Normalerweise sind sie bittere Konkurrenten, nun bündeln sie im Kampf gegen Covid-19 ihre Kräfte. 15 Pharmaunternehmen mit einem kumulierten Umsatz von gegen 400 Milliarden Dollar – darunter sechs der zehn umsatzstärksten Konzerne überhaupt – haben sich einer Initiative der Bill & Melinda Gates Foundation, des Wellcome Trusts und des Mastercard Impact Fund angeschlossen.

Ziel ist es, das Potential der grossen Wirkstoffbibliotheken zu heben und für Covid-19-Patienten nutzbar zu machen. Zudem sollen die bereits kommerzialisierten antiviralen und anderen Medikamente darauf gescreent werden, ob sie beim neuen Coronavirus Sars-CoV-2 eine Wirkung zeigen.

Das Screening der Substanzen beginne in den nächsten Tagen, sagt Patrice Matchaba, Chef Global Health & Corporate Responsibility von Novartis. «Wir hoffen, so in den nächsten zwei bis drei Wochen die ersten drei bis vier gegen Covid-19 aktiven Wirkstoffe finden zu können.» Diese würden dann innerhalb von zwei Monaten an Patienten getestet, sagt der Novartis-Manager.

Von Impfung zu Therapie

Damit rückt die medikamentöse Bekämpfung der Pandemie stärker in den Fokus. Dies, nachdem in den vergangenen Wochen viel in die Impfstoff-Forschung investiert worden war – von der Industrie, von Regierungen, von gemeinnützigen Organisationen wie der Gates Foundation oder der Coalition for Epidemic Prepardness Cepi

«Wenn wir nichts Ungewöhnliches tun, werden wir diese Pandemie nicht erfolgreich bekämpfen können».

Patrice Matchaba, Chef Global Health & Corporate Responsibility von Novartis
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Der Fokus auf die bereits kommerzialisierten Therapien hat gute Gründe. Ein Impfstoff ist trotz rekordverdächtig schneller Fortschritte noch immer in weiter Ferne. Im besten Fall wird es ein paar Monate dauern, bis ein sicheres und wirksames Vakzim gegen Covid-19 vorliegen wird; wahrscheinlicher ist, dass es erst in ein- bis anderthalb Jahren so weit sein wird. 

Es braucht neue Modelle 

«Diese Situation ist noch nie dagewesen», sagt Patrice Matchaba. Deshalb brauche es neue Modelle. «Wenn wir nichts Ungewöhnliches tun, werden wir diese Pandemie nicht erfolgreich bekämpfen können», sagt der Amerikaner, der selbst ausgebildeter Arzt ist und während seiner langen Karriere bei Novartis unter anderem für den Bereich Infektionskrankheiten zuständig war.

Danach wird es darum gehen, die entsprechenden Studien aufzusetzen und den geeigneten regulatorischen Weg zu finden. Eine Studie für Covid-19-Patienten mit einem schweren Atemnot-Syndrom, dem gefürchteten Acute Respiratroy Distress Syndrome ARDS, braucht ein anderes Studien-Setting als eine, bei der ein antivirales Medikament getestet wird.

Schauen, dass die Produktionskapazitäten rechtzeitig vorliegen

Zudem werden bereits jetzt Vorbereitungen getroffen, um die Produktionskapazitäten gemeinsam bereit zu stellen. Zum einen, um keine Zeit zu verlieren, sollte sich einer der Wirkstoffe als sicher und wirksam erweisen. Zum anderen, um zu garantieren, dass auch die anderen Patienten weiter versorgt werden – also die Menschen, die unter der Krankheit leiden, für welche das Medikament zuvor eingesetzt wurde.

  • Hören Sie eine Analyse zum Thema im Podcast «HZ Insights»: «Corona: Wann kommt der Impfstoff?»

Die Frage, wie die Produktion eine allfälligen Covid-19-Medikaments möglichst schnell hochgefahren werden könnte, ist alles andere als banal. Die weltweite Pharmaproduktion ist heute sehr eng getaktet, freie Kapazitäten sind rar. Zudem wäre bei einer Zulassung mit einem gewaltigen Bedarf zu rechnen. Es könnte zu Verteilkämpfen zwischen den Regierungen kommen, wie das zurzeit bei Medizinalgütern wie Masken und Schutzmaterial, aber auch bei Atemgeräten der Fall ist.

Dass diese Befürchtungen nicht aus der Luft gegriffen sind, zeigte sich vergangene Woche, als Donald Trump Chloroquin als «möglicherweise bahnbrechende» Therapie gegen Covid-19 anpries –ein altes Malaria-Medikament. Die Aussage lässt sich wissenschaftlich nicht belegen; doch sie führte dazu, dass sich vor allem in den USA massenhaft Gesunde das Medikament prophylaktisch von ihrem Arzt verschreiben liessen; mit dem Effekt, dass es nicht mehr erhältlich war für Patienten, die darauf angewiesen sind – etwa an rheumatoider Arthritis Erkrankte.

