Das rätselhafte Bienensterben beschäftigt Umweltschützer, Imker und Naturwissenschafter rund um die Welt. Spätestens seit Markus Imhofs Film «More than Honey» wissen auch Laien, dass es um die umtriebigen Insekten nicht gut steht. Das Dahinsiechen der Bienen bedroht nicht nur das Honigbrot zum Morgenessen, sondern auch die Wirtschaft.

Tatsächlich ist der ökonomische Wert der Biene beträchtlich. Sie produzieren nicht nur Honig. Laut der Umweltschutz-Organisation Greenpeace ist rund ein Drittel der globalen Nahrungsmittel wie Gemüse, Früchte, Nüsse oder Gewürze von Bienen und anderen Insekten abhängig. Insgesamt werden 90 Prozent der Pflanzenarten durch Bienen und andere Insekten wie Hummeln, Wespen, Schmetterlinge und Fliegen bestäubt.

Den Löwenanteil machen allerdings die Bienen aus. Diese würden laut Greenpeace über 70 Prozent der Nahrungspflanzen bestäuben. Alleine in Europa können über 4000 Gemüsesorten dadurch angebaut werden. Ebenso abhängig von den Bienen sind Futterpflanzen für die Fleisch- und Milchproduktion.

Natürliche Bestäubung ist unbezahlbar

Laut Schätzungen beläuft sich der globale wirtschaftliche Nutzen der Bestäubung auf rund 265 Milliarden Euro. Der wahre Wert lässt sich allerdings nur schwer beziffern, betont Greenpeace. Der Rückgang der natürlichen Bestäubung oder ein gänzlicher Ausfall könne nicht ersetzt werden. Damit steige der Wert faktisch «ins Unendliche».

Greenpeace sieht besonders im Anstieg der Produzentenpreise für bestäubungsabhänige Kulturpflanzen zwischen 1993 und 2009 ein «Warnsignal». Für die Organisation ist klar: Der Rückgang der Bienen und anderer Insekte belastet die Ernteerträge – was wiederum die Kosten nach oben treibe.   

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Wirtschaftlicher Schaden in Milliardenhöhe

In Europa gibt es heute gut ein Viertel weniger Bienen als noch vor 20 Jahren. In den USA starben seit 2006 über 40 Prozent der kommerziellen Honigbienen. Allein im vergangenen Winter hätten die amerikanischen Imker einen Verlust von 23 Prozent registriert. Ein Ausfall der Bestäubung führe zu Ernteausfällen und damit zu wirtschaftlichen Schäden in Milliardenhöhe. Die Regierung rechnet vor, dass die Bestäubungsleistung der Biene für Agrargüter im Wert von jährlich mehr als 15 Milliarden Dollar sorge.

Die US-Regierung zog nun die Reissleine. Sie kündigte letzte Woche eine landesweite Strategie gegen das dramatische Bienensterben an. Präsident Barack Obama wies die zuständigen Behörden an, durch Forschung, Aufklärung und Landmanagement die Lebensbedingungen für die Bienen und deren Gesundheit zu verbessern.

Auch in der Schweiz bereitet das Bienensterben «grosse Sorgen»

Auch in der Schweiz sind die Behörden alarmiert. «Das Bienensterben bereitet grosse Sorgen», sagt Jean-Daniel Charrière, Leiter vom Berner Zentrum für Bienenforschung, das im Rahmen der landwirtschaftlichen Forschung des Bundes für die Bedürfnisse der Bienenhaltung und Imkerei arbeitet. Ein Problem sei, dass man die Gründe für das Sterben nicht genau kenne.

Seit Jahren wird darüber spekuliert. «Die Gründe bleiben ein Rätsel», so Charrière. Man vermute, dass zum einen Parasiten wie die eingeschleppte Varroamilbe den Tieren zusetzen. «Auch andere Krankheitserreger und Viren stellen eine Gefahr dar», sagt der Bienen-Experte. Auch der Klimawandel und Pestizide könnten Schuld sein.

Die EU-Kommission hat etwa letztes Jahr ein Verbot von bestimmten Pflanzenschutzmittel auferlegt. Davon betroffen sind auch Pestizide der deutschen Konzerne Bayer, BASF und des Schweizer Unternehmens Syngenta, die gegen die Verbote klagen. «Letztlich spielen mehrere Faktoren eine Rolle.» Die seien von Land zu Land, von Region zu Region verschieden.

Imker halten Schweizer Honigbiene am Leben

In der Schweiz gibt es derzeit noch gut 17'000 Imker und 180'000 Bienenvölker. Hinzu kommen noch die Wildbienen. «Die Honigbiene lebt heute fast nur noch durch die Imker», sagt Charrière. Laut Schätzungen der Berner Experte hat ein Schweizer Bienenvolk eine Wirtschaftsleistung von rund 1'000 Franken.

Der ökonomische Wert der wichtigsten Bienenprodukten wie etwa Honig oder Wachst belief sich vor rund zehn Jahren auf gut 65 Millionen Franken pro Jahr. Der gesamte Erntewert für Obst und Beeren betrug über 330 Millionen Franken. Davon waren Ernten im Wert von knap 270 Millionen Franken von der Bestäubung durch Honigbienen abhängig. Aktuellere Zahlen gibt es nicht.

Viele Imker suchen sich neue Jobs – solche mit Zukunft

Das Bienensterben in der Schweiz schwankt von Jahr zu Jahr, sagt Charrière. Während der Verlust im Winter 2011/2012 noch rund 25 Prozent betragen habe, sei die Dezimierung der Tiere in den vergangenen beiden Wintern weniger stark ausgeprägt gewesen. «Der Rückgang lag in der Schweiz bei 12 Prozent, also in einem mehr oder weniger normalen Bereich.» Viele Imker würden aber ihren Beruf angesichts der immer kleiner werdenden Bienenbestände aufgeben und einer anderen Arbeit nachgehen. Zudem werden immer mehr Völker importiert. «Das erhöht zusätzlich das Risiko von Krankheiten.»

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Laut Charrière ist die Bienendichte hierzulande noch hoch. Doch das könne sich schnell ändern. Schon im nächsten Jahr könne sich das Sterben wieder verschlimmern. «Solange man nicht die genauen Gründe für das Sterben kennt, bleibt die Unsicherheit gross.» Eine Lösung wäre eine gegen die Varroamilbe resistente Biene. «Doch eine solche wird es im nächsten Jahrzehnt nicht geben.»