Keine Frage: Hans Wilsdorf, der geniale Rolex-Gründer, besass eine besondere Affinität zum britischen Königreich. Immerhin begann in England sein unglaublicher Siegeszug in die Welt der präzisen Zeitmessung durch den Vertrieb genau gehender Armbanduhren, welche Les Fils de Jean Aegler, Fabrique de Montres Rebberg, sein Schweizer Produzent und Partner, am laufenden Band nach London exportierte. Die englische Staatsbürgerschaft nahm der gebürtige Bayer Wilsdorf aus innerster Überzeugung ebenfalls an.

Dass man allerdings auf einem Bein schlecht steht, erkannte das Marketinggenie Wilsdorf schon bald nach Einführung des zugkräftigen Namens Rolex, der nach Aussagen seiner Witwe ein intelligentes Kürzel aus «rolling export» repräsentiert. Deshalb liess er sich ein beachtliches Spektrum unterschiedlicher Namen rechtlich schützen. Es umfasste beispielsweise Elvira und Omigra (1909), Marconi Lever und Coronation Lever (1911), Marguerite (1912), Marukoni (1913), Crown Jewels Lever, King George Lever, Princess Royal Wristlet, Queen Alexandra Wristlet und Prince of Wales Lever (1914), Calix Lever und Lexis (1916), Brex Lever und Unicorn Lever (1919), Lonex, Genex, Falcon und Rolwatco (1920), Hofex und Viceroy (1921) sowie 1922 die Admiralty. Tatsächlich Verwendung fanden freilich nur wenige, denn Rolex war über die Massen erfolgreich.

Da war doch eine Königsfamilie

Ein anderer Name hatte es Hans Wilsdorf infolge seiner anglophilen Einstellung ebenfalls angetan: Tudor. Er erinnert an das bedeutende englische Königsgeschlecht, welches von 1495 bis 1603 regierte. Zu Wilsdorfs Leidwesen war der Name allerdings schon vergeben. Der Genfer Schmuckhändler Isaac Blumenthal hatte ihn am 13. Dezember 1906 für sich schützen lassen. Danach geboten Philippe Hüther aus Colombier und später seine Witwe über die Namensrechte Tudor. Hans Wilsdorf hatte das Nachsehen.

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Vorübergehend jedenfalls, denn Aufgeben gehörte nicht zu seinen Charaktereigenschaften. Mit der ihm eigenen Beharrlichkeit verfolgte der Bayer das Ziel, Tudor unter sein Firmendach zu bekommen. 1945, pünktlich zum 40. Firmenjubiläum, hatte der Patron erreicht, was er wollte. Seine brandneue Uhrenlinie trug den klangvollen Namen Tudor.

Im Schatten der starken Mutter

Um einen gewissen Abstand zur Hauptmarke Rolex zu wahren, basierte die Produktstrategie während der folgenden Jahrzehnte auf einer Synthese aus Vorhandenem, also den bewährten Oyster-Gehäusen und Uhrwerken der Ebauches SA, zu der AS und ETA gehörten. Zielgruppe waren die Zeitgenossen mit hohen Ansprüchen an Qualität und Design, die sich jedoch keine Rolex leisten konnten - oder wollten.

Die Modelle Oyster, Oyster Prince sowie Princess erlangten nicht zuletzt auch deshalb ein gewisses Mass an Bekanntheit, weil Hans Wilsdorf ab 1947 - wenn auch spärliche und gestalterisch zurückhaltende - Inserate für seine Einsteigermodelle mit dem Logo einer stilisierten Rose schaltete. Besonders im Reich der Mitte kamen diese gleichermassen hochwertigen wie preisgünstigen Armbanduhren erstaunlich gut an.

