Es knistert und knackt in der Leitung, Markus Altwegg schreit in sein Handy. Als er von den Kurssprüngen der Siegfried-Aktie erfährt, befindet er sich gerade im brasilianischen Hinterland - fernab von Zivilisation und noch ferner von den Aktienmärkten. Weshalb der Kurs um mehr als 10 Prozent hochschnellte und sich die Handelsvolumen vervielfachten, weiss der Verwaltungsratspräsident nicht. Er kann es sich nur so erklären: «Es muss daran liegen, dass neue Aktionäre einsteigen, die glauben, dass Siegfried sich gut entwickelt», sagt er aus Brasilien, und bleibt selbst etwas ratlos. Grosse Umwälzungen stünden bei seinem Chemie- und Pharmaunternehmen jedenfalls nicht bevor, beteuert Altwegg.

Der Siegfried-Präsident liegt richtig. «Es wird neue Investoren geben», bestätigt Markus Eugster, Präsident von SE Swiss Equities. Die Finanzboutique ist mit 16,6 Prozent heute der grösste Aktionär und sucht aktiv nach neuen Investoren. Seit Anfang Jahr habe die Zahl der Interessenten, die bei Siegfried einsteigen wollten, markant zugenommen, sagt Eugster. Auch der Einstieg eines neuen Grossinvestors sei möglich, sagt der SE-Präsident vielsagend. Konkret sei indes noch nichts, beteuert er. «Am liebsten wäre uns ein grösserer Aktionär, den wir kennen.»

Klingende Namen an Bord

Eugster und sein Vize Reto Garzetti waren es, die schon letzten Frühling eine Reihe klingender Namen für Siegfried interessieren konnten. Die deutsche Industrieerbin Frederike Knapp Voith etwa, die enge geschäftliche Beziehungen zu SE pflegt. Auch UBS-Verwaltungsrat und Hedgefonds-Pionier Rainer-Marc Frey holten sie an Bord. Das einstige Wunderkind der Finanzindustrie ist mit knapp 14 Prozent zweitgrösster Aktionär. Mit ins Boot stieg Freys ehemaliger Weggefährte Herbert Item (unter 3 Prozent). Zu ihnen gesellte sich Holcim-Grossaktionär Thomas Schmidheiny, mit rund 4 Prozent.

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Das illustre Quartett löste die langjährige Grossaktionärin Camellia ab. Der britische Mischkonzern - engagiert in so unterschiedlichen Bereichen wie Teeplantagen und Stahlwerken - weigerte sich im letzten März, die Kapitalerhöhung über 80 Millionen Franken mitzutragen, welche für die Umsetzung einer neuen Strategie benötigt wurde.

Dies machte den Weg erst frei für die neuen Aktionäre, die nun Gesellschaft bekommen sollen. Das Interesse weiterer Investoren sei vorhanden, sagt Eugster, weil der Turnaround «fast geschafft» sei. Für 2010 werden zwar noch keine oder nur knapp schwarze Zahlen erwartet. Siegfried hat aber Verlustlöcher gestopft und wird dies im laufenden Jahr positiv zu spüren bekommen.

So wurde letzten Herbst das Asthma-Projekt Pulmojet verkauft, das monatlich eine Million Franken verschlang. Laut Altwegg steht inzwischen auch das Werk in den USA besser da. «Es hat neue Kunden gewonnen, die Auslastung ist gestiegen.» Früher wurde wegen hoher Überkapazitäten einst gar ein Verkauf der Fabrik in den Vereinigten Staaten in Betracht gezogen. Der sei heute vom Tisch, heisst es. Und auch am Stammsitz läuft es offenbar wieder besser. Die Auslastung im Werk Zofingen sei gestiegen - auf inzwischen rund 60 Prozent. Branchenkenner wissen: Ein Werk rentiert ab einer Auslastung von 60 bis 65 Prozent.

Damit hat das Zofinger Traditionshaus die Erneuerung aber noch nicht abgeschlossen. Eine erneuerte Führungscrew soll für zusätzliche Impulse sorgen. An der Generalversammlung vom Mai soll der Verwaltungsrat mit Pharma-Fachkompetenz verstärkt werden. Ex-Lonza Manager Beat In-Albon und Ex-Mepha-Chef Thomas Villiger sollen die Bereiche Active Substances und Generika vorwärtsbringen. Und Gilbert Achermann, der dem Medtech-Konzern Straumann vorsteht, soll als neuer Präsident die unternehmerische Weiterentwicklung vorantreiben.

