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Christophe Keckeis - Ein Flieger mit Bodenhaftung

Mit dem 58-jährigen Romand steht erstmals ein «Flieger» an der Spitze der Schweizer Armee. Als Generalstabschef und künftiger Chef der Armee hält es Keckeis auch wie als Jet-Pilot: Abwarten ist seine

Von Flavian Cajacob
am 15.01.2003

Die Tagwache hat der oberste Schweizer Soldat schon lange hinter sich. Fünf, sechs Stunden wohl; dennoch, von Müdigkeit keine Spur im kantig geschnittenen Gesicht des neuen Generalstabschefs. Zügigen Schrittes marschiert Christophe Keckeis den Flur im Bundeshaus Ost entlang, der Ton, den er zur Begrüssung seiner Gäste anschlägt, ist freundlich, bestimmt, militärisch zackig natürlich.

Keckeis ist Berufsmilitär mit Leib und Seele. Wurden seinem Vorgänger, dem St. Galler Hans-Ulrich Scherrer, mitunter schon fast väterliche Züge nachgesagt, so mögen dieselben Stimmen in Bezug auf den asketisch, jugendlich frisch wirkenden Neuenburger Folgendes festhalten: Christophe Keckeis ist ein Chrampfer, ein Macher, ein Dynamisator.

Ein Urteil, das durch jedes Zusammentreffen mit dem in perfekter Zweisprachigkeit Parlierenden sogleich bestätigt wird. Wischiwaschizeugs ist seine Sache nicht, der neue Generalstabschef sagt, was er denkt, tut dies präzise und in einer Art und Weise, die ein Nachfragen meist erübrigt. Eine Stärke, die auch seinem Chef, Verteidigungsminister Samuel Schmid, aufgefallen ist. Neben seiner menschlichen Integrität sei das Kommunikationstalent primär der Grund gewesen, weshalb man sich bei der Neubesetzung des hohen Postens auf Christophe Keckeis geeinigt habe, erklärte Schmid im Herbst in einem Interview.

Etwas anderes als eine Karriere in Diensten des Vaterlandes wäre für den Mann mit dem Kurzhaarschnitt à l'américaine wahrscheinlich auch gar nie in Frage gekommen, denkt, wer Keckeis in seinem neuen Reich hoch über der Bundesterrasse begegnet. Und ist überrascht ob der Tatsache, dass die Armee für Keckeis ­ anfänglich zumindest ­ nur Mittel zum Zweck gewesen sein soll. Damals, Ende der 60er Jahre, nach bestandener Handelsmatur. «Ich wollte nie etwas anderes als fliegen», erzählt der Sohn eines Professors, «am schnellsten liess sich dieser Traum in der Piloten-RS verwirklichen.» Mit 21 wird Christophe Keckeis Pilot im Überwachungsgeschwader, zwei Jahre später erlangt er das Brevet als Berufsmilitärpilot.

Der Plan, zur Swissair und damit in die Privatwirtschaft zu wechseln, wird angesichts des sich damit abzeichnenden Umzugs in die Deutschschweiz alsbald wieder fallen gelassen. Stattdessen rüstet sich der Aviatikfreak mit einem Politologiestudium und der Generalstabsausbildung für eine Karriere in der Armee. Auf dem anschliessenden Weg an deren Spitze bekleidete der Vater dreier erwachsener Kinder unter anderem die Funktionen Chef Luftkampf, Kommandant des Überwachungsgeschwaders, Kommandant der Fliegerbrigade und Chef des Stabes des Kommandanten Luftwaffe.

Mit offenem Visier

Seit dem Jahr 2000 fungierte er im Range eines Divisionärs als Stellvertreter von Luftwaffenchef Hansruedi Fehrlin, welcher die Ernennung Keckeis' zum Generalstabschef im Übrigen als «äusserst klugen Entscheid» erachtet. Mit dem 58-jährigen Romand stehe ein Mann an der Spitze der Armee, der ein «offenes Visier» habe und klar zukunftsorientiert arbeite, sagte Fehrlin unlängst gegenüber den Medien. Mit weit weniger Symbolik behaftet sieht der Angesprochene selbst seine Beförderung zum Korpskommandanten: «18 Bewerber hat es für diese Aufgabe gegeben, ich wurde ausgewählt, das ist ein guter Zufall.»

