Die in der Westschweiz angesiedelten Biotechunternehmen brauchen den Vergleich mit ihren Kollegen aus Basel und Zürich nicht zu fürchten. Einziger Unterschied: Die Deutschschweiz vereint mehr kotierte Firmen als die Romandie.

Doch die Romandie holt auch bei den Börsengängen auf. So liess sich Ende Mai das Genfer Unternehmen Addex an der Schweizer Börse SWX kotieren. CEO Vincent Mutel und seine 70 Angestellten forschen an Medikamenten gegen Migräne oder das Rauchen. Ein erstes Produkt könnte im Jahre 2012 auf den Markt kommen. Die finanziellen Mittel von Addex reichen bis ins Jahr 2010; zu den In-vestoren gehört unter anderem der Risikokapitalfonds von Roche.

Ebners BZ-Bank steht dahinter

Mittlerweile zeichnet sich mit dem ebenfalls in Genf ansässigen Unternehmen Novimmune ein weiterer IPO-Kandidat ab. CEO Jack Barbut betont im Gespräch, dass ein Börsengang ab 2009 möglich wäre. Dieser Schritt sei aber nicht ein verpflichtendes Ziel. «Unsere Strategie beruht darauf, unabhängig zu bleiben, in welcher Form auch immer», sagt Barbut.
In drei Finanzierungsrunden brachte Novimmune seit 2000 rund 84 Mio Fr. auf. Damit können die 43 Mitarbeiter bis ins Jahr 2009 an den Mitteln gegen Immun-erkrankungen forschen. Hauptgeldgeber ist die BZ-Bank von Financier Martin Ebner; auch Rudolf Maag (VR-Präsident von Straumann) und Peter Grogg (VR-Präsident von Bachem) gehören zu den Novimmune-Investoren.

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Ausländer steigen ein

In der Romandie gibt es mehr als 3000 Biotech-Forscher in über 300 Firmen. Deshalb ist klar: «Weitere IPO-Kandidaten sind sicherlich vorhanden», sagt etwa Jürg Zürcher, Biotechexperte bei der Beratungsfirma Ernst & Young.
Zu den heissen Kandidaten gehörte Apoxis. Das Unternehmen, das an Krebsmitteln forschte, ist aber kürzlich von der dänischen Biotechfirma Topotarget gekauft worden. CEO Peter Buhl Jensen wollte sich auf Anfrage nicht zu seinen Plänen mit Apoxis äussern.
Im Börsengespräch bleibt auch AC Immune aus Lausanne. CEO Andrea Pfeifer konnte ein erstes Mittel gegen die Alzheimer-Krankheit an die Roche-Tochter Genentech auslizenzieren. Laut eigenen Angaben des KMU reicht das Geld noch bis Ende Jahr. Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass dann der deutsche Investor Dietmar Hopp weitere Mittel einschiessen wird: Der Gründer des IT-Programms SAP betätigt sich neu als Biotechinvestor und hält unter anderem 40% an AC Immune.
Debiopharm aus Lausanne wiederum hätte die für einen IPO notwendige Grösse. Das verschwiegene Familienunternehmen mit 250 Mitarbeitern wird wegen der fehlenden Fokussierung von Branchenkennern kritisiert. Gründer Rolland-Yves Mauvernay hegt aber kaum Pläne für einen Börsengang.
Dafür steht Mauvernay mit der Risikokapitalgesellschaft Debio-innovation jungen Biotechfirmen mit Finanzspritzen und fachlichem Rat zur Seite. Ähnliche Ziele hat die Initiative «Eclosion» der Genfer Kantonsbehörden, welche Labors oder Hinweise für Businesspläne zur Verfügung stellt.
Kein Wunder, bilanziert Domenico Alexakis vom Branchenverband Swiss Biotech Association, dass die Westschweizer von einem guten Netzwerk profitieren können. Gut sei auch die rege trinationale Zusammenarbeit der Unternehmen im Dreieck Genf/Lausanne, Grenoble/Lyon und Turin. Und: «Da Genf eine starke Finanzindus-trie hat, ist auch der Kontakt zu potenziellen Geldgebern kurz.»

Merck-Serono bleibt in Genf

Gross wird auch der Einfluss von Serono bleiben. Der ehemals grösste Biotechkonzern Europas ist jetzt im Besitz des deutschen Chemie- und Pharmakonzerns Merck (siehe Kasten). Dieser hat seine neue Biotech- und Pharmadivision Merck-Serono in Genf belassen. Als deren Leiter fungiert der Schweizer Elmar Schnee.

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Ungewissheit: Was macht Ernesto Bertarelli jetzt?

Serono
Im September 2006 verkaufte Ernesto Bertarelli das familieneigene Biotechunternehmen für rund 17 Mrd Fr. an den deutschen Chemie- und Pharmakonzern Merck.

Konsequenz
Die Westschweizer Biotechszene ist froh, dass Merck am Standort Genf festhält. Auch Stimmung und Motivation der Mitarbeitenden haben sich unter der neuen Führung deutlich verbessert.

Zukunft
Bertarelli liess im November 2006 durchblicken, dass er sich als Berater und Investor im Biotechbereich engagieren will. Er verbleibe auf alle Fälle «in der Welt der Technologien». Konkrete Pläne sind aber nicht bekannt. Dem Vernehmen nach haben ihm die Berater seines Family Office in Genf und London geraten, vorerst auf Engagements zu verzichten.