Das Telefon von Certina-Chef Adrian Bosshard klingelt. Wobei: Klingeln ist wohl der falsche Ausdruck. Hätte man ein Comic-Heftchen vor sich liegen, das Geräusch würde - mit einem Abstecher in die Autobranche - folgendermassen umschrieben: «Rooooooooooar».

Bei BMW-Sauber im Rennwagen

Seit vier Jahren ist die Traditionsmarke aus Le Locle Sponsor des BMW-Sauber-Formel-1- Teams, welches in der letzten Saison hinter Ferrari und McLaren den dritten Platz in der Konstrukteurs-WM-Wertung belegt hat. Mit Robert Kubica sitzt mittlerweilen auch ein persönliches Testimonial der Swatch-Tochter im Cockpit.

Die Sportuhr Certina, der Motorsport, Bosshard der Chef - das passt irgendwie zusammen, da muss nichts zurechtgeschrieben oder dazugedichtet werden. Denn wenn einer in der Branche von schnellen Motoren und qualmenden Reifen wirklich etwas versteht, dann ist es der 47-jährige Bieler Bosshard.

Statt auf vier auf zwei Rädern

In den 80er und 90er Jahren schickte sich der gelernte Automechaniker an, den internationalen Rennzirkus aufzumischen. Allerdings nicht auf vier, sondern auf zwei Rädern. Nach einigen Saisons als Motocross-Pilot (Schweizermeister 1988 und 1989) wechselte er 1990 auf die Strasse. Bei 62 Starts an Motorrad-Grand-Prix-Rennen in der 250er- und der 500er-Klasse kamen insgesamt 76 WM-Punkte zusammen, als bestes Ergebnis hat Bosshard zwei 10. Plätze aus den Weltmeisterschaftsläufen von Donington und Barcelona vorzuweisen. Ihm vor der Sonne standen regelmässig Piloten mit so klingenden Namen wie Kevin Schwantz, Mick Doohan oder Max Biaggi.

Anzeige

«Natürlich fuchst es, wenn man es nicht aufs Podest schafft», sagt der ehemalige GP-Fahrer, «aber die Zeit im Rennzirkus war dennoch etwas vom Besten, was ich in meinem Leben erlebt habe.» Bosshard zupft sich die Krawatte zurecht, glättet das Jackett. Statt Leder trägt er heute Nadelstreifen. Und scheint damit ganz gut zu fahren.

Ohne Probleme umgestiegen

Den Übergang vom Dasein eines Profisportlers in den «bürgerlichen» Berufsalltag hat Adrian Bosshard ohne grosse Ausweichmanöver oder gar Bremsspuren vollzogen. Nach der Saison 1996, als klar war, dass er es aufgrund des Materials und des für einen Rennfahrer «fortgeschrittenen» Alters (34) nicht mehr zum Top-Ten-Crack bringen würde, brach er seine Zelte im Rennzirkus ab und trat als Aussendienstmitarbeiter bei Certina ein. Bei jener Firma also, die ihn während zweier Saisons bereits als Sponsor unterstützt hatte. Das neue Business lernte er von der Pike auf kennen - er wurde Verkaufsleiter, Leiter des Schweizer Markts und schliesslich, im Jahr 2003, Präsident von Certina International.

Nebenbei machte er an einer Wirtschaftsschule sein Diplom. Das beste Rüstzeug für seine berufliche Karriere allerdings, das habe er sich im Rennsport angeeignet, sagt Bosshard. «Als Rennfahrer war ich mein eigener Manager. Und ich war Finanzminister, Personalchef, Marketingverantwortlicher, Teamleiter, Logistiker, Koordinator und Techniker in Personalunion.» In Funktion dessen habe er gelernt, sich durchzusetzen, den Überblick zu wahren, hart zu arbeiten und die richtigen Leute um sich zu scharen. «Der Grand-Prix-Zirkus war für mich quasi das, was für andere Leute das MBI ist», lacht der schnelle Seeländer. Zu bezweifeln allerdings bleibt, ob der gängige Weg zum Master zwingend mit ebenso vielen Knochenbrüchen verknüpft sein muss, wie sie Bosshard in seiner Aktiv-Zeit erlebt hat. «Arm-, Bein-, Hand-, Fussbrüche: Ich habe sie nicht gezählt, aber das gehört halt einfach dazu.»

