Chinas Wirtschaft steht im Fokus: Chinesische Firmen machen mit Grosseinkäufen im Westen Schlagzeilen, gleichzeitig wird die schwächelnde Konjunktur zum Risiko für die Weltwirtschaft. Wie erklären Sie sich diesen vermeintlichen Widerspruch?
Ding Yuan*: Es ist kein Widerspruch. Für chinesische Firmen wird der einheimische Markt weniger attraktiv. Sie müssen deshalb nach Lösungen suchen und Akquisitionen im Ausland bieten sich aus zwei Gründen an. Erstens können Firmen die Risiken reduzieren, wenn sie breiter aufgestellt sind. Und zweitens will man sich mit ausländischen Produkten Vorteile im heimischen Markt verschaffen.

Können Sie das erläutern?
Wer heute in China seine Marge vergrössern will, muss bei den Preisen ansetzen und nicht bei den Produktionskosten. Wer aber den Preis erhöhen will, muss bessere Produkte oder Dienstleistungen anbieten. Das geht am einfachsten, indem man die Marken und Technologien im Ausland einkauft und nach China verpflanzt.

Es besteht also durchaus ein Zusammenhang zwischen schwächelnder Wirtschaft und den Übernahmen.
Natürlich. Die Chinesen haben kein Interesse den chinesischen Markt zu verlassen. Warum sollten wir nach Europa gehen, wo die Länder zwei Prozent und noch weniger wachsen?

ChemChina will für 43 Milliarden Dollar den Agrokonzern Syngenta übernehmen. Welche Überlegungen stecken hinter dem bislang grössten Zukauf einer chinesischen Firma?
Es gibt mehrere Gründe. Ein wichtiger Faktor ist, dass China in den nächsten Jahren das weltgrösste Labor für die Agrarindustrie werden wird. Wegen der schnellen Urbanisierung ist die Ernährungssicherheit und die Produktivität der Landwirtschaft eine entscheidende Frage für unser Land. Das ist das Schöne an diesen Übernahmen: Die chinesischen Unternehmer wollen kein Nullsummenspiel, sondern mit den gekauften Firmen in China wachsen.

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Was bedeutet das für die Firmen?
Für Angestellte ist eine Übernahme aus China gut. Den Aktionären mag es egal sein, aber für die anderen Stakeholder ist es sicher die bessere Nachricht, als eine Übernahme durch Amerikaner. Amerikanische Firmen wollen die Kosten senken und greifen deshalb schnell zu Entlassungen und Restrukturierungen. Die Chinesen dagegen brauchen das Know-how der Mitarbeiter und wollen diese deshalb behalten.

Trotzdem gibt es jeweils Bedenken. Sie haben die politischen Gründe für die geplante Übernahme von Syngenta angetönt. Gibt es eigentlich einen Masterplan hinter der chinesischen Einkaufstour?
Ich glaube nicht daran. Leute, die so etwas sagen, verkennen die Komplexität Chinas. Es gibt zahlreiche unterschiedliche Interessen in unserem Land. Natürlich haben Staat und Partei eine politische Agenda. Und der Staat mischt sich noch immer in die Wirtschaft ein. Aber die jetzige Regierung hat klargemacht, dass sie den Marktkräften künftig mehr Freiheit einräumen will. Das war ein wichtiges Signal.

Eine andere Sorge betrifft das geistige Eigentum. Viele Menschen glauben, dass chinesische Firmen hauptsächlich an Erfindungen und Ideen interessiert sind, um diese zu kopieren.
Gerade deshalb ist es gut, wenn Unternehmen aus China auf legalem Weg in den Besitz von Marken und Patenten kommen. Diese Firmen werden der grösste Schutz vor Produktimitaten. Sobald eine chinesische Firma ein Patent in der Schweiz gekauft hat, wird sie bei der Regierung mit vollem Einsatz auf den Schutz ihres geistigen Eigentums drängen.

Durch die Übernahmen wird sich die Situation verbessern?
Genau. Mike Peng von der Universität in Dallas hat in einer Studie gezeigt, dass es im 19. Jahrhundert den gleichen Streit zwischen England und den USA gegeben hat. Die Amerikaner begannen erst beim Schutz des geistigen Eigentums mitzuhelfen, als sie eigene Patente generierten und selbst etwas zu schützen hatten. Als Nettoimporteur von Patenten existiert dieses Interesse nicht. Ich bin sicher, dass sich die Situation in China in den nächsten zehn Jahren dramatisch verändern wird – auch dank den Übernahmen.

