Wundersame Phänomene bringt die Welt der Statistik ans Tageslicht. Ironischerweise beginnt mit dem Tag der Arbeit eine wenig ertragreiche Börsenzeit. Langfristig gesehen bringen die «guten» Börsenmonate zwischen November und April mehr Rendite. Aus dieser Erkenntnis leitet sich die Weisheit «Sell in May and go away» ab häufig mit dem Zusatz: «But remember to come back in September.» In den USA wird dafür auch die Wendung «Halloween Indicator» benutzt, denn an Halloween Ende Oktober – sollen Anleger wieder zukaufen, um die verlängerte Winterzeit von November bis April nicht zu verpassen.

Die Verfasser des «Wall Street Börsen-Almanach 2007» haben nachgerechnet: Mit einem Einsatz von 10000 Dollar im Jahr 1950 hätte der Dow Jones Industrial Average bis 2005 einen Gewinn von 534323 Dollar erzielt, wenn man immer nur von November bis April investiert war. In der Mai–Oktober-Periode hätte es einen Verlust von 272 Dollar abgesetzt. Beim S&P-Index hätten für den gleichen Zeitraum 389426 Dollar Gewinn einem Verlust von 8209 Dollar gegenübergestanden.

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Unerklärbares Phänomen

«Die Vergangenheit sagt uns, dass der alte Börsenspruch zutrifft, während er gemäss Aktienmarktlogik falsch ist.» Zu diesem Schluss kommen die beiden holländischen Forscher Ben Jacobsen und Sven Bouman in einer Studie über die «Sell in May»-Strategie. Sie suchen nach Erklärungen, doch können sie lediglich mögliche Erklärungen widerlegen: Die schwachen Sommermonate sind kein Sondereffekt bestimmter Regionen, da sie überall tiefere Renditen bringen. Es ist nicht auf die Ferienzeit oder das Klima zurückzuführen, denn auch auf der Südhalbkugel verhält es sich nicht anders. Ebensowenig ist das Phänomen an einzelne Sektoren gekoppelt, es zieht sich durch alle Sektoren hindurch. Ein spezielles Informationsaufkommen oder kleinere Handelsvolumina kommen laut den beiden Forschern auch nicht als Erklärung in Frage. Das Rätsel bleibt also ungelöst.

Zufällige statistische Struktur

«Diese statistische Struktur kann auch reiner Zufall sein», gibt sich Walter Edelmann, Leiter Anlagestrategie UBS Wealth Management Research, gelassen. «Wenn die Anleger sich tatsächlich an die «Sell in May»-Weisheit halten würden, dann müssten sie ja eigentlich schon im April verkaufen, womit der Effekt immer weiter nach vorne rutschen und mit der Zeit ganz verschwinden würde.»
Eine solche Vorverschiebung ist beim sogenannten Januar- oder eben Dezember-Effekt zu beobachten (siehe Kasten). Aufgrund der Bekanntheit des Phänomens hat es sich nach vorne verschoben.
Investoren tun gut daran, der «Sell in May»-Strategie keine Folge zu leisten. Denn wie Edelmann empfehlen auch andere Anlageprofis, auf die Fundamentaldaten zu achten und Börsensprüche mit der nötigen Vorsicht zu geniessen. Oliver Hagen, Senior Portfolio Manager bei der LGT Capital Management AG, kann solchen Weisheiten dennoch Positives abgewinnen: «Sie dienen eher einer Orientierung, denn viele dieser Weisheiten versuchen, komplexe Themen in eine einfache Formel zu pressen.»

Wie wird dieses Jahr?

In diesem Jahr erwartet Hagen aufgrund gewisser hartnäckiger ökonomischer Fragestellungen Inflationsrisiken, US-Hypothekarmarktrisiken eine kurzfristige Konsolidierung in den Frühlings- und Frühsommermonaten. «Wir sind derzeit aber positiv eingestellt für die Entwicklung der Aktienmärkte in der zweiten Jahreshälfte.» Auch Edelmann geht davon aus, dass es weiterhin Verunsicherungen geben wird. «Aber ob dies jetzt genau im Mai oder im Juni oder erst im August geschieht, ist schwierig zu sagen.»
In den letzten Jahren hat sich der Schweizer Aktienmarkt nur bedingt an die «Sell in May»-Regel gehalten. Von 1998 bis 2006 hat der Swiss Performance Index (SPI) pro Mai–Oktober-Periode zwar durchschnittlich 1% verloren und während der «guten» Wintermonate rund 9% zugelegt, aber in drei der neun vergangenen Jahre haben die Sommermonate besser abgeschnitten (siehe Grafik). Ausserdem haben im vergangenen Jahr die Wertpapiere der Blue-Chip-Unternehmen Nestlé, Roche und Swiss Re ausgerechnet von Mai bis Oktober satte Gewinne eingefahren, während sie in den restlichen Monaten ein negatives Resultat erzielten.
Zahlreiche Weisheiten im Stile der «Sell in May»-Strategie machen an der Börse die Runde. Hier eine kleine Auswahl.

Januar-Effekt
Ende des Jahres werden Aktien vor allem aus Steuergründen massenweise verkauft, worauf die Aktienpreise sinken. In der Folge steigen sie wieder. Dieser Effekt hat sich aufgrund seiner Bekanntheit vorverschoben und wird nun auch «Santa-Claus-Rally» oder Dezember-Effekt genannt.
Januar-Barometer Dieser Indikator lag seit 1950 in über 90% der Fälle richtig. Laut Yale Hirsch nimmt der Januar die Entwicklung des Gesamtjahres voraus.
Montagseffekt Gemäss dieser Theorie folgt die Entwicklung der Aktienmärkte an einem Montag derjenigen des vorangehenden Freitags. Ausserdem sind gemäss verschiedenen Studien an Montagen die Erträge geringer als an allen anderen Tagen.

Mark-Twain-Effekt
Im Oktober erzielen Börsen angeblich weniger Rendite als in anderen Monaten. Dies passt zu einem Zitat Mark Twains: «Der Oktober ist ein besonders gefährlicher Monat, um mit Wertpapieren zu spekulieren. Die anderen sind Juli, Januar, September, April, November, Mai, März, Juni, Dezember, August und Februar.»