Ziemlich genau zehn Jahre nach dem Verkauf von Serono an die deutsche Merck ist Investor Ernesto Bertarelli auf dem besten Weg, in der Pharmabranche wieder zu einer ernst zu nehmenden Grösse zu werden.

Zwar backt der Milliardär in seiner angestammten Industrie heute kleinere Brötchen als damals als Chef des grössten Biotech-Unternehmens Europas. Aber seine Ambitionen im Gesundheitssektor bleiben gross. Das unterstreicht gerade sein jüngstes Investment. Für bis zu 210 Millionen Franken übernimmt Bertarelli die Pharmafirma Innocoll.

Nicht das einzige Investment

Der Deal reiht sich in eine ganze ­Serie von Investments im Gesundheitssektor, die Bertarelli alle über seinen mit rund 2 Milliarden Dollar ausge­statteten Fonds Gurnet Point abgewickelt hat. Im März investierte er gegen 40 Millionen Franken in das Startup Before Brands, das wissenschaftlich designte, Allergien vermeidende Babynahrung auf den Markt bringen will. Im vergangenen Dezember steckte er rund 100 Mil­lionen Franken in die Silicon-Valley-­Ärztekette Crossover Health. Und Ende 2015 gründete er die Forschungsfirma Boston Pharmaceuticals.

Das jüngste Investment sprengt nun allerdings die bisherigen Dimensionen massiv. Innocoll mit Steuersitz in Irland und Hauptquartier nahe Boston beschäftigt rund 120 Mitarbeitende und ist spezialisiert auf Kollagen-basierte Medikamente. Diese könnten zum Beispiel nach Operationen zum Einsatz kommen. Chirurgen implantieren die Innocoll-Produkte in den Körper von behandelten Patienten, damit die Arzneien ihre Wirkstoffe – etwa Schmerzmittel – genau dort abgäben, wo sie gebraucht würden.

Annahme verweigert

Noch ist das allerdings Zukunfts­musik. Innocoll hat zwar bereits ein paar Produkte auf dem Markt. Allerdings keine, die Bertarellis Investment jemals wieder einspielen könnten. Die Hoffnungen der Firma und ihres neuen Eigners ruhen ganz auf einer Entwicklung – genannt Xaracoll –, welche noch nicht zugelassen ist. Und die bei der amerikanischen Zulassungsbehörde für Medikamente, der FDA, bislang ­einen schweren Stand hatte.

Ende Dezember letzten Jahres schickte die FDA das im Oktober zuvor eingereichte Zulassungsdossier an den Absender zurück. Mit der Begründung, es sei für eine detaillierte Beurteilung nicht ausreichend. Im März trafen sich Vertreter von Innocoll mit den Behörden, um das weitere Vorgehen auf dem Weg zu einer Zulassung zu besprechen. Kurz: Bis Xaracoll in den USA auf dem Markt ist, ist es noch ein weiter Weg.

Minimale Erträge und hohe Verluste

Die Weigerung der FDA, das Innocoll-Dossier überhaupt anzuschauen, hat die Führung des Unternehmens unter der Leitung von Chairman Jonathan Symonds in eine strategische Zwickmühle gebracht. Der frühere Spitzenmann bei Goldman Sachs löste 2009 Raymund Breu als Finanzchef bei Novartis ab und bekleidete den Posten bis 2013. Symonds war sofort klar: Innocoll brauchte schnell Geld, um das Dossier überhaupt noch bei der FDA einreichen zu können. Kapital, das Bertarelli bereitstellt. Und damit eine Wette auf das zukünftige Marktpotenzial eines implantierbaren Schmerzmittels eingeht.

Wie riskant das Investment von ­Gurnet Point ist, zeigt ein Blick in die Bücher von Innocoll. In den letzten drei Jahren stehen dort minimalen Erträgen steigende Verluste gegenüber. Das Unternehmen setzte 2016 4,4 Millionen Dollar um und schrieb ein operatives Minus von 66,8 Millionen Dollar. Im Kleingedruckten seines Jahresberichts macht das an der Nasdaq kotierte ­Unternehmen denn auch klar, dass es ohne die Zulassung des Hoffnungs­trägers Xaracoll auf keinen grünen Zweig kommen dürfte und weiterhin Kapital verbrennen würde.

Dies umso mehr, als Innocoll auch mit einem zweiten Produkt – es soll eine mit Diabetes zusammenhängende Fusskrankheit bekämpfen – kein Glück gehabt hat. Das Präparat zeigte in kli­nischen Tests nicht die gewünschte Wirkung. Ein Rückschlag, der in der Pharmaforschung eher die Regel als die Ausnahme ist. Selbst Riesen wie Roche oder Novartis bringen solche Misser­folge unter grossen Druck. Kleineren Firmen können sie das Genick brechen.

Profis am Werk

Bertarelli – als Investor ein Profi – hat sich gegen die Unwägbarkeiten in seinem bislang grössten Investment abgesichert. Vorerst fliesst nur ein Bruchteil der gut 200 Millionen Franken zu Innocoll. Der Rest der Summe wird in dem komplex aufgesetzten Übernahme-Deal in Abhängigkeit genau definierter Meilensteine überwiesen. Nur wenn Xaracoll wie erhofft performt, von den medizinischen Fachleuten gut akzeptiert wird und bestimmte Umsatzziele erreicht, überweist Gurnet Point das versprochene Geld.

Doch Bertarelli hat sein Risiko nicht nur finanziell begrenzt. Er hat bei Gurnet Point auch Leute engagiert, welche die Pharmabranche à fond kennen und entsprechend einschätzen können, wie heiss die Wette auf Innocoll ist. Kopf von Gurnet ist der frühere Sanofi-Konzernchef Chris Viehbacher.

Doch selbst wenn der Schuss nach hinten losgehen sollte, darf sich Bertarelli auf ein grosses Ereignis freuen. ­Seine Frau Kirsty veröffentlicht am 12. Mai ihr drittes Album als Sängerin. Es trägt den Titel «Indigo Shores». Die ­Vorab-Single «There She Goes» – ein von verzerrten Gitarren getriebener Pop-Song – lässt sich bereits streamen.

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