Jahrzehntelang zählten die Schweizer Lebensversicherungsgesellschaften zu den übervorsichtigen Investoren. Die Prämieneinnahmen wurden in die «goldenen Drittel» aufgeteilt und primär in Obligationen, Immobilien und Hypothekardarlehen angelegt. Aktien dagegen galten als hochriskant und wurden lediglich in homöopathischen Dosen den Portefeuilles beigemischt. «Sicherheit vor Rendite» lautete das Credo.

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Mitte der Achtzigerjahre setzte an den Börsen die Jahrhunderthausse ein und weckte neue Begehrlichkeiten. Während das BVG den Pensionskassen eine Aktienquote von 25 Prozent einräumte, schrieb das Versicherungsaufsichtsgesetz den Privatversicherungen
einen Höchstanteil von fünf Prozent vor. Was damals niemanden gross zu stören schien: Noch 1987 investierte die Branche gerade mal drei Prozent ihrer Gelder in Dividendenpapiere. Doch je mehr die Hausse an Fahrt gewann, umso stärker wollten auch die Lebensversicherer mittun. Ab 1988 durften sie ihren Aktienanteil auf bis zu 30, ab 1993 auf maximal 50 Prozent aufstocken.

Von ihrer neuen Freiheit machten die Versicherungsgesellschaften reichlich Gebrauch, und alle Vorsicht ging vergessen. Ein Teufelskreis begann: Die Firmen sassen auf dicken Eigenkapitalpolstern und verfügten damit über eine hohe Risikofähigkeit. «Je höher die Aktienkurse stiegen, desto grösser wurde ihre Risikofähigkeit und desto mehr Aktien konnten sie kaufen», beschreibt André Meier, Analyst bei der Swissfirst Bank in Zürich, den Effekt. Gleichzeitig entbrannte unter den Lebensversicherern ein heftiger Konkurrenzkampf. Im Buhlen um Neukunden wurden die in Aussicht gestellten Überschussrenditen in schwindelerregende Höhen geschraubt; teilweise lockten bis zu zehn Prozent.
Nur waren die für solche Renditen nötigen Erträge nicht mit einem sich vorab an Obligationen und Immobilien orientierenden Anlagemix zu verdienen. «Die Zinsen lagen schon damals auf einem tiefen Niveau, da war nicht mehr viel zu holen. Diese Situation wollten die Versicherer mit hohen Aktieninvestments kompensieren», beschreibt Eric Güller, Analyst bei der Zürcher Kantonalbank, die Folgen. Im Jahr 2000 hielten die Lebensversicherer im Durchschnitt 18,3 Prozent ihrer Investments in Aktien. Einzelne Firmen kamen auf weit höhere Anteile: Bâloise und Swiss Life beispielsweise schraubten ihre Aktienquoten auf gegen 40 Prozent.

Dann setzte der Börsencrash dem Traum schier endloser Kursgewinne ein Ende und stürzte die Lebensversicherer in die schwerste Krise ihrer modernen Geschichte. Verheerend wirkte sich der beschriebene Teufelskreis aus – nun mit umgekehrten Vorzeichen: Je tiefer die Aktienkurse sanken, desto dünner wurde die Eigenkapitaldecke der Versicherer, und desto mehr Aktien mussten sie liquidieren. Die milliardenschweren Verluste machten sich 2000 und 2001 noch nicht so stark bemerkbar, wurden sie doch von den bis dahin reichlich vorhandenen Reserven kaschiert. Im vergangenen Jahr jedoch schlug die Krise voll durch: Die führenden Lebensversicherer mussten einen Verlust von gegen zehn Milliarden Franken einstecken (siehe «Aufräumen nach dem Orkan» unten). «Die Branche hat ihre Risikofähigkeit krass überschätzt», kritisiert Peter Maas vom Institut für Versicherungswirtschaft der Universität St. Gallen. Auch das Timing prangert Maas an: «Da wurden Aktien noch massiv dazugekauft in einer Phase, wo das Kursniveau bereits sehr hoch war.»

