Die Deutsche Börse setzt mit ihrem neuen Vorstandschef auf Kontrast zum Status Quo: Amtsinhaber Reto Francioni ist seit Jahrzehnten im Börsen-Geschäft aktiv. Bei Gesprächen im Hinterzimmer fühlt sich der Schweizer deutlich wohler als auf der grossen Bühne. Sein Nachfolger Carsten Kengeter dagegen ist ein gross gewachsener Investmentbanker, der als kommunikativ und locker gilt. «Ich gehe davon aus, dass er am Finanzplatz Frankfurt präsenter sein wird als Francioni und sich stärker in aktuelle Debatten einmischt», sagt ein Börsen-Insider.

Ein grundlegender Strategieschwenk nicht zu erwarten

Der 47-jährige Schwabe dürfte somit für frischen Wind sorgen, wenn er im Sommer 2015 Francioni beerbt. Der Schweizer sass zehn Jahren auf dem Chefsessel von Deutschlands grösstem Börsenbetreiber. «Kengeter hat einen frischen Blick auf das Unternehmen und wird vermutlich das eine oder andere Projekt beerdigen, das Francioni angestossen hat», sagt ein Investor. Ein grundlegender Strategieschwenk oder eine grössere Übernahme seien jedoch nicht zu erwarten, betonen Investoren und Börseninsider gleichermassen.

Eine grosse Fusion ist auch deshalb unwahrscheinlich, weil die Politik bei dem Unternehmen ein gewichtiges Wort mitzureden hat. «Die Deutsche Börse ist und bleibt ein politisches Unternehmen», betont ein Firmenkenner. Der Konzern betreibt die öffentlich-rechtliche Frankfurter Wertpapierbörse, die von der Aufsicht des hessischen Wirtschaftsministeriums kontrolliert wird. Fusionen, bei denen Entscheidungskompetenzen und Arbeitsplätze ins Ausland abwandern, steht die hessische Landesregierung traditionell kritisch gegenüber.

Widerstand aus Wiesbaden

Der ehemalige hessische Wirtschaftsminister Dieter Posch (FDP) wollte 2012 den Zusammenschluss von Deutscher Börse und New York Stock Exchange (Nyse) untersagen. Am Ende scheiterte die Fusion bereits am Veto der EU-Wettbewerbshüter. Auch der heutige Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) hält die Deutsche Börse für einen wichtigen Bestandteil des Finanzplatzes Frankfurt, wie er am Dienstag erklärte. «Gerade in Zeiten sich verschärfender Bankenregulierung ist eine gut funktionierende Börse zentral für die Unternehmen in Deutschland.»

Vor diesem Hintergrund ist eine Fusion mit der US-Derivate-Börse CME, bei der die Frankfurter nur Junior-Partner wären, Insidern zufolge auch unter Kengeter nicht zu erwarten. Die CME hat Finanzkreisen zufolge Anfang 2013 wegen eines Zusammenschlusses bei der Deutschen Börse vorgefühlt, erhielt von Francioni damals jedoch einen Korb. «Weitere Kooperationen in Asien oder andere Übernahmen könnte Kengeter dagegen sehr wohl in Angriff nehmen», sagte ein grosser Investor. Nach seiner Ansicht könnten Zukäufe im Index-Geschäft sinnvoll sein, in dem sich der Konkurrent London Stock Exchange kürzlich durch die Übername des US-Anbieters Russell verstärkte.

Von der europäischen Mehrländerbörse Euronext, die kürzlich von der Nyse abgespalten wurde, sollte das Unternehmen aus Sicht von Branchenkennern dagegen weiter die Finger lassen. Der Aktienhandel an der Euronext werfe relativ wenig Gewinn ab, sagt ein hochrangiger Börsenexperte. Zudem sei bei einer Übernahme politischer Widerstand aus Frankreich zu erwarten. «Ärger und Ertrag stehen in keinem Verhältnis.»

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Alter Haudegen und Quereinsteiger

Kengeter hat lange für die Investmentbanken Goldman Sachs und UBS gearbeitet und kennt die Bedürfnisse grosser Börsen-Kunden somit aus erster Hand. «Für die Deutsche Börse ist das ein grosser Vorteil», sagt ein Firmeninsider. «Auf der anderen Seite muss sich Kengeter in viele Facetten des Börsen-Geschäfts erst noch einarbeiten.» Auch Investoren wollen dem neuen Vorstandschef deshalb keine Vorschusslorbeeren geben. «Francioni ist nicht überall beliebt», sagt einer von ihnen. «Aber er kennt sich in der Börsenlandschaft bestens aus und hat viele richtige Weichenstellungen getroffen, beispielsweise beim Ausbau des Clearing- und Wertpapierverwahrgeschäfts.»

Aus Sicht von Anlegern und Experten ist es deshalb von grosser Bedeutung, dass mit Vize-Chef Andreas Preuß ein Börsen-Veteran bis 2018 an Bord bleibt. «Ein langjähriger Börsenmanager und ein Quereinsteiger - das kann ein gutes Tandem werden», glaubt ein Konzernkenner. Preuß, der unter Francioni grosse Freiheiten geniesst, ist unter anderem für das wichtige Derivate-Geschäft zuständig. Wie er und Kengeter miteinander auskommen, zählt 2015 zu den spannendsten Fragen bei der Deutschen Börse.

(reuters/ccr)