Arbeiter im Blaumann und mit Helm drehen an den Schrauben der Stahltanks, die gefüllt sind mit Essigsäuren. Laborantinnen messen die Konzentration von Säurechlorid. Am Stadtrand von Basel produziert das deutsche Unternehmen Cabb Chemikalien wie Natronlauge und Monochloressigsäure. Was wie aus dem Chemieunterricht tönt, ist in vielen Bereichen der Schweizer Wirtschaft und im Alltag der Bevölkerung unverzichtbar.

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Die Produkte des Feinchemikalienherstellers werden für die Herstellung von Pflanzenschutzmitteln, Medikamenten und zur Aufbereitung von Trinkwasser benötigt – man kann auch sagen: Cabb ist systemrelevant.

Der ganze Schweizer Markt ist betroffen

Das Unternehmen ist ein grosser Stromverbraucher in der Schweizer Industrie, weil seine Produktion es so erfordert. Fehlt der Strom, dann hat Cabb ein Problem. Aber nicht nur Cabb, wie ein Sprecher betont: «Eine Strommangellage würde den ganzen Schweizer Markt betreffen und die grundsätzlich schon angespannte Situation bei Rohmaterial, Logistik und Energiepreisen noch weiter verstärken.»

Das stelle unsere stromintensiven Unternehmen vor existenzielle Herausforderungen, sagt Stephan Mumenthaler, Direktor des Wirtschaftsverbands Scienceindustries. Der Verband vertritt rund 250 Unternehmen der Chemie-, Pharma- und Life-Sciences-Industrie. Die Nachwehen der Covid-Krise, gestörte Lieferketten, markant gestiegene Transport- und Rohstoffpreise und die Aufwertung des Frankens sind der Giftcocktail, der «die Wettbewerbsfähigkeit der hiesigen Unternehmen weiter verschlechtert», so Mumenthaler. Eine Strommangellage droht bereits ab diesem Winter und hält Bundesrat, Energieversorgungsunternehmen (EVU) und die Industrie auf Trab.

Der Bund hat bei den Unternehmen bereits Ende 2020 für Alarmstimmung gesorgt: Diese wurden dazu aufgerufen, interne Daten zum Eigenverbrauch und Energieeinsatz zu erheben. Nun fragen sich die Industrievertreter, welche Betriebe zuerst abgeschaltet werden, wenn der Strom knapp wird. Axpo-Chef Christoph Brand hat vor kurzem gegenüber der «Handelszeitung» gesagt, es sei nur noch eine Frage der Zeit, bis es zu Rationierungen komme, wenn nichts unternommen werde.

Exorbitante Schäden für die Wirtschaft

Kommt es zu Ausfällen, wären die Schäden exorbitant. Nicht nur systemrelevante Chemieunternehmen, auch Giessereien und Glashersteller, die energieintensive Schmelzöfen betreiben, hätten ein Problem. Wird ein solcher Ofen abgeschaltet oder unter eine kritische Grenze heruntergefahren, wird die Anlage auf einen Schlag unbrauchbar. Abschreiber in mehrstelliger Millionenhöhe drohen, und die Versorgung mit Zulieferprodukten für die Industrie fiele aus. Eine Kettenreaktion bis hin zum Stillstand ganzer Industriezweige wäre die Folge. Basisprodukte für die Bevölkerung wären nicht mehr gesichert.

Wobei Firmen mit Produktionsanlagen, die permanent auf gleicher Last laufen und über das Jahr einem gleichmässig verteilten Auftragsprofil folgen, es einfacher haben, die Kapazitäten um 20 bis 30 Prozent einzuschränken.

Schwierig wird es für Unternehmen mit wechselnden Produktionsprofilen. Also wenn beispielsweise ein Teil der Anlagen zu einer bestimmten Zeit läuft, zu einer anderen Zeit aber andere Anlagen. «Solche Unternehmen sind derzeit daran, entsprechende Versorgungspläne zu erstellen», sagt Mumenthaler.

Sie erheben zu diesem Zweck, welche Anlagen und welche Geräte wie viel Strom verbrauchen und in welcher Regelmässigkeit. So können sie bestimmen, wie eine Reduktion der Kapazitäten oder eine Abschaltung durchgeführt werden kann, ohne den Weiterbetrieb massiv zu gefährden. Viele Firmen beziehen in diese Überlegungen auch noch ihre Lieferanten mit ein, die teils mit denselben Fragen konfrontiert sind.

