Der Blick ins Handelsregister zeigt, dass viele Unternehmen die Frauen schon zu Beginn der Karriere verlieren. Die Bank Cler hat insgesamt 40 Prozent Frauen. Bei den Angestellten mit einer Handelsregistervollmacht sind es jedoch nur 14 Prozent. Woran liegt das?
Für Frauen sind die Aufgabe und das Arbeitsumfeld das Wichtigste. Viele überlegen sich unglaublich lange, ob sie die Hierarchieleiter wirklich emporsteigen wollen. Es ist ein Schritt heraus aus dem gewohnten Umfeld ins Ungewisse. Da sind Männer oft mutiger. Wenn Männer von zehn verlangten Qualifikationen sieben erfüllen, bewerben sie sich. Die Frauen machen das meist erst, wenn sie von ihren Kollegen oder ihrem Chef dazu aufgefordert werden.

Wie geben Sie als Chefin den Frauen diesen Anstoss?
Wir haben den Vorteil, dass ich als CEO bereits vorzeige, dass eine Karriere – auch für eine Frau – möglich ist. Ich gebe meinen Kolleginnen mit auf den Weg, dass sie sich ein Ziel setzen und dieses verfolgen müssen. Und dabei dürfen sie auf jeden Fall auch mehr Selbstvertrauen an den Tag legen.

Die Motivation ist das eine. Inwiefern gibt es in den Unternehmen noch strukturelle Hürden?
Wir versuchen, diese Hürden zu beseitigen. Wir haben einen grosszügigen Mutterschaftsurlaub, den man auch verlängern kann. Zudem werden die Stellen freigehalten, damit Frauen an ihren Arbeitsplatz zurückkehren können. Wir bieten auch Führungsaufgaben mit einem Pensum ab 60 Prozent an. Aber gleichzeitig beobachten wir, wie eine Mutterschaft das Leben der Frauen verändert – und da besteht die Gefahr, dass wir diese als Führungskräfte verlieren. Ab diesem Zeitpunkt ist es wichtig, dass wir ihnen unterstützend zur Seite stehen, ohne aber zu stark zu forcieren. Meist dauert es ein Weilchen, bis diese Frauen wieder mit Freude im Job angekommen sind.

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Können Sie so je auf ein zwischen Männern und Frauen ausgeglichene Kader kommen?
Die Welt verändert sich. Es gibt zunehmend auch Männer, die Teilzeit arbeiten. Ich denke, dass wir vor allem über die Motivation bei den Frauen noch viel erreichen können. Bereits in vielen europäischen Staaten schliessen mehr Frauen als Männer eine akademische Ausbildung ab. Damit ist die erste Generation auf dem Arbeitsmarkt angekommen, in der Frauen besser ausgebildet sind als Männer und somit auch bessere Chancen haben.

«Chefs müssen spüren, dass man bereit ist, die Extrameile zu gehen. Denn diese braucht es.»

Wie wichtig ist Symbolik? Wäre es nicht sinnvoll, stärker mit Quoten zu arbeiten? Zum Beispiel im Verwaltungsrat?
Quoten wurden in vielen europäischen Ländern durchgesetzt, werden aber auch regelmässig kontrovers diskutiert. Ich bin nicht für Quoten, denn ich will keine Quotenfrau sein. Aber es ist wichtig, dass man sich Ziele setzt.

Wann kam bei Ihnen persönlich der Moment, in dem Sie merkten, dass ihre Karriere abhebt?
Diesen Moment hatte ich nie. Als ich zu Beginn meiner Karriere bei der Credit Suisse die Geschäftsstelle Kloten übernahm, war das mein Ding. Das war meine Bank! Und dann ging es weiter. Ich habe ja eher eine traditionelle Karriere durchlaufen und habe in knapp vierzig Jahren nur einmal das Unternehmen gewechselt. Das Umfeld hat gestimmt, und offenbar auch die Leistung. Chefs müssen spüren, dass man bereit ist, die Extrameile zu gehen. Denn diese braucht es.

In vielen Firmen ist Digitalisierung ein grosses Thema. Ist das für Frauen ein Karriere-Killer? Gerade in den technischen Bereichen arbeiten meist überdurchschnittlich viele Männer.
Wenn es in diesem Gebiet um strategische Fragen geht, ist das sicher nicht so. Da haben wir Männer und Frauen. In den technischen Bereichen arbeiten aber auch bei uns noch vorwiegend Männer. Unser neuer Chief Digital Officer ist allerdings eine Frau. Deshalb mache ich mir da keine Sorgen, wir finden die entsprechenden Mitarbeitenden  – seien es nun Frauen oder auch Männer.

So wurden die Daten erhoben

Alle Daten stammen aus den amtlichen Handelsregisterauszügen der jeweiligen Kantone und wurden zwischen Januar und Februar 2019 erfasst. Als Personen gelten alle im Handelsregister erfassten natürlichen Personen, ungeachtet ihrer Funktion. Es können sowohl Verwaltungsräte, Direktionsmitglieder als auch einfache Angestellte mit einer Handelsregistervollmacht sein.

Die Herkunft wurde aufgrund des deklarierten Bürgerorts/Herkunftslandes bestimmt. Doppelbürgern steht es frei, mit welcher Staatsangehörigkeit sie sich registrieren lassen wollen.

Das Geschlecht wurde aufgrund der Vornamen einer Person, sowie weiterer geschlechtsspezifischer Einträge automatisch bestimmt. Unklare Fälle wurden zudem noch einer manuellen Kontrolle unterzogen. Dennoch bleiben Fälle übrig, bei denen aufgrund des Eintrags keine eindeutige Zuordnung möglich ist. (hec)