Herr Babin, wir erleben derzeit eine Krise des Luxusgeschäfts.
Jean-Christophe Babin*: Falsch. Wir erleben eine Art Evolution. Wir sind weit entfernt von einer echten Krise wie zum Beispiel der Finanzkrise 2007 bis 2009. Es hat zwar ein paar geopolitische Ereignisse gegeben, die Sorgen verursachen können. Schaut man aber die Zahlen grosser Luxusunternehmen an, darf man feststellen, dass viele Marken derzeit ein durchaus interessantes Wachstum generieren.

Kaum in der Uhrenbranche.
Die Uhrenindustrie verhält sich in der Tat atypisch, und das hat verschiedene Gründe. Es hat zum Beispiel mit den Durchschnittspreisen zu tun. Abgesehen von der Auto­mobilbranche bewegen wir uns hier im teuersten Luxussegment. Und dann geht es erst noch um ein Produkt, das in den letzten Jahren stark von einer einzigen Klientel abhängig war, von den Chinesen.

In Zahlen?
Für viele Marken betrug der Anteil bis 60 Prozent.

Auch für Sie?
Nein. Bei uns war der Anteil viel kleiner. Das hat uns geholfen. Aber die chinesische Klientel beträgt bei den Luxusmarken 15 bis über 60 Prozent. Sie kauft zwar immer noch im Ausland ein, die Reisedestinationen ändern sich aber rasch. Eine Zeit lang war Tokio angesagt, dann Korea, jetzt ist London hip. Sie können heute an einer angesagten Destination eine Boutique planen, sind aber nicht sicher, ob die Kunden noch da sind, wenn die Boutique steht. Bei den Uhren kommt erschwerend dazu, dass die Einfuhrzölle massiv und die Bussen für Schmuggel saftig sind. Logischerweise muss die Uhrenindustrie stärker leiden.

Also forcieren Sie das Schmuckgeschäft?
Bulgari war schon immer vor allem ein Juwelierunternehmen. Aber auch bei uns sind die Uhren so wichtig, dass wir damit keinesfalls aufhören wollen – es geht da um Hunderte Millionen Franken. Ich glaube ganz fest an die Uhren­industrie, vor allem wie wir sie verstehen, mit viel Italianità, einem klar erkennbaren römischen Einfluss und mit unserer Joaillerie kombiniert. Es geht um Design und Substanz mit hoher Juwelierskunst und feiner Uhrmacherei.

Und Sie senken dafür die Preise wie viele Ihrer Mitbewerber?
Eben nicht. Wir haben festgestellt, dass bei der Uhrmacherei alle Preissegmente gleichermassen leiden. Wir werden sicher nicht auf billigere Produkte einschwenken, das wäre keine gute Lösung.

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Aber nochmals: Sie verstärken die Schmucksparte. Dort gibt es viel mehr Wachstumspotenzial.
Aus diesem Grund hat die Swatch Group ja auch Harry Winston gekauft. Klar, kurzfristig ist es auch bei Bulgari sicher einfacher, im Schmuck und bei den Lederwaren Wachstum zu erzielen. Doch man muss auch sehen, dass es für die Schweizer Uhrmacherei immer verschiedene Phasen gegeben hat. Sie wuchs in den letzten Jahren stetig zwischen 5 und 15 Prozent. Heute sind wir eher bei minus 5 Prozent, aber in drei Jahren sind wir vielleicht wieder bei plus 15. Für eine Luxusmarke ist es meines Erachtens ein starker Trumpf, Uhren im Portfolio zu haben.

Sie führen die Marke Bulgari seit drei Jahren. Was hat sich bei der Marke in dieser Zeit am stärksten verändert?
Vermutlich das klare Bekenntnis zur Priorität von Schmuck und Femininität.

*Jean-Christophe Babin (57) war CEO von TAG Heuer, als er 2013 zum Chef von Bulgari ernannt wurde. Beide Marken gehören zum LVMH-Luxuskonzern. Der gebürtige Franzose mit Schweizer Pass zog zunächst nach Rom, als er die Zügel von Bulgari in die Hand nahm. Inzwischen wohnt er wieder in der Schweiz. Babin ist leidenschaftlicher Autofan, jahrelang fuhr er auch im Winter mit seinem Ferrari 599 zur Arbeit.