Dabei steht ihm dank Kapitalerhöhung eine prall gefüllte Kriegskasse für Akquisitionen zur Verfügung. Kurz bevorstehen soll die Übernahme einer Produktionsstätte zur Wirkstoffherstellung in Asien. Längerfristig ist eine weitere Übernahme geplant, mit der die Wertschöpfungskette ausgedehnt werden kann.

Konsequente Nischenstrategie

Also alles auf Kurs bei Siegfried? Es gibt durchaus auch kritische Stimmen. «Wir sind immer noch skeptisch», sagt etwa Gregor Greber, Small- und Mid-Cap-Experte des Zürcher Finanzhauses Z Capital. Erfolgschancen bestünden nur, wenn konsequent eine Nischenstrategie gefahren werde. Zudem existierten im Markt nach wie vor Überkapazitäten. Entscheidend sei daher, wie sich die Auslastung der Siegfried-Werke entwickle.

Andere Investoren bemängeln, dass die Siegfried-Werke, etwa jene in den USA und Malta, sich noch nicht auf dem gewünschten Niveau befänden. Das werde weitere Investitionen nötig machen. Grossaktionär SE sagt dazu, die Produktionsanlagen seien in Top-Verfassung. Ein Qualitätsnachweis sei, dass Siegfried schon für Roche Tamiflu hergestellt habe.

Nicht problemlos ist auch die Beteiligung an der US-Biotechfirma Arena. Ihr hatte Siegfried 2008 eine Tablettierungsanlage verkauft und dafür 1,5 Millionen Aktien erhalten. Deren Wert hat sich seit Ende 2009 halbiert. Damals hatte Siegfried bereits einen Abschreiber von 7 Millionen auf der Beteiligung vorgenommen. Ob ein neuer droht oder das Paket verkauft wird, will Siegfried im März sagen.

Z-Capital-Experte Greber hat zudem Corporate-Governance-Bedenken. Seine Firma hat die Abschaffung der Vinkulierung im letzten Jahr begrüsst, beurteilt die vorgeschlagene Zuwahl von SE-Mann Reto Garzetti in den Verwaltungsrat nun aber als kritisch. «Weil SE ein Broker ist und zugleich mit Investorin Knapp Voith eine Gruppe bildet, ist nicht klar, wen Garzetti wirklich vertritt», kritisiert Greber.

Skepsis herrscht auch in der Belegschaft. Die Stimmung sei verhalten und abwartend, sagt ein Mitarbeiter. Nach den vielen Restrukturierungen frage man sich: «Was kommt noch?» Siegfried selbst sagt dazu: «Die Umsetzung einer Strategie stellt immer hohe Anforderungen an die Mitarbeitenden.»

Was kommt noch? Der Turnaround in Griffweite, eine hohe Eigenkapitalquote und eine volle Kasse - Siegfried könnte da auch selbst ins Visier von Schnäppchenjägern geraten. Sogar Aktionär Eugster spricht von «einer geschmückten Braut». Von einem Verkauf will er aber nichts wissen. «Das ist nicht die Absicht», sagt der Vertreter des Grossaktionärs SE. Und auch Präsident Altwegg, der im Mai altershalber aus dem Verwaltungsrat zurücktritt, betont: «Ein Verkauf kommt nicht in Frage.»

Bloss Finanzengagement

Doch selbst bei bestehenden Grossaktionären sind offenbar nicht alle Zweifel ausgeräumt. Nicht alle wandeln die Rechte der Wandelanleihe, die sie letztes Jahr für die Kapitalerhöhung übernommen haben und die Anfang Mai verfallen. Laut Informationen der «Handelszeitung» hat mindestens einer der Grossaktionäre seine Notes verkauft. Zeigen wird sich das nach dem Verfall, sofern Meldeschwellen unterschritten werden.

Grossaktionär Frey will zu seinen Privatinvestments keine Stellung nehmen. Schmidheiny verweist darauf, dass er von den langfristigen Perspektiven des Unternehmens überzeugt ist. Zugleich fügt er aber an, dass es sich beim Engagement in Siegfried um ein «reines Finanzengagement» handle.