Energieversorger «in der Pflicht»

Brands Aussage sorgt auch deshalb für Irritation bei Verbandsdirektor Mumenthaler, weil gerade die staatlichen EVU in der Pflicht stünden, mehr für die Versorgungssicherheit zu tun: «Energieversorger wie eine Axpo gehören staatlichen Akteuren, die von steigenden Energiepreisen und damit von Gewinnen, Steuern, Wasserzinsen und Dividenden profitieren. Zugleich gehören sie den Kantonen, von denen seit vielen Jahren das Argument kommt, für die Versorgungssicherheit nicht zuständig zu sein.» Mumenthaler fordert von der öffentlichen Hand als Eigentümerin der Kraftwerke, das öffentliche Interesse an einer hohen Versorgungssicherheit über die EVU stärker durchzusetzen.

Inwiefern dies geschieht, ist unklar. Weder Bundesrat Guy Parmelin und sein Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) noch die EVU lassen sich in die Karten schauen, welche Regionen und welche Grossverbraucher als Erste von Stromkontingentierungen und Netzabschaltungen betroffen wären, damit die Gesamtversorgung gesichert und das landesweite Stromnetz stabilisiert würde.

Vielmehr wird diese Frage wie eine heisse Kartoffel zwischen Bund, Kantonen, Versorgern und Unternehmen hin und her gereicht. So heisst es etwa von der Axpo: «Im Falle des Eintretens einer Strommangellage entscheidet der Bundesrat, welche Infrastrukturen kritisch sind und gibt diesen Entscheid an Ostral weiter», sagt Sprecher Martin Stucki.

Gegründet wurde Ostral, die Organisation für Stromversorgung in Ausserordentlichen Lagen, vom Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE). Der VSE wurde vom Bundesrat beauftragt, die erforderlichen Vorbereitungen zur Bewältigung einer Strommangellage zu treffen. Zu allfälligen Massnahmen ermächtigt wird Ostral vom BWL.

«Es ist nicht an uns, diese Regelung zu kommentieren»

Und ausgeführt werden die Massnahmen von Versorgungsunternehmen wie einer Axpo. Aber: «Es ist nicht an uns, diese Regelung zu kommentieren», sagt Stucki.

Die Industriellen Werke Basel (IWB) packen es nochmal anders an und setzen auf Aufklärung. Sie führen Veranstaltungen mit Grosskunden durch, «wo wir das Thema Energieeffizienz und -optimierung ansprechen, wodurch nicht zuletzt auch Kosten gesenkt werden», sagt Sprecher Reto Müller.

Und für die BKW, deren Mehrheitseigner der Kanton Bern ist, geht es wiederum um «politische Entscheidungen, zu denen wir uns nicht äussern».

Rote Köpfe beim Industrieverband

Das sorgt für rote Köpfe beim Industrieverband. «Produzierende Unternehmen stehen stärker im Wettbewerb als Energieversorger, sind im Gegensatz zu diesen aber nicht in den Notfallorganisationen vertreten», sagt Scienceindustries-Direktor Mumenthaler.

Gleichzeitig hätten die Verbraucher – Haushalte sowie Unternehmen – die Schweizer Stromwirtschaft in den vergangenen Jahren mit Investitionsbeiträgen, Marktprämien und gesetzlich garantierten Kapitalrenditen stark unterstützt.

Ruf nach finanzieller Gegenleistung

Mumenthaler fordert deshalb zusätzlich zur Verantwortung für die Versorgungssicherheit von den EVU und deren staatlichen Aktionären auch eine finanzielle «Gegenleistung», um den Kostendruck für Schweizer Industriebetriebe in dieser Energiekrise abzufedern: «Es kann nicht sein, dass Privatkunden, Privatkundinnen und Grossverbraucher die Kosten für die Versorgungssicherheit separat berappen müssen – diese sind von den Energieversorgern zu tragen», sagt Mumenthaler. Zum Beispiel über eine Senkung der gesetzlich festgelegten Verzinsung des im Stromnetz gebundenen Kapitals.

In einer Strommangellage hilft das vermutlich auch nicht viel.