Jungautor Patrick deWitt war eigentlich schwer verkäuflich. Der Kanadier mit den strähnigen langen Haaren und der knallblauen Nerd-Brille hatte einen Western über zwei Auftragskiller geschrieben, den er für nahezu perfekt hielt. Es war sein zweiter Roman unter dem Titel «The Sisters Brothers», mit dem er im vergangenen Herbst an der Frankfurter Buchmesse hausieren ging. Er hatte zuvor zwar einen Verlag in Amerika gefunden, aber nur mit viel Mühe. Auch die europäischen Verleger goutierten sein Werk nicht, über ein Dutzend Lektoren prüften und lehnten ab. Wie sollten sie damit Geld verdienen?

Letzter Versuch, letzter Messetermin mit Andrea Best, der Programmleiterin des Münchner Manhattan Verlages aus dem Bücherkonzern Random House. Lektorin Best fand den Western toll, aber ziemlich ungewöhnlich. Sie machte ein Vertragsangebot, aber nur mit einer ziemlich bescheidenen Garantiesumme. DeWitt war das zu wenig. Lektorin Best schmunzelte, kramte unter ihren Papier- und Bücherbergen und legte ihm eine Kastanie obendrauf. Als Bonus.

Strippenzieher. DeWitt fand das sym­pathisch, er war überzeugt und willigte ein. Manhattan bringt nun sein Werk. Bei seiner Verhandlung wurde er von einem Profi begleitet, dem Zürcher Literaturagenten Sebastian Ritscher. Ohne ihn wäre er auf der Messe verloren gewesen.

DeWitt hat eine kluge Wahl getroffen. Die Zürcher Literaturagenten Liepman, Mohrbooks und Fritz zählen zu den besten der Welt, sie strahlen unter den Literaten eine Aura aus wie keine anderen im Bereich des Rechtehandels. Sie stehen in der Tradition der grossen transatlantischen Literaturvermittlung, die Liste «ihrer» Autoren ist gleichbedeutend mit einer Liste der Weltliteratur. Viele Werke, die sie verkauft haben, zählen heute zum Lesekanon jedes Literaturstudenten, und dennoch wirken sie nicht angestaubt.

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Jedes Jahr aufs Neue sind sie an den internationalen Messen die Strippenzieher. Sie betreuen Autoren bei der Suche nach einem Verlag, sie verkaufen die Übersetzungsrechte bereits verlegter Bücher ins Ausland, besorgen für Autoren den weltweiten Rechteverkauf.

Ritscher, deWitts Zürcher Agent, repräsentiert die Agentur Mohrbooks. Er kann auf seinen romantischen Kastanien-Deal stolz sein, heute steht die US-Ausgabe von deWitt auf der Shortlist für den berühmten Man Booker Prize.

Literaturagenten wie Ritscher sind oft entscheidend für den Erfolg eines Debütanten. Im Fall deWitt teilt er sich diesen Erfolg mit dem US-Agenten Peter McGuigan, der den Jungschreiber 2005 kennen lernte, als dieser noch in einer Bar in Hollywood jobte und nebenher an seinem Manuskript bastelte. Es war zu lang für eine Kurzgeschichte, zu kurz für einen Roman – ein typischer Anfängerfehler. Zwei Jahre später hatte deWitt 200 Seiten voll und die Hoffnung, endlich gedruckt zu werden. Die Reaktionen waren ernüchternd. «Ich hatte nach der Lektüre das Gefühl, dass ich eine Dusche brauche», antwortete ein US-Verleger dem Agenten. Endlich kaufte eine Lektorin von Harcourt das Manuskript. 2009 sollte es gedruckt werden, aber Harcourt war nicht mehr, der Verlag war inzwischen vom Medienkonzern Houghton Mifflin geschluckt worden, und deWitts Lektorin verlor ihren Job. Miese Umstände: Von seinem Erstling wurden nur ein paar tausend Exemplare verkauft. Heute wird er in zwanzig Sprachen veröffentlicht.

Ab dem 12. Oktober ist es wieder so weit. Dann öffnet in Frankfurt die grösste Buchmesse der Welt ihre Tore. Den Agentenrohstoff liefern dort die Autoren selbst, aber noch häufiger die Verleger ihrer Heimat, die das Buch in der Muttersprache drucken wollen und sich um weitere Lizenzrechte im Ausland kümmern. In den USA sind die Rohmateriallieferanten oft auch die Literaturagenten der Autoren, die dem Heimatverlag ausschliesslich die US-Rechte offerieren und die Rechte für Europa über ihre Zürcher Agentenkollegen feilbieten.