Im Büro mit Blick auf die Berner Alpen wird rasch klar, dass der oberste Militär der Schweiz auch bei behördlich verordneter Bodenhaftung gerne in die Luft geht. Zahlreiche Fliegersouvenirs zieren die Wände und zeugen von dieser Verbundenheit mit der ­ militärisch korrekt formuliert ­ «Dritten Dimension». Weit über die Hälfte seines Lebens hat Keckeis, der mit seiner Ehefrau im waadtländischen Dorf Trey lebt, im direkten Kontakt mit der Fliegerei verbracht, gegen 5000 Stunden davon in der Luft, als Pilot eines Kampfjets.

Dies hat nun ein Ende, habe er sich doch über Weihnachten dazu durchgerungen, in Zukunft nicht mehr selber eine Maschine zu steuern. Allerdings, fügt er dem schmunzelnd an, sollten ihm die Aktenberge über den Kopf wachsen, werde er wohl die Ruhe und Freiheit über den Wolken suchen. «Anlässlich eines Truppenbesuches oder noch besser als Passagier in einem Jet, im Sinne einer therapeutischen Massnahme sozusagen.»

In Erinnerung an seine aktive Zeit als Militärpilot bleiben Keckeis nebst schönen Erlebnissen wie Überflügen über Lappland und humanitären Einsätzen auch traurige Momente. «Während meiner Zeit als Jet-Pilot haben 72 Kameraden ihr Leben lassen müssen, das sind im Durchschnitt zwei pro Jahr.» Selber hatte der Neuenburger mit Aargauer Bürgerrecht mehr Glück: Als er 1977 in einer Mirage mitfliegt, kollidiert diese über dem Flugplatz Payerne mit einer anderen Maschine und explodiert. Keckeis rettet sich mit dem Schleudersitz und wird nur leicht verletzt. Ans Aufhören indes hat er nach diesem Zwischenfall nie gedacht. Im Gegenteil, aufzustehen und weiterzumachen, dies habe ihm bei der Verarbeitung des Erlebten am meisten weitergeholfen.

Sowieso: Abwarten und zaudern sind nicht die Taktiken, die ein Pilot anzuschlagen gewillt ist. Weder in der Luft noch am Boden. Und so will Generalstabschef Keckeis auch in seiner neuen Funktion seinem Naturell entsprechend agieren: «Ich bin mich gewohnt, nach vorne zu schauen und Entscheide rasch zu fällen.» Stets werde er seinen Vorgesetzten, den Vorsteher des Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport, ungeschminkt über den Zustand und die Bedürfnisse der Armee ins Bild setzen.

Luftwaffe ist zentral

Für ihn ist denn auch klar, dass der Luftwaffe und ihrer Bestückung in Zukunft weit grössere Aufmerksamkeit geschenkt werden muss als bis anhin. «Kriege werden nicht mehr auf dem Boden entschieden, die Zeit der Panzerschlachten ist endgültig vorbei», so seine Einschätzung des Ernstfall-Szenarios. Die mit seiner Person vollzogene Veränderung an der Spitze des Heeres ­ Keckeis ist der erste «Flieger» auf diesem Posten ­ zeuge jedenfalls davon, dass der Luftraum und seine Verteidigung an Bedeutung im Bewusstsein von Politik und Entscheidungsträgern gewinne. «Man hat gemerkt, dass die Dritte Dimension wohl zur Ersten Dimension wird, sollte etwas passieren.»