Erste Uhr war eine Omega

Rein äusserlich gesehen bestehen zwischen einem Tachometer und einer Uhr kaum gross Unterschiede. Runde Messinstrumente sind sie beide, versehen mit Ziffern und Zeiger - zumindest in ihrer ursprünglichen Form. Während Bosshard das Benzin praktisch mit der Muttermilch eingeflösst erhalten hat, zeichnet für die Affinität zur Uhr sein Vater verantwortlich. «Der war Sammler, hat mir eine Omega geschenkt. Und ich kann mich noch gut erinnern, dass das Erste, was mich als Dreikäsehoch in einer Schaufensterauslage interessiert hat, eine Uhr war.»

Sein erstes Geld, das er mit dem Verkauf von selbst gefangenem Fisch verdiente, steckte der junge Bosshard allerdings - und natürlich - in den Töff. «Aber», fügt der Marketingfachmann an und streift seine Certina DS Podium Valgranges vom Handgelenk, um sie ins richtige (Blitz-)Licht zu rücken, «ich bin stets auch ein wackerer Uhrenkunde gewesen.» Uhren, sagt Bosshard, hätten heute einen ganz anderen Stellenwert als früher, sie seien nicht nur Zeitmesser, sondern auch das einzige Schmuckstück, das ein Mann tragen könne. Und: «Sie erfreuen einen x-mal am Tag. Jedesmal, wenn man die Zeit abliest.»

Auch bei Regen fahren können

Blickt man momentan allerdings aufs Konjunkturbarometer, dann vergeht einem die Freude. Adrian Bosshard hat in seiner Karriere bei Certina schon 9/11 erlebt, das Platzen der Dot-Com-Blase und Sars. Eine gewisse Erfahrung im Umgang mit Krisen ist ihm also nicht abzusprechen. Zugleich wachsam wie unaufgeregt gibt sich der 47-Jährige denn auch. «Die schwierige Situation zu leugnen, wäre selbstverständlich fahrlässig und es ist wohl auch das erste Mal so, dass die gesamte Welt unter dem wirtschaftlichen Abschwung zu leiden hat; es bringt uns aber auch überhaupt nicht weiter, wenn wir jetzt vor Angst erstarren.»

Bosshard ist überzeugt, dass die wichtigen Schweizer Werte wie Präzision und Qualität auch in Zukunft ihre Abnehmer finden werden. Auch, oder vor allem, im mittleren Preissegment, in dem Certina sich mit massig Konkurrenz misst. «Der Druck ist immer da, damit muss man umgehen können. Ich war mich schon als Motorrad-Pilot gewohnt, bei Sonne wie bei Regen zu fahren. Wichtig ist, dass man das richtige Material wählt und die Taktik den Gegebenheiten anpasst. Das ist in der jetzigen Situation nicht anders.»

Es sei denn auch nicht sinnvoll, nur die Risiken zu sehen, denen Wirtschaft und Branche zurzeit ausgesetzt seien, betont der Certina-Chef, vielmehr versuche er die Chancen auszumachen, die sich bieten würden. «Der Konsument setzt in Zeiten wie diesen auf sichere Werte - mit über 120 Jahren Erfahrung und der Swatch-Gruppe im Rücken beinhaltet unsere Marke dies zweifelsohne.» Nach dem Werbespot richtet er seinen Dank ans Personal: «Das Know-how unserer Mitarbeiter ist das wichtigste Gut, das wir im Wettbewerb mit der Konkurrenz in die Waagschale werfen können.»

Nach wie vor ein Teamplayer

Das Team ist ihm äusserst wichtig, 60 Leute bei Certina International, gleich viele noch einmal, die innerhalb der Swatch-Gruppe markenübergreifend tätig sind. Der Blick nach vorne, der zählt für ihn, das langfristige Ziel. Nach China und Malaysia will Certina auch in Hongkong die Marke lancieren. Bosshard schüttelt den Kopf: «Nein, wir lassen uns von der momentanen Situation nicht lähmen, die Herausforderung wird mit grossem Elan angenommen!»

Die Zeit drängt. Zeit! Davon, sagt der Uhrenmanager und dreifache Vater, habe man nie genug. Vor einer Stunde noch war er in Le Locle, jetzt sitzt er in Biel, gleich geht es weiter nach Thun. «Mein Arbeitsalltag spielt sich irgendwo zwischen Seeland, Neuenburger Jura, Schanghai, Warschau und Frankfurt ab.» Immer «on the road», ständig in Bewegung ist der Mann. Er schlägt die Autotüre zu. Startet den Motor - auch hier wieder «Roooooooar». Bosshard hat das Benzin im Blut und die Zeit im Nacken. Das war schon immer so.