Beim deutschen Biotech-Unternehmen Curevac ist dieser Tage einiges los. Das gut 400 Mitarbeitende zählende Unternehmen aus Tübingen hat ein neues Verfahren zur Herstellung von Impfstoffen gegen Viren in der Pipeline, das womöglich auch beim Coronavirus greift. «Die Informationen zur DNS sind auf dem Weg zu uns. Wir stehen in Kontakt mit den regulatorischen Behörden und hoffen, dass wir schon bald ­einen Impfstoff am Menschen testen können», sagt Franz Haas, operativer Vorstand bei Curevac.

Die Suche nach einem Impfstoff gegen das Coronavirus läuft auf Hochtouren. Zahlreiche Wissenschafter und Unternehmen rund um die Welt sind damit beschäftigt, einen Wirkstoff gegen das Virus zu finden, das die Millionenstadt Wuhan und andere chinesische Metropolen seit Tagen im Griff hat.

Selbst im besten Fall Impfstoff erst nach Monaten

Das Problem dabei: Selbst im besten Fall dürfte es Monate dauern, bis die Wissenschaft einen Weg gefunden hat, um dem Virus beizukommen, und bis die Kapazitäten vorhanden sind, die es braucht, um Hunderttausende, wenn nicht Millionen Menschen zu impfen.

Dabei waren die Voraussetzungen für die Impfstoffsuche noch nie so komfortabel: Anders als bei früheren Virusausbrüchen wie Sars (2003, für Severe Acute Respiratory Syndrome) oder Mers (2012, für Middle-East Respiratory Syndrome) wussten die Wissenschafter beim Coronoavirus schon nach wenigen Tagen, womit sie es zu tun hatten.

Dazu kommen neue Technologien, welche die Suche nach einem Impfstoff begünstigen könnten. Und dann dürfte auch die bessere internationale Zusammenarbeit dafür sorgen, dass Impfstoffe diesmal, nicht wie bei früheren Virenausbrüchen, eine bedeutende Rolle bei der Bekämpfung spielen werden.

Virus in Rekordtempo entdeckt

Das Tempo, mit der die Anstrengungen diesmal hochgefahren wurden, ist beachtlich. Am 10. Januar, einem Freitag, machten chinesische Wissenschafter erstmals eine Gensequenz das Virus öffentlich. Am Dienstag darauf hatte das National Institute of Allergy and Infec­tious Diseases in Bethesda, Maryland, bereits eine erste Zusammenarbeit mit einem Impfstoffhersteller abgeschlossen.

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Die Tatsache, dass das Virus so schnell entdeckt worden sei und die genetische Information so schnell vorgelegen habe, sei ausgezeichnet, sagt Manuel Battegay, Chefarzt Infektiologie & Spitalhygiene am Unispital Basel. Zum Vergleich: Bei Sars hatte es ganze sechs Monate gedauert, bei HIV Jahre, bis das jeweilige Virus dekodiert war.

Schweiz bleibt aussen vor

Verkauft: Die beiden Schweizer Pharmakonzerne Roche und Novartis sind die grossen Abwesenden bei der Suche nach einem Impfstoff gegen das Coronavirus. Novartis hat sein Impfgeschäft – das zwischen 2012 und 2014 vom heutigen CEO Vas Narasimhan geleitet wurde – 2015 an die britische GSK verkauft. Seither ist GSK die Nummer eins im Impfgeschäft.

Diagnostik: Roche spielt eine führende Rolle bei der Diagnostik des Virus. Das Unternehmen vertreibt einen Test des Berliner Biotech-Unternehmens Tib Molbiol, der auf einem Gerät von Roche läuft. Die Umsätze, die Roche damit mache, seien nicht bedeutend, sagte Konzernchef Severin Schwan an der Bilanzpressekonferenz. Die Tests würden in China teilweise gratis abgegeben.

Die Zusammenarbeit funktioniert

Auch die internationale Zusammenarbeit greift besser. Die Coalition for Epidemic Preparedness Innovations (Cepi), die 2017 am Weltwirtschaftsforum in Davos unter dem Eindruck der Ebola-­Katastrophe ins Leben gerufen wurde, reagierte prompt: Die in Oslo domiliziete Organisation, die von Regierungen und der Bill & Melinda Gates Foundation unterstützt wird, stellte in den vergangenen Wochen mehrere Millionen Dollar zur Verfügung, um die Suche nach einem Imfpstoff zu unterstützen.

So initiierte die Organisation bereits Ende Januar drei Partnerschaften mit Unternehmen und Universitäten; darunter eine mit dem US-Unternehmen Inovio, mit der die Cepi bereits 2018 eine Partnerschaft zur Entwicklung eines Mers-Impfstoffs. Ebenfalls mit im Boot: die britische GSK, grösster Impfstoffhersteller weltweit.

Auch Curevax kann auf die Unterstützung der Cepi zählen: Das Unternehmen bekommt 8,3 Millionen Dollar und wird das Geld dazu verwenden, um einen Impfstoff auf Basis der Technologie zu entwickeln, die es bereits bei einem Impfstoff gegen Tollwut erfolgreich getestet hat. Es geht um ein Verfahren, das auf RNA (Ribonukleinsäure) basiert.

Die RNA dekodiert die Erbinformation in der DNS, damit die Zellen die für den Körper notwendigen Stoffe produzieren. «Wir arbeiten nicht mit dem Virus direkt, sondern mit seiner Bauanleitung», sagt Vorstand Frank-Werner Haas.

Die Suche nach einem Impfstoff geht so schnell voran wie noch nie zuvor. Um den aktuellen Ausbruch in China zu bekämpfen, dürfte es trotzdem nicht reichen. Dafür vielleicht für eine zweite ­Coronavirus-Welle im nächsten Winter.