In der Regel bereitet Post von den Steuerbehörden wenig Freude. Doch Millionen von Amerikanern werden sich in nächster Zeit über einen Brief von der Internal Revenue Service (IRS) freuen. Denn darin steckt ein Scheck über 1400 Dollar. Die «Stimulus Checks» sind Teil des riesigen Hilfsprogramms, mit dem die Demokratische Partei und die Regierung von Joe Biden die Wirtschaft in Schwung bringen wollen.

Wie Manna vom Himmel

Gratisgeld vom Staat: Die Idee erinnert an das biblische Manna – und wirkt fast verschwenderisch: Darf ein Staat einfach Geld an die Bürgerinnen verteilen? In den USA stellt sich die Frage offensichtlich nicht, denn solche Stimulus Checks fliessen nicht zum ersten Mal: 

Letzten April erhielten über 30 Millionen Haushalte bereits 1200 Dollar, im Januar bekamen sie weitere 600 Dollar. Und auch in der etwas weiter entfernten Vergangenheit griffen Präsidenten gerne zum Checkbuch, letztmals in der Finanzkrise 2008 unter Barack Obama.

Geld für das Sparkonto

Aus ökonomischer Sicht sind die Schecks durchaus problematisch: In der Bibel muss das Manna schnell gegessen werden, weil es sonst verdirbt. Und auch das Gratisgeld ist zum raschen Konsum bestimmt – dies zumindest ist der Plan der Politik: Die Amerikaner sollen shoppen, einkaufen, also die Dollars in Umlauf bringen. Und damit der nationalen Wirtschaft nach der Pandemie zu einem Kickstart verhelfen.

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Bei der letzten Verteilrunde mit 600 Dollar zeigten viel Bürgerinnen und Bürger aber keine Lust aufs Geldausgeben – denn auch Gutverdiener mit Jahreseinkommen zwischen 78'000 bis 87'000 Dollar Einkommen bekamen Schecks. Sie gaben gemäss einer Untersuchung dreier bekannter US-Ökonomen in den ersten Monaten nur 45 Dollar davon aus. 

Ein Grossteil der Schecks ging allerdings an Amerikaner, die auch in guten Zeiten nicht sparen können – an die Millionen von «Working Poor» etwa, die trotz eines Vollzeitjobs auf staatliche Unterstützung angewiesen sind. Dieser Teil der Bevölkerung dürfte die Dollars tatsächlich rasch ausgeben.

Die Zürcher Ökonomin Karen Horn hält das Instrument als Nothilfe für unumgänglich. «Weil die USA kein gutes ausgebautes Sozialsystem haben, sind sie in dieser tiefen Krise auf solche ineffizienten Methoden angewiesen, um der ärmeren Bevölkerung in ihrer Not  zu helfen. Arme Amerikaner haben diese Schecks gerade bitter nötig.» 

Der Konsum wird angekurbelt

Zudem: Obwohl ein Teil des Gelds direkt auf Sparkontos fliesst, haben die Schecks durchaus einen konjunkturellen Effekt. Das zeigte sich in den Zahlen zu den US-Konsumausgaben vom Februar: Sie erhöhten sich um 2,4 Prozent, und dies vor allem, weil im Januar die Schecks über 600 Dollar verschickt worden waren. 

Die Scheine haben aus Sicht der Politik einen weiteren Vorteil: Sie sind in der Bevölkerung beliebt. Und die Demokraten dürfen dank des Gratisgelds auf etwas mehr Unterstützung für ihr gigantisches Staatsprogramm hoffen.

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Denn der «American Rescue Plan» ist höchst umstritten: Die Republikaner im Senat lehnten das Paket geschlossen ab. Es erhält einen Strauss von Massnahmen, welche die Staatskasse mit total 1,9 Billionen Dollar belasten. Die Checks machen mit Kosten von etwa 400 Milliarden Dollar nur einen ziemlich kleinen Teil davon aus.

Helikoptergeld in der Schweiz

Die Schweiz hat anders als die USA ein gut ausgebautes Sozialsystem und ist nicht auf solche US-Methoden angewiesen. Doch auch hierzulande möchten politische Kreise Gratisgeld an die Bevölkerung verteilen: Seit Oktober sammelt eine Gruppe um den St. Galler Mitte-Politiker Luca Volar Unterschriften für eine eidgenössische Volksinitiative.

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Durch die «Helikoptergeld-Initiative» würden alle Schweizerinnen und Schweizer 7'500 Franken erhalten. Der wesentliche Unterschied zu den «Stimulus Checks» liegt in der Finanzierung: Während die USA mit ihrer Verteilaktion zusätzliche Staatsschulden schaffen, wollen die Schweizer Initianten das Geld über die Schweizerische Nationalbank schöpfen – sie soll zusätzliches Geld drucken. 

Falls das Vorhaben zustande käme, würde das Helikoptergeld wie Manna vom Himmel rieseln. Die Idee tönt fast zu schön, um wahr zu sein. Und tatsächlich ist Helikoptergeld in den Wirtschaftswissenschaften sehr umstritten.

Das Versprechen: Mehr Inflation

In der Ökonomie gilt das Konzept vor allem als Weg, um die Inflation zu steigern. Und auch die Schweizer Unterschriftensammler locken mit dem Versprechen, dass das Helikoptergeld den Franken schwächt. Dadurch sollen Exporte und Investitionen steigen.

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Aktuell sorgt sich die Schweizerische Nationalbank allerdings nicht um eine zu tiefe Inflation, der Franken ist gegenüber dem Euro so schwach nicht lange mehr. In dieser Situation dürfte es die Helikopter-Initiative schwer haben, abzuheben.

Bidens Billionenpaket wird auch in Europa spürbar

Das 1,9-Billionen-Konjunkturprogramm der US-Regierung wird auch die Wirtschaft in Europa beleben. Eine Berechnung liegt der deutschen Wochenzeitung «Die Zeit» vor. Danach erwartet das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung in Düsseldorf, dass sich das Wirtschaftswachstum in Deutschland durch die Mehrausgaben der USA in diesem Jahr um 0,3 Prozentpunkte und im kommenden Jahr um 0,1 Prozentpunkte erhöhen wird.

«Das Paket dürfte der amerikanischen Wirtschaft einen deutlichen Wachstumsschub verpassen, der auch positiv nach Europa ausstrahlt», sagt IMK-Direktor Sebastian Dullien.

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt die Bundesbank. Deren Chefvolkswirt Jens Ulbrich äusserte gegenüber der «Zeit» ebenfalls die Erwartung, dass das deutsche Wachstum dank den Dollars aus Washington 2021 um 0,3 Prozentpunkte zulegen wird.

Das höhere Wachstum in den USA hilft vor allem dem Amerikageschäft europäischer Firmen. «Davon wird der deutsche Aussenhandel in der gesamten Breite profitieren», sagt Anton Börner, Präsident des Bundesverbands Grosshandel, Aussenhandel und Dienstleistungen. «Als wichtige Zulieferer werden deutsche Unternehmen indirekt von dem Corona-Hilfspaket profitieren», sagt auch Ulrich Ackermann, der beim Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau für die Beobachtung der Exporte zuständig ist.

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