Die Massnahmen zur Bekämpfung der Pandemie werden meist als Dilemma dargestellt zwischen dem einen Ziel, möglichst viele Menschen­leben zu retten, und dem anderen Ziel, den wirtschaftlichen Schaden so gering wie möglich zu halten. Doch das ist verkürzt. Denn der weltweite Shutdown schadet nicht nur der Wirtschaft – er wird auch ­Konsequenzen für die Gesundheit vieler anderer Patientinnen und Patienten haben.

Hier ist eine der gesundheitlichen ­Folgen: Die Pandemie und die damit verbundenen Beschränkungen drohen die weltweite Medikamentenentwicklung für ­andere Krankheiten wie Krebs, Alzheimer oder Diabetes aus der Bahn zu werfen. Klinische Studien, bei denen neue Wirkstoffe an Patientinnen und Patienten getestet werden und die Voraussetzung für die Zulassung durch die Behörden sind, können nicht anlaufen; sei es, weil die Patienten nicht zu den Kontrolluntersuchungen ins Spital gehen können oder wollen oder weil die Ärztinnen und Pfleger in den Spitälern wegen der Covid-19-Patienten so stark beansprucht sind, dass sie keine klinischen Studien mehr betreuen können. Die Folge: Der medizinische Fortschritt droht ins ­Stocken zu geraten, neue Medikamente können nicht wie geplant auf den Markt gebracht werden.

Es geht um Leben und Tod

«Die Risiken sind enorm, hier geht es um neue Medikamente und damit auch um wartende Patientinnen und Patienten», sagt Christian Hebenstreit, Senior Vice President & General Manager EMEA bei Medidata, einem führenden Softwareunternehmen für klinische Studien. «Auf unserer Plattform laufen zurzeit 6000 Studien und es gibt keine, die von der Pandemie nicht beeinträchtigt ist.»

Damit ist die Gefahr gross, dass der Motor der weltweiten Medikamentenentwicklung ins Stottern gerät. Besonders exponiert sind kleine Biotech-Unternehmen, die weniger Spielraum haben. So musste etwa die Genfer Biotech-Firma Adexx Therapeutics schon Mitte März eine Studie für ein mögliches Parkinson-Medikament stoppen.

Anzeige

Doch auch die grossen Unternehmen bleiben nicht verschont. Prominentestes Opfer ist hier bis jetzt Eli Lilly. Das Unternehmen aus Louisiana gab vergangene Woche bekannt, es werde den Start der meisten neuen Studien hinausschieben und die Rekrutierung neuer Patientinnen und Patienten stoppen; bereits ausgerollte klinische Studien würden weitergeführt.

Und auch bei den beiden Basler Konzernen, die jeweils Zehntausende Patienten und Patientinnen in klinischen Studien haben, ist das Thema angekommen. Roche schreibt: «Wir sehen einige Auswirkungen auf die Kontinuität in allen Regionen, in ­denen wir klinische Studien durchführen.» Bei Novartis heisst es: «Die Pandemie stellt eine grosse Herausforderung dar.» Und: «Da wir eine grosse Anzahl von Studien durchführen, können wir die Studienaktivitäten im gesamten Portfolio verlangsamen, pausieren oder beschleunigen, um das Ri­siko von Störungen zu minimieren.»

Von hundert auf fast null in UK

Die Pandemie gefährdet vor allem den Rollout neuer Studien. Das zeigen auch die Untersuchungen von Medidata. Demnach sank die Zahl der Patientinnen und Patienten, die im März neu in eine klinische Studie aufgenommen wurden, weltweit um 65 Prozent, im April gar um 75 Prozent. Einen traurigen Rekord verzeichnet Grossbritannien, wo im April fünfzigmal weniger Pa­tienten neu in klinische Studien aufgenommen wurden als im Vorjahr. Das Beispiel zeigt, dass eine unzureichende Ausstattung der öffentlichen Gesundheitsdienste nicht nur dramatische Konsequenzen für die ­Covid-19-Patienten hat, sondern auch für andere Patienten, die sich an Tests mit ­einem neuen Wirkstoff beteiligen.

Der lange Weg bis zu einer neuen Therapie

Studien: Bei den klinischen Studien geht es darum, vielversprechende Wirkstoffe an Patienten auf deren Sicherheit und Wirksamkeit zu testen. Das geschieht in der Regel in drei Phasen, wobei immer mehr Patienten einbezogen werden.

Goldstandard für die Zulassung ist die randomisierte Doppelblindstudie. Dabei wird einem Teil der Patienten der Wirkstoff verabreicht, während andere ein Placebo bekommen, Dabei wissen weder der Patient, noch die behandelnde Ärztin, was verabreicht wird.

Aber auch Indien (minus 96 Prozent im April), die USA – wo die Hälfte aller kli­nischen Studien durchgeführt werden – und Frankreich (minus 80 Prozent im April) verzeichnen dramatische Rückgänge. Während sich das stark von Covid-19 gebeutelte Italien mit einem Minus von 53 Prozent im März und einem Minus von 37 Prozent im April erstaunlich gut hielt.

Doch nicht nur bei den Ländern, auch bei den Therapiegebieten gibt es Unterschiede. Am stärksten ist der Rückgang bei den Herz-Kreislauf-Erkrankungen und in der Dermatologie (minus 95 Prozent und ­minus 90 Prozent im April). Vergleichsweise gut kommt die Onkologie davon mit einer Halbierung der Zahl.

Der Kern des Geschäftsmodells

«Die Unternehmen setzen alles daran, dass die Studien erfolgreich verlaufen», sagt Christian Hebenstreit von Medidata. Mit gutem Grund: Eine grosse klinische Studie kostet gut und gerne ein paar hundert Millionen Dollar; die Pandemie tangiert den Kern des Geschäftsmodells der Industrie, das darin besteht, 2 bis 3 Mil­liarden Dollar in die Entwicklung eines neuen Medikaments zu investieren und diese Investition dann über einen Zeitraum von rund zwanzig Jahren wieder einzuspielen. Die Pandemie droht damit ausgerechnet derjenigen Industrie einen Strich durch die Rechnung zu machen, auf der gegenwärtig so viele Hoffnungen ruhen.

Möglichkeiten, den Schaden zu begrenzen, gibt es. «Man kann den Studienort wechseln oder versuchen, die Studie online durchzuführen», sagt Christian Heben­streit. Ins gleiche Horn stösst auch die ­Zulassungsbehörde FDA: Sie forderte die Firmen auf, nach alternativen Kontaktmöglichkeiten wie Telefon oder virtuellen Visiten zu suchen. Die Krise dürfte sich deshalb auch in der Pharmaindustrie als Katalysator für einen Technologieschub erweisen.