Glück: Das ist, wenn man sich wohl fühlt. Klingt simpel, ist es aber nicht. Oder doch? Gaubt man der «World Database of Happiness», so sind wir Schweizer das glücklichste Volk auf Erden. Laut dieser Statistik verbringen wir die meisten glücklichen Jahre.

Doch was heute ist, muss nicht immer so bleiben. Ökonomieprofessor und Glücksforscher Bruno S. Frey warnt: «Glück bleibt nicht unendlich lange bestehen. Es muss immer wieder neu erkämpft werden.» Zudem schicken sich andere Länder voll glücklicher Menschen an, uns zu überholen: Fast ebenso glücklich wie wir sind die Dänen, Österreicher, Skandinavier und die Holländer.


Die fünf Faktoren zum Glück

Wie also können wir glücklich bleiben? Glück erkämpfen bedeutet, die Glücksfaktoren zu fördern. Freys Formel – nachzulesen in Freys Buch «Happiness & Economics» – besteht aus fünf Faktoren: Zunächst beeinflussen uns die individuelle Eigenschaften. Wer keinerlei Veranlagungen zu Depression aufweist, der dürfte die grösseren Chancen aufs Glücklichsein haben. Ein zweiter Faktor ist die Soziodemografie, also Merkmale wie Geschlecht, Alter und Ausbildung. Förderlich für unser Glück ist auch die Wirtschaftslage: Ein guter Arbeitsmarkt und eine geringe Inflation halten uns bei Laune. Des Weiteren beeinflussen unsere individuellen Lebensumstände sowie die institutionellen Rahmenbedingungen, etwa das politische System, unser Glücksempfinden.

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«Schweiz hat noch Potenzial»

Bei den Faktoren Wirtschaftslage und institutionelle Rahmenbedingungen sieht der Volkswirtschaftler Frey in der Schweiz noch deutliches Steigerungspotenzial. «Wir müssen uns darum kümmern, dass unser Pro-Kopf-Einkommen wächst.» Das heisse zuerst: «Wir müssen in die Ausbildung investieren, wollen wir gegenüber Indien und China wettbewerbsfähig bleiben», sagt Frey. Die Ausbildung müsse kreativer werden. Statt Wissen in die Köpfe zu stopfen, sei den jungen Leuten beizubringen, innovativer zu sein.

Die Bologna-Reform an Universitäten und Fachhochschulen mit ihrem standardisierten Ausbildungsschema sei diesbezüglich genau der falsche Weg, kritisiert Frey. «Die Studierenden sollten Zeit haben, sich mit einem Fach auseinander zu setzen und nicht bloss Punkte sammeln», findet er.

Kreativ sollen seines Erachtens nicht nur die Ausbildungen sein, sondern auch die Arbeitsstellen. «Wir müssen die Qualität von Arbeitsplätzen weiterentwickeln. Wir sollten mehr Selbstbestimmung und produktive Entfaltungsmöglichkeiten schaffen; auch bei tiefer qualifizierten Stellen», ist Frey überzeugt. Besonders bei schlecht qualifizierten Arbeitskräften sollten seines Erachtens die Anstrengungen verstärkt werden, die kommende Generation besser auszubilden. Das Ausland, so seine Devise, soll durch Innovation geschlagen werden.


Recalls für Bürger

Innovationen fordert Frey auch für das politische System der Schweiz. Fundament für die landesweite Glückseligkeit seien die direkte Demokratie und der Föderalismus. Denn politische Mitbestimmung fördert gemäss seinen Untersuchungen das Glücksempfinden. «Wir müssen diese Stärken weiterentwickeln und die Bürger noch vermehrt an den politischen Prozessen beteiligen», findet der Glücksexperte. Als Möglichkeiten nennt er sogenannte Recalls für Politiker – also die Möglichkeit, einzelne Politakteure vor Ende einer Legislaturperiode abzuwählen.