Die Branche schlitterte hauchdünn am Super-GAU vorbei. Swiss Life und Zurich Financial Services standen kurz vor der Implosion; die Aktionäre mussten die beiden Schwergewichte über Kapitalerhöhungen von insgesamt sieben Milliarden vor dem Absturz bewahren. Obwohl sich die Situation inzwischen etwas entspannt hat, sind die Lebensversicherungen noch nicht aus dem Schneider. Nun gilt es, die Reserven wieder aufzufüllen. Und dies ist «fast nur über Erträge im operativen Geschäft möglich», wie Moritz Kuhn, Rechtsanwalt und Titularprofessor für das Gebiet Versicherungs- und Privatrecht an der Uni Zürich, urteilt. Denn auch wenn die Börse wieder stark anzöge, würden die Versicherer nur wenig davon profitieren. Zu stark haben sie in den letzten zwei Jahren ihre Aktienquoten heruntergefahren. «Der Aktienanteil liegt heute deutlich unter zehn Prozent», tönt es aus dem Bundesamt für Privatversicherungen. So hat die «Zürich» ihre Aktienquote auf unter acht, Bâloise die ihrige auf runde sechs Prozent abgebaut. Die einst auf Aktien erpichte Swiss Life hält nicht einmal mehr zwei Prozent. «Sowie es die Finanzmärkte und unsere Risikofähigkeit erlauben, werden wir unsere Haltung gegenüber Aktienanlagen überprüfen. Zurzeit sehen wir dazu keinen Anlass», erläutert Chief Investment Officer Martin Senn die Anlagepolitik.

Die angeschlagene Finanzlage der Lebensversicherer hat deren Kunden aufgeschreckt. Viele fürchten um ihr Sparkapital. Im Gegensatz zu den Überschüssen besteht beim einbezahlten Kapital kein Verlustrisiko. Die Schweizer Lebensversicherer unterstehen einer der weltweit strengsten Kontrollen. So müssen sie per Gesetz die Ansprüche aus den von ihnen abgeschlossenen Policen durch einen Sicherungsfonds gewähren. Ende 2001 lagen in diesem Fonds Obligationen, Aktien, Darlehen, Immobilien und anderes im Wert von 222 Milliarden Franken. Damit waren die Ansprüche der Versicherten zu 103 Prozent abgesichert.

Trotz dieser Sicherung denkt mancher Besitzer einer Einmalprämienversicherung über eine vorzeitige Kündigung seiner Police nach. «In den meisten Fällen kommt der Ausstieg teuer zu stehen», warnt BILANZ-Vorsorgeexperte Martin Wechsler. Vor allem bei erst vor wenigen Jahren abgeschlossenen Versicherungen lohnt sich der Rückkauf nicht. Einmal geht ein grosser Teil der hohen Abschlusskosten von 5,5 bis 6,5 Prozent verloren. Zudem ruft ein vorzeitiger Ausstieg nicht selten den Fiskus auf den Plan. Wer in einem finanziellen Engpass steckt und auf das in der Leben-Police gebundene Kapital angewiesen ist, fährt angesichts der tiefen Zinsen besser mit einer Belehnung der Versicherung (siehe «Besser belehnen» rechts).
Ungeachtet aller negativen Begleiterscheinungen bleiben Lebensversicherungen attraktiv. Zwar sind konventionelle gemischte Versicherungen alles andere als Renditeheuler – die Nettorenditen der von BILANZ bei sieben Versicherern eingeholten Offerten bewegen sich zwischen 1,5 bis 2,4 Prozent (siehe «Sicherheit und Anlagevehikel» sowie «Sparplan mit Versicherungsschutz» auf Seite 120). In diesem einen Prozentpunkt Unterschied drückt sich vor allem eines aus: «Wer die tiefsten Verwaltungs- und Risikokosten hat, der kann auch die höchsten Renditen anbieten», erläutert Andreas Hausheer, Partner beim BILANZ-Steuerexperten Dr. Thomas Fischer & Partner.

Vor einigen Jahren war dagegen mit Lebensversicherungen noch ein Mehrfaches an Renditen zu holen. Nur sind seither die Aktienkurse abgeschmiert und die Zinsen zusammengefallen. Damit fehlen schlicht die Investment-Alternativen. Denn wer sicher anlegen will, findet kaum eine besser rentierende Anlage als eine Lebensversicherung. Wer mit Festverzinslichen eine garantierte Nettorendite nach Steuern von 2,4 Prozent erreichen will, wie sie ein 60-jähriger Mann mit einer Einmalprämienversicherung bei der Helvetia Patria geboten bekommt, muss eine Obligation mit einer Verfallrendite von mindestens 3,7 Prozent suchen. Im Top-Schuldner-Segment ein aussichtsloses Unterfangen. Beispielsweise die Obligation Eidgenossenschaft 2012, das Nonplusultra unter den sichersten Schuldenmachern, bietet 2,3 Prozent Rendite auf Verfall; nach Steuern verbleiben gerade noch magere 1,5 Prozent. Wer in Festverzinsliche mit Renditen von 3,7 und mehr Prozent anlegen will, muss dafür bei der Schuldnerqualität deutliche Abstriche machen.

Allerdings hat die Toprendite der Helvetia Patria einen Schönheitsfehler: Der Versicherer senkt auf Mitte Jahr den technischen Zinssatz von 2,5 auf 2,0 Prozent. Dabei handelt es sich um den über die gesamte Vertragsdauer garantierten Mindestzins, mit dem der Sparteil der Prämie bei vermögensbildenden Versicherungen verzinst wird. Wer also noch von den alten Konditionen profitieren will, muss sich sputen.

