Der krisengeplagte Solarausrüster Meyer Burger steht vor einer Zerreissprobe. Wählen die Aktionäre am Mittwoch den von der Investmentgesellschaft Sentis vorgeschlagenen Mark Kerekes in den Verwaltungsrat, dann droht der Rücktritt von Firmenchef Hans Brändle.

Im Juli hatte der aktivistische Aktionär Sentis des russischen Investors Pyotr Kondrashev die Wahl ihres Co-Geschäftsführers Kerekes gefordert. Meyer Burger habe die Anleger in den vergangenen Jahren regelmässig enttäuscht und zuletzt weiter an Vertrauen verloren, lautete die Kritik.

Sentis will bei Meyer Burger an Einfluss gewinnen, schliesslich fehle die Sichtweise der Eigentümer im Verwaltungsrat heute gänzlich. Die Gesellschaft hält 8,2 Prozent an Meyer Burger und hat dreizehn weitere Aktionäre um sich geschart. Insgesamt vertritt die Gruppe 11,5 Prozent der Stimmen.

Seit Jahren rote Zahlen

Meyer Burger bewegt sich seit Jahren im Krebsgang und schreibt rote Zahlen. Den Thunern setzen Nachfrageschwankungen am Solarmarkt und die Billig-Konkurrenz aus Asien zu. Nach dem Abgang des langjährigen Chefs Peter Pauli übernahm Brändle Anfang 2017 das Zepter und pflügte die Firma um. Zunächst wurde die Produktion in Thun eingestellt und nach Asien verlagert, später geschah dasselbe mit Vertriebs- und Servicefunktionen.

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Produktseitig wendet sich Meyer Burger von der herkömmlichen PERC-Zelltechnologie ab und legt den Fokus auf sogenannte Perowskit-Tandemsolarzellen. Diese werden zusammen mit der britischen Firma Oxford PV entwickelt. Die Zellen sollen einen höheren Wirkungsgrad erreichen und die Kosten in der Solarenergie weiter senken.

Kritik am Oxford-Deal

An der Neuausrichtung hat Sentis laut eigenen Aussagen nichts auszusetzen. Ein Dorn im Auge ist allerdings die Art und Weise, wie im Frühling die Partnerschaft mit Oxford aufgegleist wurde. Meyer Burger hatte sich an Oxford beteiligt und diese Beteiligung mit neu geschaffenen eigenen Aktien bezahlt. Bei den Altaktionären führt diese Aktion jedoch zu einer Gewinnverwässerung.

Im Gegensatz dazu sieht Meyer Burger die Zuwahl von Kerekes als Gefahr für den Umbau der Firma. In einem Interview mit AWP sprach VR-Präsident Remo Lütolf Mitte Oktober zwar Aktionärsgruppen mit einem Aktienanteil von über 10 Prozent durchaus das Recht zu, im Verwaltungsrat vertreten zu sei. Ein Kandidat müsse aber auch die notwendigen Erfahrungen und Kompetenzen einbringen, forderte er.

Kerekes sei Investmentbanker und habe keinerlei Branchen- und Industrieerfahrung, geschweige denn Erfahrung im Verwaltungsrat eines kotierten Unternehmens, hielt Lütolf fest. «Die Wahl wäre keine Bereicherung, sondern eine Belastung für eine effektive Zusammenarbeit im Verwaltungsrat.»

Schlagabtausch um «Rücktrittsdrohung»

Mit Blick auf die Neuausrichtung schenkt man bei Meyer Burger den Beteuerungen von Sentis wenig Glauben: In der Einladung zur GV warnte das Unternehmen davor, dass Sentis weder die Strategie noch Firmenchef Hans Brändle bei seiner Arbeit unterstütze. Aufgrund des drohenden Vertrauensentzugs hatte Brändle angekündigt, er werde bei einer Wahl von Kerekes von seinem Posten zurücktreten.

Sentis verurteilte die «Rücktrittsdrohung» aufs Schärfste. Sie verletze die Sorgfalts- und Treuepflichten eines CEO, hielt ein von Sentis beim Berner Wirtschaftsrechtsprofessor Peter V. Kunz in Auftrag gegebenes und am Montag veröffentlichtes Gutachten fest. Brändle hätte seine Pläne nicht öffentlich machen dürfen.

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Hans Brändle könne frei entscheiden, «unter welchen Bedingungen und in welchem Umfeld er arbeiten» möchte, konterte Meyer Burger den Vorwurf. Der Verwaltungsrat habe diesen Entscheid nicht verhindern können. Man habe für den Fall eines Rücktritts eine «Eventualplanung» gemacht, sei aber zuversichtlich, dass diese nicht zum Einsatz kommen werde.

«Showdown» im «Stade de Suisse»

Wie das Rennen ausgeht, bleibt offen. Bei den Stimmrechtsvertretern sind die Meinungen geteilt: Während die Institutional Shareholder Services (ISS) und die Anlagestiftung Ethos dem Verwaltungsrat den Rücken stärken und dem neu gebildeten Team Zeit für den Turnaround geben will, befürworten Glass Lewis und zRating die Wahl des Sentis-Vertreters Kerekes.

Ob Kerekes in den Verwaltungsrat gewählt und Brändle zurücktreten wird, entscheidet sich am Mittwoch im Berner «Stade de Suisse». Nun geht es für beide Seiten darum, möglichst viele Aktionäre auf ihre Seite zu ziehen.

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(sda/mbü)