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Bobst: Lange Durststrecke

Bobst-Werk in Prilly bei Lausanne: Lichtblick in den Schwellenländern

Seit drei Jahren restrukturiert der Hersteller von Verpackungsmaschinen. Doch die Hoffnung aufbessere Geschäfte hat sich bislang nicht erfüllt.

Von Pirmin Schilliger
am 06.02.2013

Einen aus Schokolade gegossenen Schuh zu verpacken, ist eine ­Herausforderung. Ein englischer Hersteller von Torten und Süssgebäck wünschte sich dafür eine Klarsichtschachtel. Eine Maschine des Westschweizer Unternehmens Bobst hat die schützende Hülle schliesslich gefaltet und verklebt.

Solche Spezialaufträge sind bei Bobst keine Seltenheit. Er gehört zu den weltweit führenden Herstellern von Verpackungsmaschinen. Die 1890 von Joseph Bobst in Lausanne gegründete Firma produziert in acht Ländern, beschäftigt 5000 Mitarbeiter und erzielte 2011 einen Umsatz von 1,27 Milliarden Franken. Die Zahlen täuschen allerdings darüber hinweg, dass die Geschäfte schlecht laufen – und zwar schon seit Jahren.

Krisenstimmung seit der Finanzkrise

Mit der Finanzkrise im Herbst 2008 kam der Rückgang und bescherte dem erfolgsverwöhnten Unternehmen das schwärzeste Jahr in seiner Geschichte. Der Umsatz schrumpfte 2009 um ein Drittel, und das Jahr endete mit einem Rekordverlust von 161 Millionen Franken. Seither ist der Konzern nicht wieder in Schwung gekommen. Die Umsätze erholten sich 2010 nur leicht und stagnieren seither – auf 1,2 bis 1,3 Milliarden Franken pro Jahr. Bobst hat in den letzten Jahren kaum mehr Gewinne erwirtschaftet. Der für 2010 ausgewiesene Reingewinn etwa war dem Verkauf des ­alten Produktionsstandortes in Prilly zu verdanken. Das Unternehmen kassierte dafür 75 Millionen Franken.

Im Mai 2009 übernahm Jean-Pascal Bobst, ein Nachfahre der Gründerfamilie, das Zepter. Der Maschineningenieur war vorher Vorsitzender der JBF Finance gewesen. Diese Gesellschaft kontrolliert 41 Prozent der Aktien der börsenkotierten Bobst und bündelt die Interessen der verschiedenen Mitglieder der Unternehmerfamilie. Bobst löste als Konzernchef Andreas Koopmann ab, der 14 Jahre an der Spitze gestanden hatte. Der neue Konzernchef leitete bislang sträflich versäumte Massnahmen ein. Bobst hatte sich vor der gros­sen Krise zu lange auf Maschinen höchster Qualität konzentriert. «Der Konzern produzierte teure Rolls-Royce, während der Markt hauptsächlich preisgünstige VW wünschte», sagt ein Branchenkenner.

Der Firmenchef lancierte im Herbst 2009 eine Umstrukturierung, die bis heute anhält. Es gab eine neue Organisationsstruktur, zudem krempelte er die Fertigung um. Er setzte auf das Konzept einer schlanken Produktion. Eine wichtige Rolle bei der Transformation spielte auch die Verlegung der Produktion von Prilly an den benachbarten Standort Mex. Dort sind nun sämtliche Schweizer Aktivitäten von Bobst konzentriert. Mit dem Umzug wurde die Fertigung effizienter und die Lagerhaltung abgespeckt. Bobst hat in den neuen Standort rund 180 Millionen Franken investiert.

Früher fertigte Bobst fast alle Einzelteile selbst, nun übernehmen dies Zulieferer. Der Konzern stellt heute kaum mehr starre Serien ab Stange her, sondern bietet Maschinen an, die flexibel nach den Sonderwünschen der Kunden konfektioniert werden. Mit der Umstellung hat Bobst nachgeholt, was Konkurrenten – wie etwa die deutsche Heideldruck – schon lange praktizieren.