In den späten 1960er Jahren schnallten sich französische Marinetaucher eine Tudor ans Handgelenk, die der Rolex Submariner verblüffend ähnlich sah. Und die US-amerikanischen Navy Seals taten es ihren europäischen Kollegen gleich. Die 1970er Jahre brachten unter anderem die Monte Carlo, einen Chronographen mit dem Schaltrad-Handaufzugskaliber Valjoux 234, 40 mm grosser Oyster-Schale und verschraubten Drückern. Die Version mit dem Oyster-Gliederband ist Liebhabern inzwischen mehr als 15000 Fr. wert.

Tudor-Bestseller der 1990er Jahre war ein Automatik-Chronograph, in dem das zuverlässige Kaliber Valjoux 7750 tickte. In der Neuen Welt und in Japan gehörte dieser Stopper mit leicht identifizierbarem Oyster-Gehäuse, verschraubten Drückern und Oyster-Band infolge seiner vorzüglichen Preis-Leistungs-Relation zu den Geheimtipps. Es folgten Prince Date Automatic Chrono Time, Chronograph und Hydronaut.

Machtwort bremste die Pläne

Um ein Haar hätte Tudor 2004 Einzug gehalten in den Zirkel echter Manufakturen. 2001 präsentierten die Genfer während der «BaselWorld» unter der Hand das exklusive, speziell für Damenuhren entwickelte Automatikkaliber T 8000 mit beidseitig wirkendem Rotoraufzug. Die Planungen sahen vor, dass es ab November 2002 in einer Hydronaut fürs zarte Geschlecht ticken sollte. Für 2004 waren die entsprechenden Herrenkaliber T 8008 (Kleine Sekunde) und T 8050 (Zentralsekunde) vorgesehen.

Auf höhere Weisung hin endete das ambitionierte Projekt, bevor das neue Kapitel die Tudor-Markengeschichte bereichern konnte. Pläne und Prototypen verschwanden in der Schublade. Tudor blieb, was es von Anbeginn war: Ein Etablisseur, denn ein geziemter Abstand zur Mutter sollte und musste gewahrt bleiben.

Trotz des gewissermassen erzwungenen Festhaltens an der erprobten Partnerschaft mit dem Werkelieferanten ETA blieb die Zeit bei Tudor nicht stehen. Ein Team um Davide Cerrato, der zuvor für Panerai tätig war, soll der Marke heute in aller Ruhe ein neues und moderneres Image verpassen. Nachhaltigkeit und das unbedingte Festhalten an überlieferten Qualitätswerten unter Verwendung von ETA-Kalibern gehen dabei vor Tempo. Aus den mehr als 60 Jahre alten Markenwurzeln soll eine neue Identität spriessen.

Heute viel mehr Eigenständigkeit

So kann Tudor das historische Kapital für eine mehr eigenständige Zukunft nutzen. Ungeachtet dessen soll und muss sich Tudor beim Markenauftritt deutlich vom breiten Feld der Mitbewerber abheben. Statt bekannter Testimonials wie Tiger Woods, der 1997 einen Vertrag mit Tudor unterzeichnet hatte, setzt die Marke nun primär auf «Botschafter ohne Gesicht». Letzteren, kreiert vom amerikanischen Gegenwartskünstler Ron Ferri, obliegt es zu demonstrieren, dass sich die Persönlichkeit eines Menschen allein schon durch seine Armbanduhr ausdrücken lässt.

Die dazupassenden Zeitmesser wird Tudor während der «BaselWorld 2009» präsentieren. Kennzeichen der brandneuen Kollektion ist ein «scharfer Stil», welcher alles andere als vordergründig ist und die Uhren noch stärker von den tickenden Schwestern mit der fünfzackigen Krone abhebt.

Wer künftig eine Tudor kauft, hat sich also ganz bewusst gegen die «Rolex für den kleinen Mann» und gleichzeitig für anerkannte Genfer Uhrmacher-Kompetenz entschieden. Es wäre durchaus möglich, dass Hans Wilsdorf, könnte er die Newcomer persönlich begutachten, ausgesprochen stolz auf das wäre, was er 1945 mit seiner Marke Tudor initiierte.