Fährt man von der Ortschaft Gaiole, die zusammen mit den Gemeinden Castellina und Radda zum historischen Kerngebiet des Chianti Classico zählt, Richtung Siena, wird man bald auf der linken Seite eine mit ausgedehnten Rebbergen und Olivenhainen bedeckte Hügelkuppe erblicken, auf der zuoberst ein imposantes Schloss thront: Das Castello di Meleto. Von der Mitte des 13. Jahrhunderts an war das Schloss im Besitz von verschiedenen Zweigen der Familie Ricasoli Firidolfi.

Die Qualitätsoffensive verpasst

Mit dem Verkauf des Castello di Meleto samt den dazu gehörenden 1200 ha Grundbesitz (wovon rund 200 ha Rebberge waren) und zahlreichen Wirtschafts- und Wohngebäuden an die Aktiengesellschaft Viticola Toscana ging 1968 die 700-jährige Ära zu Ende. Als Mitglied eines Verbandes von Kellereigenossenschaften wurden die Chianti-Weine grösstenteils offen an Weinhändler oder in grossen Korbflaschen verkauft. Doch die Leitung des Unternehmens verschlief die Qualitätsrevolution, die in den 1980er Jahren den Weinbau in der Toskana radikal umkrempelte.
Die einst respektablen Meleto-Weine wären endgültig in Vergessenheit geraten, wenn sich nicht die Schwyzer Weinhandelsfamilie Schuler in zwei Schritten am Unternehmen beteiligt hätte. Mit der Übernahme der Aktienmehrheit Mitte der 1990er Jahre gelang es, das altehrwürdige Castello wieder auf Kurs zu bringen.
Unter der Führung des Agronomen Roberto Garcea und von Verkaufsleiter Gianfranco Campione wurden beträchtliche Investitionen getätigt. Ehemalige Wirtschaftsgebäude und Mitarbeiterwohnungen wurden in Ferienappartements umgebaut.

90 Hektaren frisch bestockt

Doch das Hauptaugenmerk der neuen Leitung galt und gilt weiterhin dem Weinbau. Von den heute bewirtschafteten 180 ha Rebland bestockte man bisher mehr als die Hälfte neu. Alte, qualitativ minderwertige Sangiovese-Varietäten wurden durch ertragsärmere und weniger krankheitsanfällige Klone sowie teilweise durch andere Rebsorten wie Merlot (40 ha) und Cabernet Sauvignon (8 ha) sowie Syrah ersetzt. Zudem erhöhte man die Stockdichte von zuvor 2000 bis 3000 Rebpflanzen pro Hektar auf 4000 bis 5000. Dies bringt nicht nur eine Qualitätssteigerung, da dadurch der Behang pro Stock reduziert werden kann, sondern auch Kosteneinsparungen bei der Bewirtschaftung, wie der junge, ambitionierte Kellermeister Frederico Cerelli erläutert.
Die Weine des Schlossgutes Meleto präsentieren sich mit solidem Rückgrat, aber zugleich elegant und saftig. Es seien vor allem zwei äussere Einflussfaktoren, die den Charakter der Meleto-Weine stark mitprägen, meint Cerelli: «Zum einen sind dies die mageren, steinigen Böden, die je nach Gebiet kalk- oder tonhaltiger sind, und zum anderen die mit Höhenlagen zwischen 360 und 400 m über Meer relativ hoch gelegenen Rebberge, die unseren Weinen ihre typische Frische verleihen.» Tatsächlich zeichnet sich jeder der Meleto-Weine durch eine fruchtbetonte Frische aus, der saftige Chianti Classico ebenso wie der vollmundige Chianti Classico Riserva und die beiden eher modern vinifizierten Neukreationen Fiore und Rainero. Besteht der Fiore aus drei Teilen Sangiovese und einem Teil Merlot, so setzt sich der Rainero zu je einem Drittel aus Sangiovese, Merlot und Cabernet Sauvignon zusammen.

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Qualität statt Massenware

Beide Kreszenzen verraten die stilistische Handschrift von Stefano Chioccioli, einem in Italien renommierten «flying winemaker». Zunächst wirkte Chioccioli als externer Berater, 2001 übernahm er die önologische Gesamtleitung.
Auch wenn die Weine von Castello di Meleto Ausdruck einer tiefgreifenden Neuorientierung und eines neu erwachten Qualitätsbewusstseins sind, so hat man sich gleichwohl nicht dazu hinreissen lassen, trendige, holzbetonte «Muskelweine» zu produzieren. Zwar beträgt bei den beiden Chianti-Classico-Gewächsen der Sangiovese-Anteil auch nur 85% (die übrigen 15% verteilen sich auf Merlot und auf einen kleinen Zusatz der Färbertraube Colorino), doch wolle man damit, wie Frederico Cerelli betont, die Weine nicht an den internationalen Massengeschmack angleichen, sondern sie lediglich harmonisch abrunden.
Neben den verschiedenen Rotweinen darf in der Angebotspalette eine typisch toskanische Weinspezialität nicht fehlen: Der süsse Vin Santo. Mit dem aus angetrockneten Trauben der Sorten Trebbiano und Malvasia del Chianti gekelterten Nektar des Castello di Meleto hat es eine besondere Bewandtnis. Vor zehn Jahren fand man hinter einer Mauer versteckt 55 Fässer mit Vin Santo aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Die Weine waren wegen des Schwundes derart zähflüssig geworden, dass man sie zwar nicht mehr trinken kann, aber als 1%ige Zugabe zu den heutigen Vin-Santo-Abfüllungen verleihen sie diesen nicht nur zusätzliche Komplexität, sondern auch einen Hauch von nobler Grandezza.

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Die Weine: Vom Chianti Classico bis zum Vin Santo

Chianti Classico DOCG 2005
Fruchtbetontes Bouquet mit Noten von Kirschen. Im Gaumen mittelgewichtig, saftiger Auftakt, geschmeidig, präsentes, gut integriertes Tannin, langer Abgang (19.90 Fr.).

Chianti Classico Riserva DOCG 2004
Tiefgründige, würzige Nase mit Aromen von schwarzen Beeren und Kirschen. Voller Körper, vielschichtige Aromatik, saftige Säure, solides, geschmeidiges Tannin, langer, eleganter Nachhall (27.90 Fr.).

Fiore IGT 2003
Ausdrucksvolles Bouquet mit Aromen von reifen schwarzen Beeren und dezenten Röstnoten. Im Gaumen vollmundig, stoffig, facettenreiche Aromatik, angenehme Säure, präsentes, gut integriertes Tannin, langes Finale (35.90 Fr.)

Vin Santo DOC 2004
Intensive, nuancenreiche Nase mit Aromen von getrockneten Früchten und Kräutern sowie würzigen Noten. Kräftiger, expressiver Körper, finessenreich, schöne Süsse-Säure-Balance, sehr langer, saftig-eleganter Abgang (39.50 Fr.).