in der breiten Bevölkerung immer wieder neu diskutiert. Je nach Perspektive werden dabei unterschiedliche Kriterien propagiert.

Beim Thema Nachhaltigkeit («Environmental, Social and Governance», ESG) jedoch scheinen sich die meisten Anspruchsgruppen eines Unternehmens einig zu sein: Dieses Kriterium gehört in ein zeitgemässes Vergütungsmodell. Denn während 2012 erst 13 Prozent der hundert grössten börsenkotierten Unternehmen der Schweiz ökologische, soziale oder gesellschaftliche ­Aspekte in ihre Salärpläne inkludierten, waren es 2016 rund 20 Prozent und letztes Jahr bereits 30 Prozent der Firmen. Die führende Branche ist dabei die Finanz­industrie – bereits rund die Hälfte der grössten kotierten Schweizer Banken und Versicherungen reflektiert Nachhaltigkeit in ihren Vergütungssystemen.

Wenn die Mitarbeiterzufriedenheit relevant für den Bonus ist

Diese Entwicklung basiert natürlich auch auf der zunehmenden Bedeutung von ESG in der Wirtschaftswelt. Hinzu kommt, dass Unternehmen mit starkem Fokus auf Nachhaltigkeit zurzeit am Markt höher bewertet werden. Dies zeigte sich zuletzt auch während der ­Covid-19-Krise, als Unternehmen mit einem hohen ESG-Rating an den Finanzmärkten besser performten als beispielsweise der durchschnittliche S&P-500-Index.

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Axel May ist Partner bei HCM International, Claudia Würstle arbeitet als Managerin beim Beratungsunternehmen. HCM International Ltd. (HCM) ist ein unabhängiges internationales Beratungsunternehmen, das sich auf die Beratung von Vorständen, Vorstandsausschüssen und Führungskräften spezialisiert hat.

Zur Anwendung kommen ESG-bezogene Kriterien derzeit primär in der kurzfristigen, variablen Vergütung der Geschäftsleitungen. Ihre Gewichtung beträgt typischerweise 10 bis 20 Prozent. Dabei nehmen soziale, mitarbeiterbezogene Aspekte den grössten Anteil ein. Die Versicherung Baloise zum Beispiel berücksichtigt ihr Ziel, bis 2021 zu den beliebtesten Arbeitgebern der Branche zu gehören. Der Nahrungsmittelhersteller Nestlé ­reflektiert den Anteil nachhaltiger Produkte, die Unternehmenskultur sowie Sicherheit und Compliance.

Doch weshalb wird ESG nicht auch in den langfris­tigen Salärplänen berücksichtigt? Schliesslich weist die Nachhaltigkeit, wie es bereits im Wort zu erkennen ist, ja einen langfristigen Aspekt auf. Einerseits basieren langfristige Pläne traditionell auf Finanz- und Aktienkurs-­Zielen, anderseits scheinen verhaltensändernde, strategische Aspekte zielführender und wirksamer zu sein, wenn sie in der kurzfristigen Vergütung reflektiert werden. Zukünftig werden ESG-Kriterien aber auch häu­figer in die Langfristvergütungspläne aufgenommen werden, um den langfristigen Horizont der Vergütung und der Strategie besser zu reflektieren.

Denn ESG-Kriterien können ihre angestrebte posi­tive Wirkung in den Vergütungssystemen nur dann entfalten, wenn sie zugleich auch mit der langfristigen Unternehmensstrategie in Einklang stehen. Hier haben sowohl die eingangs gelobte Finanzindustrie als auch die grossen Schweizer Unternehmen generell noch Handlungs­bedarf, gerade im internationalen Vergleich. Am besten ist der Verwaltungsrat oder die Geschäftsleitung strategisch für die Nachhaltigkeit verantwortlich und nicht (nur) eine untergeordnete Fachstelle. So kann sichergestellt werden, dass Umwelt- und Gesellschaftsthemen in der Strategie und im Geschäftsmodell langfristig ver­ankert sind.

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