Am Hauptsitz des Brillenlabels Viu an der Weststrasse in Zürich Wiedikon geht es zu wie in einem Bienenstock: Es wimmelt von jungen Leuten an dicht an dicht gestellten Pulten, es ist laut, die Luft ist zum Schneiden. «Ja, es ist inzwischen eng hier», sagt Viu-CEO Kilian Wagner, winkt seinen Kompagnon, Viu-Mitinhaber Peter Kaeser, herbei und steuert zum riesigen Tisch, der in einer Ecke des Grossraums steht.

Erster Eindruck: Wagner und Kaeser sind komplett verschiedene Typen. Nur äusserlich? «Nein, wir ticken auch ganz anders», sagt Kaeser, «Kili ist der Indianer, der als Erster durch den Dschungel rennt und sich einen Weg bahnt, und ich eile hinterher und räume auf, was liegen bleibt.» Wagner lacht. Seine Version: «Ich sorge dafür, dass der Karren mit 150 km/h unterwegs ist, und Peter, dass das Gefährt auch vier Räder hat.» Kaum sind die Worte gesagt, versachlicht er: «Ich mache alles nach aussen, Peter nach innen.»

Kühne Idee

Als sie vor knapp sechs Jahren ihr Unternehmen starteten – coole Brillen herstellen lassen und online only verkaufen –, wurden sie als «junge Wilde» beschrieben. Jung waren sie, Wilde keineswegs: Dafür wussten Wagner, damals 30 Jahre alt, HSG-geschult, McKinsey-Berater, und Studienfreund Kaeser, damals 29 Jahre alt, HSG-Absolvent, Produktmanager bei Noble Biocare, viel zu genau, was sie wollten und wie. 1. Raus aus ihren Tretmühlen. 2. Ein eigenes Unternehmen gründen. 3. Den Brillenmarkt aufmischen.

Die Geschäftsidee aber war kühn. Weder Wagner noch Kaeser hatten viel Ahnung von Brillen. Zudem ist der Schweizer Brillenmarkt üppig besetzt: Gemäss Optikerverband buhlen hierzulande 1100 Fachgeschäfte um Kurz- und Weitsichtige (siehe «Heiss umkämpfter Markt»). Aus diesem Grund erschien dem Zürcher Unternehmer und Gastronomen Dieter Meier ein Einstieg bei Viu damals auch zu riskant. Heute fuchst es ihn. «Ich kam zu der Einschätzung, dass der Markt für Brillen in der Breite schon übersättigt sei, und lehnte ab», sagte er in einem Interview auf die Frage, ob es nicht getätigte Investments gebe, die er bereue. «Zu meiner Überraschung wuchs die Firma aber rasant.»