Die seit 2010 laufenden Bemühungen bei Bobst tragen aber noch keine Früchte. «Allenfalls hat sich Bobst etwas gar viel auf einmal vorgenommen», sagt Analyst Armin Rechberger von der Zürcher Kantonalbank. Anlässlich der Investorenpräsenta­tion im vergangenen Dezember räumte auch Jean-Pascal Bobst ein: «Die Verringerung der Fertigungstiefe zu bewerkstelligen ist herausfordernder als angenommen.» Es sei nicht einfach, ein gut funktionierendes Netz von Zulieferern aufzubauen. Ausserdem erinnerte er daran, dass der Konzern bereits in der Umbauphase weitere Dämpfer zu verkraften hatte. So ­belasteten die schwache Branchenkonjunktur und der teure Franken. Der Umsatz etwa stieg 2011 um 109 Mil­lionen Franken. Das Ergebnis wurde aber durch die Wechselkursentwicklungen um 119 Millionen Franken geschmälert. Ungünstig wirkte sich auch aus, dass bei Bobst die Hälfte der Personalkosten in Franken anfiel, während über 90 Prozent der Produktion exportiert wurde.

Schwache Nachfrage in Europa

Also muss Bobst Arbeitsplätze abbauen – das soll möglichst über Fluktua­tion und Frühpensionierungen gelingen. Der Plan ist, bis Ende 2013 weitere 420 Ar­beitsplätze zu streichen, die meisten ­davon am Waadtländer Standort. Das alles soll in diesem Jahr ohne Kurzarbeit gelingen. Im vergangenen Jahr arbeitete Bobst sechs Monate mit gedrosselter Maschinenleistung. Die Kapazitäten in Mex waren nur zu zwei Dritteln ausgelastet. Auch für 2012 wird das Unternehmen, wie Jean-Pascal Bobst schon durchblicken liess, ­einen Verlust ausweisen. Wie gross er ausfällt, wird das Unternehmen in den nächsten Tagen bekannt geben. Zwar könnten dank der beiden Restrukturierungen jährlich Kosten von 195 Millionen Franken eingespart werden. Die Entlastungen ­würden allerdings durch die schwierigeren Marktbedingungen wieder zunichtegemacht, berichtete Jean-Pascal Bobst schon mal vorsorglich.

Die Nachfrage in Europa bleibt schwach, der Franken ist trotz leichter Erholung zu stark. Laut Finanzchef Attilio Tissi reicht der Kurs nicht aus, um in der Schweiz rentabel zu arbeiten. Bobst würde dafür einen Kurs von 1.30 benötigen. 2013 dürfte für Bobst ­daher ein weiteres schwieriges Jahr werden, zumal der Auftragsbestand auf dem ­niedrigen Vorjahresniveau dümpelt. Der ­Konzernchef will Unternehmensbereiche mit geringem Mehrwert noch strikter aus­lagern.

Einen Lichtblick für Bobst gibt es in den Schwellenländern. Dort hat das Unternehmen seit der 65-Prozent-Übernahme des chinesischen Herstellers Gordon im Oktober 2011 seine Position klar verbessert. Der Konzern ist in der Lage, auch das mittlere und untere Segment mit einfacheren und günstigeren Maschinen zu bedienen. Hergestellt werden diese nicht nur in China, sondern auch in Indien und Brasilien.

«Die Durststrecke von Bobst könnte noch bis 2016 dauern», erklärt Analyst Rechberger. Branchenbeobachter sehen durchaus Chancen für das Waadtländer Unternehmen. Denn die Nachfrage nach hochwertigen Verpackungen, wie sie mit Bobst-Maschinen produziert werden können, nimmt weltweit zu. Gemäss Prognosen könnte das Marktvolumen innerhalb der nächsten fünf Jahre um 20 bis 25 Prozent wachsen – auf über 850 Milliarden Dollar. Zudem gibt es in der Verpackungsbranche viel Bedarf für Erneuerungen. Sollte sich die Konjunktur in Europa 2014 beleben, würde das mit der vollendeten Umstrukturierung von Bobst zusammenfallen.

 

Verpackungen: Argument zum Kauf

Spezialisten
Zur Schweizer Verpackungsindustrie zählen 240 Firmen. Das sind Papier-, Karton- und Klebstoffhersteller, Produzenten von Schaum- und Kunststoffpackungen sowie Gerätelieferanten und Maschinenbauer. Ebenso gehören Grossverteiler (Migros, Coop), Pharmahersteller (Roche, Novartis) sowie die Lebensmittelindustrie (Nestlé, Ricola, Zweifel Chips) dazu. Die grössten Verpackungsspezialisten sind globale Konzerne wie Tetra Pak. Verpackungen sind ein wichtiges Argument zum Kauf eines Produktes. Für Lebensmittelverpackungen gibt der Konsument jährlich rund 500 Franken aus.

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