Auktion der Rechte. Die Rechnung ist einfach: Die Literaturagentur erhält nach jedem Vertragsabschluss 15 bis 20 Prozent vom Autorenhonorar. Wenn eine amerikanische und eine europäische Agentur zusammenwirken, dann teilen sie sich das Honorar. Der Autor muss daher einen beträchtlichen Teil davon abgeben. Aber er hat auch die Chance auf einen höheren Ertrag, weil die Agentur sehr viel professioneller den richtigen Verlag aussuchen kann. Und wenn sich, anders als im Fall deWitt, mehrere Verleger für das Werk interessieren, dann veranstalten die Agenten eine Auktion. Per E-Mail oder Telefon feilschen die Verleger so lange, bis der Meistbietende übrig bleibt. Hin und wieder werden die Bieter für vielversprechende Titel auch in den Konferenzraum eines Frankfurter Hotels gebeten.

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Die Klügeren unter den Verlegern meiden die hektischen Frankfurter Messehallen für die wichtigsten Deals, dafür reisen sie vor Messebeginn nach Zürich. Ganz praktisch liegt das Zürcher Agentennest im Quartier Hottingen. Dort haben Liepman, Mohrbooks und die Fritz Agency ihre Büros nur wenige Gehminuten voneinander entfernt.

Antonia Fritz und Christian Dittus von der Fritz Agency bieten gerade «den neuen Soros» in Deutschland an und hoffen, für das Werk der Hedge-Fund-­Legende George Soros einen mittleren fünfstelligen Betrag zu lösen. 350 bis 450 Verträge schliessen sie jedes Jahr ab, auf ihrer Neuigkeiten-Liste «Fritz’ frische Titel» steht gerade das Buch mit der Titel-Nummer 76317, darunter natürlich auch Massenware, die schon bald wieder vergessen sein wird. Fritz ist seit mehr als 40 Jahren im Geschäft und vor allem für grosse Literaturagenturen in England und den USA tätig. Fritz vermittelt aber auch Autoren nach Übersee, wie den Management-Trainer Thomas Zweifel, und betreut den Nachlass des Zürcher Psychotherapeuten C.G. Jung.

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Das Internet hat auch ihre Welt revolutioniert. Nicht Facebook, der «Zeitfresser», wie Christian Dittus lästert. In Zürich amüsiert man sich eher über einen US-Kollegen, der in seiner Facebook-Liste auf 2500 Freunde kommt, bei den grossen Deals aber weniger auffällt. Die Herausforderung der Buchbranche heisst E-Book. Das elektronisch publizierte Buch kann nicht mehr ignoriert werden. Obwohl es noch keine einheitliche Plattform und Hardware für die Online-Leser gibt, die Technologie noch in den Kinderschuhen steckt, entwickelt sich der Verkauf rasant. Auch wenn die absoluten Absatzzahlen noch gering sind, berichtet der Verlagsgigant Random House über 200 Prozent Wachstum. Kindle, Nook, Kobo und iPad heissen die Lesegeräte, sie unterscheiden sich stark und sind nicht kompatibel. Im Kampf um die Marktherrschaft hat gerade der Internetbuchhändler Amazon die Nase vorn. Er bringt einen neuen, farbigen Kindle-Reader als Konkurrenz zu Apples iPad zum Kampfpreis von 199 Dollar auf den Markt – mit etwa 50 Dollar subventioniert. 800 000 Titel können die Kunden bereits auf Kindle lesen, darunter 40 000 deutschsprachige.

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E-Book im Vormarsch. Amazon ist für die Verlage heute der wichtigste Buchhändler, aber er bleibt nicht beim Buchversand. Nun greift der Internetkonzern auch die Verleger an. Amazon steigt gleich zweifach ins Verlagsgeschäft ein, im Prime-Segment mit dem E-Book-Verlag berühmter Bestsellerautoren, die ihr Werk direkt elektronisch publizieren. Und im Subprime-Segment im Massengeschäft mit Autoren, die keinen Printverlag finden, aber via Amazon über eine einfache Plattform ihr Buch als E-Book selbst verlegen und verkaufen. Mit ein paar Mausklicks können sie sich ihr Honorar und die Händlergebühr berechnen, die Amazon einkassiert.