Trotz Tatendrang und konkreten Zielen zwingt das sich abzeichnende Referendum gegen die im Herbst vom Parlament gutgeheissene Armeereform den überzeugten Optimisten Keckeis dazu, noch nicht in den direkten Steigflug überzugehen. Er, der bei der Umsetzung des neuen Leitbildes den neu geschaffenen Posten des Armeechefs einnimmt, betont, er respektiere das Volksrecht und sehe gerade im Hinblick auf eine Abstimmung die Möglichkeit, der Bevölkerung die Notwendigkeit einer Reform vor Augen zu führen. «Ich bin mir sicher, dass unsere Argumente für die Armee XXI verständlich sind und letztlich auch einleuchten.»

Ob das Referendum nun zu Stande komme oder nicht ­ bereits heute müssten einzelne Bereiche des von einer allfälligen Abstimmung nicht betroffenen Konzeptes hochgefahren werden, damit die Maschinerie nicht ins Stottern gerate. Das Jahr 2003 sei denn auch ganz klar ein Jahr der Umsetzungen. «Wir müssen von der Diskussion zur Tat schreiten, von der Planung muss in die Realisation übergegangen werden.»

Klar sei aber auch, so Keckeis, dass diverse Punkte noch offen gelassen würden. Dabei denkt er unter anderem an die Kurstableaus für 2004 oder etwaige Nominationen. «Hier vorzugreifen käme in Anbetracht des Referendums wohl einem Affront gleich.» Die Bemerkung, ob angesichts dessen es nicht besser wäre, die Volksabstimmung ­ voraussichtlich am 18. Mai ­ abzuwarten, kontert er ohne zwischengeschaltete Denkpause: «Warten, das ist kein militärischer Auftrag.»

Von Armee Profitieren

Aufträge, die hat Keckeis im Jahr 2003 zur Genüge. Als wichtigste Herausforderungen für ihn und die Armee im operationellen Bereich bezeichnet er unter anderem die Einsätze am WEF in Davos, an den alpinen Skiweltmeisterschaften in St. Moritz und am G-8-Gipfel im französischen Evian, nahe der Schweizer Grenze. Solche und weitere Aufgaben will der neue Generalstabschef mit dem Elan eines Piloten angehen.

Er ist sich aber auch bewusst, dass nicht der gesamte Anteil der dienstleistenden Bevölkerung mit der gleichen Motivation zu Werke geht, steht eine RS oder ein WK ins Haus. Eine flexiblere Handhabe bei der Ausbildung, kürzere und professioneller geführte Schulungseinheiten sowie eine Zertifizierung von Führungsaufgaben sollen die Akzeptanz des Militärdienstes beim Einzelnen, aber auch in Wirtschaftskreisen fördern. «Wer etwa weitermacht, dem sollen in der Privatwirtschaft dadurch keine Nachteile entstehen, ganz im Gegenteil», erklärt Keckeis, «die Erfahrungen, welche er im Dienst im Bereich von Management und Führung macht, die sollen zu seinem und zum Profit des Arbeitgebers sein.»

Vorgesehen sei etwa, die erworbenen Fähigkeiten mit einem Diplom auch auf Papier belegbar zu machen. Es gebe viel zu tun in den nächsten Jahren, stellt der oberste Schweizer Soldat mit einem Blick auf die anstehenden Veränderungen und Neuerungen klar, «müde werden wir aus diesem Prozess herauskommen. Müde, aber als Winner».

Steckbrief

Name: Christophe Keckeis
Geboren: 8. April 1945
Zivilstand: Verheiratet, zwei erwachsene Töchter, ein erwachsener Sohn
Wohnort: Trey VD
Ausbildung: lic. rer. pol.; Berufsmilitärpilot
Funktion: Generalstabschef, designierter Chef der Armee


Schlagworte

Zuversicht: «Ich bin ein überzeugter Optimist und liebe die täglichen Herausforderungen.»

Dritte Dimension: «Der Himmel kennt keine Grenzen. Beim Fliegen lässt man die Probleme am Boden zurück.»

Röstigraben: «Gibt es den wirklich? Ich bin sicher, dass kulturelle und sprachliche Vielfalt einem Land nur gut tun.»

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