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Schon vor Syngenta haben chinesische Firmen auch in der Schweiz eingekauft. Was interessiert Unternehmen aus China an der Schweiz?
Am wichtigsten ist oft die Marke. Doch es kommt auf die einzelne Firma an. Bei der Swissport-Übernahme durch HNA war es das Know-how und in anderen Fällen die Technologie. Was ich an der Schweiz mag, ist die offene Haltung gegenüber ausländischen Investoren. Nehmen wir zum Beispiel SR Technics. Die Firma gehört dem Staatsfonds von Abu Dhabi, aber sie gibt sich – zu Recht – als schweizerisches Unternehmen.

Und auf der Ebene des Managements? Gibt es grosse Herausforderungen für chinesische Firmen, wenn sie in die Schweiz kommen?
Natürlich. Der Teufel steckt meist im Detail, das heisst bei der konkreten Umsetzung. Vielen chinesischen Firmen fehlt es an Kenntnissen oder Erfahrung im Umgang mit anderen Kulturen. Das merke ich sogar an unserem Institut in Zürich.

Inwiefern?
In der chinesischen Wirtschaft ist alles sehr arbeitsintensiv. Doch in der Schweiz sind die Lohnkosten viel höher. Wenn die chinesische Seite an unserer Schule zwei Vollstellen für eine administrative Arbeit einfordert, wird die Schweizer Seite eher ein Halbtagespensum genehmigen. Und das können die Chinesen dann als Beleidigung empfinden.

Gibt es noch andere Beispiele?
Nehmen wir die Kommunikation. Die Menschen hier sagen gerne schonungslos ihre Meinung. In China dagegen ist es eine Schande zuzugeben, dass man etwas nicht weiss, oder über eine Sache nachdenken muss. Man wird deshalb lieber schweigen. Und die Schweizer werten das dann als Zustimmung. Es sind Kleinigkeiten, die aber zu einem echten Problem werden können – besonders wenn die Leute nicht so gut Englisch sprechen.

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Was sind die Fallstricke für uns Schweizer?
Manchmal versuchen die Schweizer zu sehr, sich den Chinesen anzupassen. Ich sage beiden Seiten immer, dass sie sich verständnisvoll, aber natürlich verhalten sollen. Denn wenn man nur noch darauf achtet, sich wie die anderen zu benehmen, wirkt das ungeschickt und peinlich. Man muss offen miteinander sprechen und dabei sich selber bleiben.

Wie geht es nun weiter? Wird es weitere Übernahmen wie diejenige von Syngenta geben?
Ich gehe von weiteren chinesischen Übernahmen in der Schweiz aus. Denn der Yuan wird weiter abwerten, aber nicht in einem extremen Mass wie der russische Rubel. Das heisst, dass einerseits die Exporte angekurbelt werden, aber andererseits die Kaufkraft der chinesischen Firmen dennoch gross genug bleibt, um vorne an der Übernahmefront mitzuspielen.

Müssen wir uns deshalb Sorgen machen, um die Identität unserer Firmen?
Nein, aber natürlich muss der Dialog weitergehen, auch deshalb sind wir mit unserem MBA-Programm nach Zürich gekommen. Chinesen lernen schnell und sind pragmatisch – wie die Schweizer.

Müssen wir alle Chinesisch lernen?
Sie können es ja mal versuchen.

*Dr. Ding Yuan ist Vizepräsident und Dekan der China Europe International Business School (CEIBS), wo er den Lehrstuhl in Rechnungswesen innehat. Ding berät chinesische und internationale Firmen – unter anderem bei Fusionen und Übernahmen. Die Wirtschaftshochschule CEIBS mit Sitz in Shanghai wurde 1994 als Gemeinschaftsprojekt der Europäischen Kommission und des chinesischen Ministeriums für Aussenhandel gegründet und bietet laut Rankings eines der besten MBA-Programme in Asien an. Die CEIBS hat einen Ableger in Horgen (ZH).

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