«Wir werden in Frankfurt mit Amazon reden», erzählt Antonia Fritz. Larry Kirchbaum ist der neue Amazon-Verleger, der mächtige neue Spieler und dieses Jahr in Frankfurt wohl der meistgefragte. Die Agentin wird dort womöglich ihren Zürcher Kollegen von Liepman über den Weg laufen, auch sie stehen bereits in der Agenda des Amazon-Mannes.

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Für Eva Koralnik und Ruth Weibel, die Grandes Dames von Liepman, ist das gar keine Frage. «Ich lese alle Manuskripte auf dem Sony-Reader», erzählt Eva Koralnik, als sei dies eine Selbstverständlichkeit, während die meisten ihrer Alters­genossinnen wohl kaum ahnen, was ein Kindle oder ein E-Book überhaupt ist. «Wir haben jetzt gerade für eine isländische Autorin einen Teufelspakt mit Amazon USA geschlossen – zum ersten Mal», berichtet ihr Sohn Marc. Ein Markttest.

Marc Koralnik, ein gewitzter Mann mit Appenzellergürtel im Hosenbund, ist nach dem Ökonomiestudium an der HSG und Arbeiten am Theater in den Fami­lienbetrieb gekommen und wird das ­Geschäft in der dritten Generation unter anderem mit Ronit Zafran weiterführen. Marc Koralnik hat schon als Kind die ­Literatenzunft miterlebt, die von der Agenturgründerin Ruth Liepman nach Zürich gelotst wurde. Es waren grosse Namen darunter: Norman Mailer, F. Scott Fitzgerald, Arthur Miller, J.D. Salinger, Vladimir Nabokov.

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Die Agentur verwaltet die Nachlässe von Anne Frank, Elias Canetti, Norbert Elias und Erich Fromm. Der Schweizer Peter Stamm zählt zu ihren aktuellen ­Erfolgsautoren, dessen Buchrechte sie in über zwanzig Ländern verkauft haben. Amerikanische, britische, kanadische, französische und israelische Verlage und Agenturen vermitteln sie für das deutsche Sprachgebiet; eine stattliche Liste von Autoren vom Manuskript an für die ganze Welt.

Sebastian Ritscher von Mohrbooks, der Kastanienbuch-Agent, hat mit seiner Kollegin Sabine Ibach wenige Tage vor Messebeginn ebenfalls grosse Deals realisiert. Die Memoiren der Rock-Legende Neil Young haben sie bei Kiepenheuer & Witsch in Köln. Der zweite Starautor, den sie vermittelten, verfasste bis anhin zwar nur zwei Bücher über Bodybuilding, ­­aber sein neuer Titel verspricht einen Massenabsatz. Arnold Schwarzenegger, der ­kalifornische Ex-Gouverneur, bringt im US-Verlag Simon & Schuster seine «un­­glaublich wahren» Memoiren. Für die deutschen Rechte lieferten die Ver­leger bei Mohrbooks ihre Angebote in Win­­des­eile ab, es kam zu einer Auktion, die nach wenigen Tagen beendet war. Den Zuschlag bekam Hoffmann und Campe. Den Preis will Ritscher nicht nennen – grosses Agentengeheimnis. Aber so viel steht fest: Es wurde nicht mit Kastanien bezahlt.

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Liepman: Eva Koralnik und Ruth Weibel, die Grandes Dames im Agentengeschäft, führen ihre Agentur in zweiter Generation. Sie wurde 1949 von der weltberühmten Agentin Ruth Liepman gegründet. Ronit Zafran und Marc Koralnik sind bei Liepman die Agenten der dritten Generation.

Fritz Agency: Christian Dittus und Antonia Fritz betreiben das Agentengeschäft in zweiter Generation. Mehr als 70 000 Verlagsverträge sind innert 40 Agentenjahren in ihrem Archiv zusammengekommen. An der Frankfurter Buchmesse gehen sie mit den deutschsprachigen Rechten des neuen Titels von Hedge-Fund-Legende George Soros hausieren.

Mohrbooks: Verwaltungsratspräsidentin Sabine Ibach und Agent Sebastian Ritscher repräsen­tieren ein Rechtehandels-Unternehmen mit 70-jähriger Tradition, das vom legendären Exilagenten Lothar Mohrenwitz gegründet wurde. Ihre diesjährigen ­Starautoren: Neil Young und Arnold Schwarzenegger.

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