Es war der grosse Befreiungsschlag von Clariant. Seit Jahren galt der  Basler Chemiekonzern als Übernahmekandidat, nun geht er selber auf Einkaufstour. Das Ziel: die deutsche Konkurrentin Süd-Chemie für 2,5 Milliarden Franken. Nur Stunden waren seit Abschluss der Vorverträge vergangen, als Konzernchef Hariolf Kottmann tat, was alle Manager in dieser Situation tun: von der Zukunft sprechen. «Süd-Chemie wird unser profitables Wachstum zusätzlich vorantreiben». Der Milliarden-Deal stelle «kein Abenteuer» dar. Einen Blick in die Vergangenheit warf Kottmann nicht.

Vielleicht hätte er das tun sollen. Denn mit der Süd-Chemie übernimmt Clariant auch deren bisher in der Öffentlichkeit unbekannte Erblast aus der Zeit des Nationalsozialismus: Der Chemiekonzern produzierte unter dem Hitler-Regime Kriegsmaterial, setzte Zwangsarbeiter ein und erhielt in der Arisierungsphase einen neuen Besitzer. Das zeigen Dokumente, die der «Handelszeitung» vorliegen. Im Unterschied zu anderen in Deutschland tätigen Chemiefirmen blieb die Vergangenheit bei Süd-Chemie unaufgearbeitet.

Die Ereignisse sind lange her. Doch sie können noch heute Konsequenzen haben. Die französische Staatsbahn SNCF erfährt das gerade in den USA. Dort droht ihr eine Klagewelle wegen ihrer Beteiligung an der Deportation von Juden. Anfang der Woche haben Demokraten und Republikaner einen Gesetzesentwurf in den Kongress eingebracht, der Entschädigungsklagen gegen die Franzosen ermöglichen soll. SNCF bewirbt sich in den USA um lukrative Aufträge für den Bau von Hochgeschwindigkeitsstrecken. SNCF-Präsident Guillaume Pépy ist darum bereits in die USA gereist um sich für die Taten zu entschuldigen.

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Enge Bande zum Flick-Konzern

Bei der Süd-Chemie hat sich noch nie jemand öffentlich zur Rolle des Unternehmens in der Zeit des Dritten Reiches exponiert. Dabei war die Führung der Süd-Chemie eng mit der NSDAP verknüpft. Mindestens drei Verwaltungsräte waren Mitglied der Partei und besetzten wichtige Posten im Machtgefüge von Hitler. Konrad Kaletsch und Alfred Rohde waren Teil des militärisch-industriellen Komplexes und übten hohe Ämter im berüchtigten und für die Kriegsmaschinerie entscheidenden Flick-Konzern aus. Kaletsch war Cousin von Friedrich Flick, Wehrwirtschaftsführer und Bevollmächtigter im Flick-Konzern. Rohde seinerseits agierte in der Geschäftsleitung. Kaletsch und Rohde sassen zusammen mit Friedrich Flick wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit auf der Anklagebank der Nürnberger Prozesse, allerdings ohne verurteilt zu werden.

Adolf Ratjen, ein weiterer Verwaltungsrat der Süd-Chemie, war Mitglied der Nazi-Spionageabwehr und galt in Hitlers Wirtschaftsministerium als Reichstreuhänder. Er war Banker und Besitzer der Berliner Bank Delbrück Schickler & Co. Üblicherweise verwalteten die Reichstreuhänder Vermögen, das die Hitler-Regierung bei Juden und anderen Verfolgten beschlagnahmten.

Schwefelsäure für mehr Sprengstoff

Die Süd-Chemie war während des zweiten Weltkrieges zum Zulieferer für die Kriegsmaterialproduktion avanciert. Laut eigenen Angaben war der Verkauf von Bleicherden die Haupteinnahmequelle für die Firma während des Dritten Reiches. Bleicherden wurden unter anderem gebraucht, um reinen Sprengstoff aus verunreinigtem TNT zu gewinnen. Historiker Michael Braedt belegt, wie die Süd-Chemie das Material zu diesem Zweck an die Firma Tanne in Clausthal-Zellerfeld lieferte. Beim Werk Tanne handelte es sich um Deutschlands fünftgrösste Sprengstofffabrik.

Für die Chemikalienproduktion wurden Zwangsarbeiter eingesetzt. Das zeigen kurz nach Kriegsende erstellte Listen der Besatzungsmächte. Die Listen, unterzeichnet und abgestempelt durch die Süd-Chemie, enthalten Namen, Geburtsort, Geburtsdatum und Nationalität der Zwangsarbeiter. Sie kamen aus Frankreich, Tschechien, Polen und anderen Ländern. Sie wurden teilweise aus dem Stalag Moosburg rekrutiert, wo auch zahlreiche gefangen genommene Amerikaner, Briten und Russen interniert waren. Oder sie stammten aus dem Kriegsgefangenenlager in Bad Aibling.

Auf Nachfrage bestätigte die Süd-Chemie den Sachverhalt erstmals öffentlich. «Die Süd-Chemie AG hat im Dritten Reich Zwangsarbeiter beschäftigt», teilt der Konzern der «Handelszeitung» mit. In den Jahren 2000 und 2001 zahlte das Unternehmen insgesamt 505'000 DM in den Fonds der Wirtschaft zur Entschädigung von Zwangsarbeitern ein.