Neuer Leader in Sachen Höchstzins unter den sieben um Offerten angefragten Versicherungsgesellschaften ist nach dem 1. Juli die Axa, der grösste französische Versicherungskonzern. Für eine Einmalprämienversicherung auf zehn Jahre bietet ihre Niederlassung in Liechtenstein, die den technischen Zins bereits auf Anfang Mai zurückgenommen hat, 2,3 Prozent. Auch in diesem Fall lässt sich die Nettorendite, also der Ertrag nach Steuern, mit Obligationen allererster Schuldnerqualität nicht holen.

Leibrenten dagegen entbehren unter dem Aspekt der Kapitalanlage jedweder Attraktivität. Die Nachteile jedenfalls wiegen schwer: So werden von der Prämie hohe Risikokosten abgezogen, um dem zunehmenden Risiko der langen Lebensdauer Rechnung zu tragen. Das Resultat ist eine tiefe garantierte Rendite von maximal etwas über zwei Prozent auf die geleisteten Prämien. Zusätzlich geschmälert wird die Rendite durch die Einkommenssteuer auf 40 Prozent der Rente. Im Klartext: Pro 1000 Franken ausbezahlter Rente müssen 400 Franken als Einkommen versteuert werden. Mit Blick auf die Sicherheit jedoch ist eine Leibrente gerade für Ältere eine durchaus valable Alternative. Sie garantiert bis ans Lebensende ein bestimmtes, regelmässiges Einkommen (siehe «Leibrentenversicherung: Da lachen auch die Erben» auf Seite 122). Oder wenn das Einkommen plötzlich wegfällt und die Zahlungen aus der 2. Säule nach der Pensionierung nicht ausreichen, kann die Leibrente eine Lösung sein. Obwohl immer mehr Versicherer die Überschussleistungen auf Leibrenten kürzen, erfreuen sich diese Produkte eines regen Zuspruchs.

Lebensversicherungen beziehen einen guten Teil ihrer Attraktivität aus dem Umstand, dass die Versicherungssumme bei der Auszahlung steuerfrei oder zumindest steuerprivilegiert ist (siehe «Dichter Steuerdschungel» auf Seite 125). Doch der Fiskus hat sein Auge nicht zum ersten Mal auf genau diese Policen geworfen. So wollen einige kantonale Steuerämter bei der Auszahlung einer Einmalprämie selbst in jenen Fällen mitkassieren, wo die Police zum Zeitpunkt ihres Abschlussdatums noch steuerbefreit war. Ein unrühmliches Beispiel liefert der Kanton Solothurn.

Unbilden drohen der Branche aber auch von höchster Stelle. Kaspar Villiger, als oberster Kassenwart der Nation unermüdlich mit dem Stopfen der zahlreichen Finanzlöcher beschäftigt, hat es erneut auf die Lebensversicherer abgesehen. Was wenig überrascht, denn der eidgenössische Finanzminister hat noch nie ein Hehl daraus gemacht, dass er Lebensversicherungen primär als Steuerumgehung betrachtet. Bereits 1998 führte er eine Stempelsteuer von 2,5 Prozent auf den Einmalprämienversicherungen ein. Nun will er diese Belastung gleich auf fünf Prozent verdoppeln! Doch ebenso sollen die in Raten geleisteten Kapitalversicherungen, die bisher von dieser Steuer befreit waren, künftig zur Kasse gebeten werden, und zwar mit einer Stempelabgabe in Höhe von 2,5 Prozent. Dadurch erhofft sich Bundesbern jährliche Mehreinnahmen von rund 200 Millionen Franken.
Noch ist das letzte Wort in der Angelegenheit zusätzliche Steuern auf Lebensversicherungen nicht gesprochen. Auch mit den zusätzlichen fiskalischen Belastungen bleiben die Lebensversicherungen in einer Zeit mangelnder Investment-Alternativen interessant. Doch so attraktiv solche Policen für auf höchste Sicherheit bedachte Investoren auch sind: Wer eine Anlage ohne Todesfallschutz sucht, nicht völlig risikoscheu ist und sein Kapital auf längere Sicht anlegen kann, sollte nicht in Lebensversicherungen, sondern in Aktien investieren. Oder eine fondsgebundene Lebensversicherung wählen. Hier kann der Kunde nach seinem Gusto, sprich seiner individuellen Risikobereitschaft, einen Fonds mit entsprechend hohem Anteil an Aktien wählen. Denn an den Aktienmärkten winken, gerade auf dem heutigen Kursniveau, langfristig immer noch die höchsten Renditen.

Der nächste Börsenaufschwung kommt bestimmt. Nur die Lebensversicherer müssen dann draussen bleiben.