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Neubau
Blumer-Lehmann: Hightech aus Buchenholz

Tamedia-Gebäude
Tamedia-Gebäude: Der Architekt stammt aus Japan, der Holzbau aus Gossau SG.

Die Holzbaufirma von Katharina Lehmann macht Dinge möglich, die sonst niemand kann. Längst sind die Gossauer weltweit aktiv.

Von Pirmin Schilliger
2013-09-04

Der Neubau auf dem Werdareal in Zürich ist unübersehbar. Sein Skelett besteht nicht aus Stahl oder Beton, sondern aus Holz. Die filigrane Struktur, kombiniert mit transparenten Glasfassaden, verleiht dem siebenstöckigen Bau eine besondere Ausstrahlung.

Bauherr war der Verlag Tamedia. Er engagierte für das Werk den japanischen Star­architekten Shigeru Ban. Doch die Tragkonstruktion – ein technisches Meisterstück – stammt von der Ostschweizer Firma Blumer-Lehmann. «Der Auftrag war für unser Team eine grosse Herausforderung», sagt Chefin Katharina Lehmann.

Einzigartig bei dem Projekt war, dass für die vertikale Lastableitung kein einziges Metallteil in den Knoten der Stützen eingefügt wurde. Stattdessen sorgen verdickte Balken mit Bolzen aus Buchenholz für die notwendige Stabilität. «Wir können mit dem Tamedia-­Gebäude zeigen, dass mit Holz konstruktiv vieles mindestens so gut funktioniert wie mit Beton oder Stahl und dass sich dieser Werkstoff im urbanen Umfeld bestens behaupten kann», sagt Lehmann stolz.

Nicht in städtischer oder industrieller Umgebung, sondern mitten auf dem Land ist ihr eigenes Unternehmen angesiedelt. Leicht versteckt in einer Geländesenke liegt es, in einem Weiler ausserhalb von Gossau SG. Der Standort verrät den Ursprung der 1875 von Leonhard Lehmann als Sägerei gegründeten Firma. Der Ururgrossvater der Chefin nutzte an dieser Stelle die Wasserkraft eines Baches.

Plötzlich Chefin

Auf dem Firmengelände stehen mehrere Erweiterungsbauten. Darin befinden sich die modernen Maschinen, auf denen die beim Vorzeigebau in Zürich verwendeten Holzteile computergesteuert und millimetergenau gefräst wurden. Ausserdem wird gegenwärtig ­gerade eine riesige Halle von 115 Meter Länge eingerichtet. Die Inbetriebnahme wird es erlauben, die Produktivität nochmals deutlich zu steigern.

Wo derart fleissig gesägt, gehobelt, gefräst, geleimt, geschnitten und geformt wird, ist es meistens auch lärmig und laut. Doch die Geschäftigkeit verrät, dass das Unternehmen gut unterwegs ist. Katha­rina Lehmann hat als 24-Jährige, noch während ihres Studiums, dessen Leitung übernommen. Ihr Vater musste damals, vor 17 Jahren, aus gesundheitlichen Gründen überraschend kürzer treten. Für die Tochter war es ein Sprung ins kalte Wasser. Jedenfalls hatte der Einstieg ins elterliche Geschäft nicht zu ihren Lebensplänen ­gehört.

Vorzeigeprojekte in Südkorea

Doch den in einer Notsituation kurzerhand gefassten Entschluss von einst hat sie bis heute nie bereut. Im Gegenteil: Katharina Lehmann ist von ihrer Aufgabe begeistert. Die Entdeckungsreise mit dem Werkstoff Holz hat sie mittlerweile bis nach Norwegen und in den Fernen Osten geführt. Letzteres vor vier Jahren, als Tamedia-Architekt Shigeru Ban in Südkorea ein aussergewöhnliches, beinahe gotisch anmutendes Golfclubhaus plante. Der Japaner gilt als einer der versiertesten und kühnsten Architekten, wenn es um die Verwendung von Holz geht. Er fand aber für die technisch schwierige Konstruktion keinen geeigneten Holzbauer vor Ort. Die Ostschweizer halfen ihm.