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Das Stimmvolk soll zudem vermehrt in Finanzentscheide einbezogen werden, der politische Diskussionsprozess müsse noch stärker übers Internet verlaufen.


«Zu wenig Föderalismus»

Reformieren will der umtriebige Glücksforscher auch den Föderalismus. «Wir haben nicht zu viel, sondern zu wenig Föderalismus», moniert Frey. Und dieser werde zunehmend eingeschränkt: «Immer mehr Themen werden unnötigerweise an den Bund delegiert», bemängelt Frey. Er schlägt vor, vermehrt lokale Zweckgemeinschaften zu gründen: Schulgemeinden, Stadtkreise und ähnliche Formationen sollten gestärkt werden und mehr direkte Mitspracherechte in Form von Referenden und Initiativen erhalten. «Sehr oft», meint Frey, «ist Kleinheit kein Hemmnis, sondern ein grosser Vorteil. Denn die Leute wissen, worüber sie entscheiden.»

Das Glück des einzelnen Bürgers zu maximieren sei dagegen keine Aufgabe des Staates. «Der Bund soll nur die Grundlagen für das Glück zur Verfügung stellen», sagt Frey. Grund: Glück ist weder allgemein definierbar, noch von bestimmten absoluten Zahlen wie der Einkommenshöhe abhängig.

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Der Frey’sche Idealstaat interveniert möglichst wenig in den privaten Bereichen, damit die Bürger allein die Lebensform finden und entfalten können, die ihnen am besten entspricht.

Dazu gehört auch, dass die Bürger selbst über das Ausmass an Wohlfahrt bestimmen – selbst auf die Gefahr hin, dass sie sich selbst ums eigene Glück bringen. Oder anders ausgedrückt: Wenn hohe Steuern nötig werden, um umfangreiche Sozialausgaben zu decken, dann nimmt der Anreiz zu arbeiten ab, was das Wachstum der Volkswirtschaft schmälert. Es wird mehr Schattenwirtschaft betrieben, weniger produziert. Firmen und vermögende Individuen wandern verstärkt aus. Die Glücksfaktoren verschlechtern sich. «Aber das müssen die Bürger letztlich selbst entscheiden», glaubt Frey, «die Ökonomie kann bloss davor warnen. Ansonsten wäre der Staat eine Glücksdiktatur.» Womit wiederum das individuelle Glück abnehmen würde, da Glück ja nicht allgemein definierbar ist.

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Serie: Reformdebatte Schweiz (4) – Bruno S. Frey

Bereits erschienen sind die Reformideen von Walter Wittmann, emeritierter Professor der Universität Freiburg («Handelszeitung» Nr. 27), George Sheldon, Professor der Universität Basel (Nr. 28), und Heinrich Brändli, emeritierter Professor der ETH Zürich (Nr. 29). Nächste Woche erscheinen die Reformideen von Heidi Schelbert, emeritierte Professorin der Universität Zürich.

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Fakten

Zur Person

Bruno S. Frey: Er ist Professor am Institut für empirische Wirtschaftsforschung der Universität Zürich und Mitbegründer des Center for Research in Economics, Management and the Arts (CREMA).

Kürzlich erschienene Bücher sind: «Was vermag Ökonomie?», «Dealing with Terrorism: Stick or Carrot», «Successful Management by Motivation – Balancing Intrinsic and Extrinsic Incentives» und «Happiness & Economics».

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Glück

Das Problem: Die Schweizer gehören zwar zu den glücklichsten Völkern der Welt. Doch bleibt Glück nicht unendlich lange bestehen,
ohne dass man es immer wieder von neuem erkämpft.

Freys Lösungen

• Mehr in die Ausbildung investieren.
• Kreativere Ausbildungen statt das Bologna-Modell.
• Mehr Selbstbestimmung und produktive Entfaltungsmöglichkeiten am Arbeitsplatz.
• Die direkte Demokratie durch ein sogenanntes Recall-System erweitern.
• Föderalismus vor allem auf Gemeinde-/Gemeindekreisebene
stärken.