So können nur Franzosen über ein Weinjahr schwärmen: «2005 wird sich wie 1961 und 1982 in die Geschichte von Bordeaux einmeisseln», sprach Starwinzer Michel Rolland. «Es ist fast schon frustrierend, aber die Natur hat derart ideale Voraussetzungen geschaffen, dass die Vinifikation mit nur kleinen menschlichen Eingriffen auskommt.»

Da war kein Halten mehr – überall liessen Weinauguren verbal die Korken knallen. «Ein Jahrgang macht Furore», schrieb das Ringier-Blatt «Cash», das Rolland zitierte. «Der beste Bordeaux seit 1945», meinte der «Blick». Und ein französischer Experte sah in der allgemeinen bacchantischen Euphorie gar ein «mythisches Jahr»: «Der beste Jahrgang seit 1870», notierte er fast ein bisschen verwegen.

Solchem Lobesrausch indes begegnen erfahrene Experten mit sachlicher Nüchternheit. Oder sogar «schockiert» wie Philipp Schwander, Master of Wine und einer der Top-Kenner im Land. Er findet es «schlicht nicht mehr seriös», wie Jahr für Jahr die Bordeaux bejubelt würden, «nur damit die Geschäfte stimmen». Besonders krass sei dies mit dem Jahrgang 2003 passiert, der heute kaum mehr ein Thema ist.

Schwander, dies nebenbei bemerkt, hat sich den heiligen Zorn der Branche zugezogen, als er sich weigerte, 2003 zum Jahrhundert-Jahrgang hochzustilisieren. Heute hofft wohl manch ein damals zuhöchst optimistischer Experte heimlich, keiner möge auf die Idee kommen, sein damaliges Urteil aus dem Archiv zu holen, um es ihm um die Ohren zu hauen. Ist nun mit dem hoch dekorierten Jahrgang 2005 ein ähnlich verkatertes Erwachen zu befürchten?
Man kann guten Gewissens beruhigen. Auch Philipp Schwander, der etliche Fassproben hinter sich hat, spricht von einem «guten Jahr», das einen «sehr guten Wein» hervorbringen werde. Da das Jahr sehr trocken war, werde der Wein allerdings viel harte Gerbstoffe enthalten und mithin zunächst «keine Charme-Offensive» sein. Schwander vergleicht 2005 immerhin mit dem Jahr 1986 – sogar «auf höherem Niveau». Die Frucht werde wegen der harten Gerbstoffe zurückgehen, und der Wein werde lange im Keller liegen müssen.

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Finanziell könnte sich ein Investment in die 2005er Flaschen auszahlen, meint Schwander. Denn der Wein sei derart mit Vorschusslorbeeren überhäuft, dass schon alleine deswegen höchste Preise zu erwarten seien. Wer in Wein investiere, tue übrigens gut daran, sich an eine einfache Regel zu halten: In den Keller kommt «nur das Beste vom Besten».

Daran müssen sich Genusstrinker weniger halten. Da 2005 generell sehr gut sei, lohne sich der Kauf von einfacheren Crus bourgeois – auch sie fallen überdurchschnittlich aus.

Den Befund bestätigt Hans Georg Babits, Weinakademiker und Leiter des Zürcher James Joyce Pub. Dass im Bordelais Jahrgänge aus geschäftlichen Interessen generell hochgejubelt würden, stimme zwar, sagt er, sei indes für die guten 2005er Prognosen «ausnahmsweise nicht der einzige Grund». Babits sieht für den Bordeaux ein «sehr, sehr gutes Weinjahr» – und zwar für alle Bordeaux-Regionen, für Weiss-, Rot- und Süssweine. «Der Jahrgang 2005», sagt Babits, «wird als grosser Klassiker alle Bordeaux-Fans erfreuen und zufrieden stellen.» Er sei, ganz kurz gesagt, «grossartig».

Das önologische Urteil hat pekuniäre Folgen: Auch Babits erwartet für die Premiers Grands Crus «exorbitante Preise». Davon sollten sich Weinfreunde indes nicht abschrecken lassen, sondern auf weniger bekannte Güter ausweichen. «Sie werden», sagt Babits, «viel Freude daran haben.»