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Es drohen Verteilkämpfe

Und auch diese Episode gibt einen Vorgeschmack auf die Verwerfungen, die bei der Zulassung eines Covid-19-Medikaments drohen: Die britische Regierung belegte bereits am 26. Februar vier Medikamente mit Export-Beschränkungen, die als mögliche Covid-19-Therapien gehandelt werden: Das von Donald Trump angepriesene Chloroquin, ein mit Chinin verwandter Wirkstoff, der zur Prophylaxe und Behandlung von Malaria eingesetzt wird, das Immun-Suppressivum Azathioprin und Kaletra oder Lopinavir/Ritonav, eine HIV-Kombinationstherapie, und Hydroxychloroquin, ein Medikament, das gegen Infektionen und antirheumatisch wirkt und gegen rheumatoide Arthritis zugelassen ist.

«Unser Ziel ist es, ein allfälliges Covid-19-Medikament möglichst schnell weltweit allen zur Verfügung zu stellen, die es brauchen», sagt Patrice Matchaba.

Novartis-Präsident Jay Bradner

Wissenschaftliches Zentrum: Jay Bradner, Forschungschef von Novartis.

Quelle: Christopher Cardoza

Die Fäden dieses noch nie dagewesenen Pharma-Projekts laufen bei Novartis zusammen. Konzernchef Vas Narsimhan ist Co-Präsident des Konsortiums, wissenschaftlich konzentrieren sich die Anstrengungen bei Novartis-Forschungschef Jay Bradner. Präsidiert wird die Initiative von Bill Gates.

Jay Bradner, seit 2016 Chef einer der grössten kommerziellen Forschungsorganisationen mit 6'000 Mitarbeitern und einem Jahresbudget von 2,6 Milliarden Dollar, kommt aus der universitären Wissenschaft. Vor seinem Wechsel zu Novartis 2016 war er Chef des Dana-Farber Cancer Institute. Zudem ist er ein expliziter Verfechter eines möglichst offenen Wissenschaftsbetriebs.

Die Teilnehmer des Konsortiums verpflichten sich zu Transparenz

Die Teilnehmer des Konsortiums verpflichten sich zu umfassender Transparenz. «Jeder soll in Echtzeit verfolgen können, welche Fortschritte wir machen», sagt Patrice Matchaba.  

Dann gilt es, die rechtlichen Fragen zu regeln. Das Recht aufs geistige Eigentum muss gewahrt werden. Die Konstellation mit der Bill & Melinda Gates Foundation als Aufseherin über das Konsortium dürfte dafür sorgen, dass der Zusammenschluss nicht zu kartellrechtlichen Problemen führt.

«Das Echo, dass wir von den Behörden bekommen, stimmt uns zuversichtlich», sagt Patrice Matchaba.

«Wir müssen jetzt Leben retten und gleichzeitig die Instrumente verbessern, um künftige Ausbrüche besser bekämpfen zu können».

Bill Gates
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Das Konsortium geht zurück auf eine Initiative der Bill & Melinda Gates Foundation und des Wellcome Trusts sowie des Master Card Impact Fund. Die im schon früh von Covid-19 betroffenen Seattle domizilierte Stiftung des Microsoft-Gründers und der britische Wellcome Trust steuern je 50 Millionen Dollar bei, von Master Card kommen 25 Millionen.

Über die Covid-19-Krise hinaus

Zu den Schwergewichten des Konsortiums gehören nebst Novartis die US-Konzerne Johnson & Johnson, Pfizer, Merck/MSD und Bristol Myers Squibb. Aus Deutschland ist der Familienkonzern Boehringer Ingelheim dabei, aus Frankreich Sanofi und aus Grossbritannien GSK.

Dabei geht die Ambition der Pharma-Konsortiums über die aktuelle Covid-19-Krise hinaus. Ziel soll sein, mit Blick auf weitere Pandemien eine vergleichbare Schlagkraft bei der Suche nach Medikamenten zu entwickeln wie es die Cepi bei den Impfstoffen bereits hat. Die in Oslo domizilierte Organisation hat sich in der aktuellen Krise als sehr effektiv erwiesen, um die Impfstofforschung zu beschleunigen. Die von der Gates Foundation und mehreren Regierungen unterstützte Organisation hat seit Januar Dutzende an Millionen an Unternehmen mit vielversprechenden Impfstoffkandidaten und an Wissenschafter ausgeschüttet.

Bei den Medikamenten hat es diesmal noch etwas länger gedauert, bis die Hebel in Bewegung gesetzt wurden. Doch das nächste Mal will man vorbereitet sein.

Denn: «Wir werden uns darauf einstellen müssen, dass Covid-19 nicht die einzige Pandemie werden wird», sagt Patrice Matchaba.

Und Bill Gates, der Initiator des Pharma-Konsortiums, schrieb Ende Februar in einem Artikel im «New England Journal of Medicine»: «Wir müssen jetzt Leben retten und gleichzeitig die Instrumente verbessern, um künftige Ausbrüche besser bekämpfen zu können». Zudem sagte der Tech-Pionier und Philanthrop schon 2015 in einem Ted: «Wenn etwas in der Lage ist, in den nächsten Jahrzehnten zehn Millionen Menschen zu töten, dann ist es ein hoch ansteckender Virus, kein Krieg».

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