Seither eilt ihnen der Ruf voraus, zu den Meistern ihres Faches zu zählen. «Es war ein anspruchsvolles Projekt, bei dem alle Beteiligten bis an die Grenze des Machbaren gehen mussten», erinnert sich die Chefin. Hinzu kam ein enormer Zeitdruck: Bloss acht Monate standen zur Verfügung, inbegriffen die für den sechswöchigen Schiffstransport benötigte Zeit. Die in der Schweiz produzierten Bausätze wurden schliesslich im Fernen Osten von dreissig aus Europa angereisten Monteuren präzis zusammengefügt.

Das Golfclubhaus ist nicht das einzige Werk von Blumer-Lehmann in Südkorea. Schon 2007 erstellte die Firma in Seoul eine Holz-Achterbahn. Beide Bauten sind mit ihren organischen, geschwungenen Formen eindrückliche Beispiele für moderne Holzbaukunst. Ein architektonisches Wahrzeichen mit seinen doppelt gekrümmten Fassaden ist auch das 2011 fertig gestellte Kilden Performing Arts Centre im norwegischen Kristiansand.

Dass heute immer mehr Architekten ihre Scheu vor der freien Formensprache und vor hölzernen Rundungen verlieren, liegt nicht zuletzt an der Datenverarbeitung am Computer. Sie erlaubt es, jede Schnittstelle auch im dreidimensionalen Raum exakt und schnell auszurechnen. «Die digitalen Technologien der Holzbearbeitung machen mittlerweile Dinge möglich, die vor kurzem noch als undenkbar galten», betont Lehmann. Ganz besonders gefällt ihr, dass Swatch-Chef Nick Hayek den neuen Firmensitz in Biel ebenfalls in Holz plant und dabei von einem «Hightech-Werkstoff» spricht. «Solche Botschaften sind notwendig, um definitiv vom ‹Holz-ist-heimelig›-Image wegzukommen», sagt sie.

Material mit Zukunft

Die spektakulären Freiform-Projekte erregen verständlicherweise jeweils gros­ses Aufsehen. Doch Blumer-Lehmann deckt eine breite Baupalette ab: Ein- und Mehrfamilienhäuser, Industrie- und Gewerbebauten, Schulen, Sporthallen, Kindergarten und Hotels, auch Silos für den Strassenwinterdienst oder Holztreppen. In den letzten Jahren sind eine ganze Reihe von Vorzeigeprojekten in der Schweiz entstanden. Dazu gehören unter anderem die Therme des «Grand Resort Bad Ragaz», die Vierfachturnhalle für die Kantonsschule Sargans, die Überbauung Grünmatt in Zürich mit 155 Wohnungen oder das Notwohnprojekt «Brothuuse» von Pfarrer Sieber in Zürich-Affoltern. Letzteres zeigt, dass aktueller Modulbau nichts mehr gemein hat mit Baracken oder Containern. Bezüglich Wohnqualität brauchen die modernen Modulbauten den Vergleich mit hochwertigen Festbauten keineswegs zu scheuen. Die Chefin selber sieht in den temporären Werken die Widerspiegelung des Zeitgeistes, der eben nach schnell realisier- und veränderbaren Baulösungen verlange.

Lehmann ist überzeugt, dass die Branche ihr Potenzial noch längst nicht ausgeschöpft hat. «Holz hat alle Eigenschaften, die in Zukunft gefragt sind; es ist ressourcenschonend, erneuerbar und energie­effizient», sagt sie.

Wichtig ist Lehmann ausserdem, dass sich die Schweizer Anbieter nicht einfach auf den Heimmarkt beschränken. Sie jedenfalls will das Exportgeschäft weiter forcieren und im Ausland noch stärker Fuss fassen, obwohl dies zuweilen schwierig sei. Das versteht sie nicht zuletzt als ihre Antwort an die Adresse jener europäischen Konkurrenten, die wegen der EuroKrise stets vehementer in die Schweiz ­hineindrängen.

Blumer-Lehmann: 100 000 Kubikmeter Holz

Umsatz
Blumer-Lehmann ist zuletzt stark gewachsen. Die Zahl der Beschäftigten ist auf rund 200 Personen gestiegen. Der Umsatz streift inzwischen die Schwelle von 70 Millionen Franken. Das Wachstum sei nicht Resultat einer ehrgeizigen Strategie und nicht unbedingt gewollt, relativiert Chefin Katharina Lehmann. «Wir haben Geschäftsfelder und Produkte definiert. Das Wachstum hat sich als Folge davon ergeben.» Die Firma verarbeitet rund 100'000 Fest- oder Kubikmeter Holz aus den umliegenden Wäldern.

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