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Gentechnologie
Crispr-Pioniere: China holt in der Forschung auf

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Forscher der Shanghai Tech University ist es gelungen, eine Genmutation an einer embryonalen Keimzelle zu korrigieren.Quelle: Keystone .

Die Eliminierung von Erbkrankheiten rückt näher. Es zeigt sich, wie die ethische Debatte dem technologischen Fortschritt hinterherhinkt.

Kommentar  
Von Seraina Gross
am 24.08.2018

Die Nachricht vom wissenschaftlichen Durchbruch kommt für einmal nicht aus Boston, San Francisco oder Basel, sondern aus China: Forschern aus Schanghai ist es erstmals gelungen, eine Genmutation, die für die Herausbildung einer schweren Erbkrankheit verantwortlich ist, an einer embryonalen Keimzelle zu korrigieren – und das ohne grössere Panne.

Sie nutzten dazu eine neue, präzisere Variante der Crispr-Technik. Das «base editing», das in Schanghai zur Anwendung kam, macht es möglich, Genbausteine gezielt eins zu eins zu ersetzen – eine Präzision, gegenüber der die bisherigen Crispr-Techniken sich ausnehmen wie ein Vorschlaghammer gegenüber einer Pinzette.

Die Gewichte verlagern sich, auch in der Wissenschaft

Damit rückt eine Vision in den Bereich des Möglichen, von der die Menschheit schon lange träumt: die Eliminierung von Erbkrankheiten, im Fall von Schanghai dem Marfan-Syndrom, einer schwerwiegenden Bindegewebsentzündung, von der zwei von tausend Menschen betroffen sind – und das noch bevor sich der Mensch, der später daran erkranken wird, überhaupt entwickelt hat. Mehr noch: Die ­Korrektur im embryonalen Stadium hat den Vorteil, dass auch alle Nachkommen des Menschen, der aus dem Embryo hervorgehen wird, von der Krankheit befreit sein werden. Was für Perspektiven!

Was aber zeigt die Geschichte von Xingxu Huan und seinem Team von der Shanghai Tech University, den erfolgreichen Crispr-Pionieren? Erstens: Das chinesische Wissenschaftsmärchen ist kein Zufallstreffer, sondern Ausdruck einer tief greifenden tektonischen Verschiebung in der Welt.

Die Gewichte verlagern sich, technologische Machbarkeiten werden heute nicht mehr nur in den USA – und Europa – nach vorne verschoben, sondern immer häufiger auch in China.

Peking holt mächtig auf

Besonders ausgeprägt ist das bei der künstlichen Intelligenz und bei Big Data, wo das Ringen um die technologische Vorherrschaft zwischen Washington und Peking zur geopolitischen Determinante schlechthin geworden ist. Doch auch bei Biotech wird es in Zukunft häufiger um die Frage gehen: Wer ist besser? Die USA mit ihren Eliteuniver­sitäten und ihrem bestens ausstaffierten Wissenschaftsbetrieb – oder die Newcomer von Schanghai?

Zweitens: Die Geschichte zeigt, wie hoffnungslos die ethische Debatte der technologischen Entwicklung hinterherhinkt. Der Tech-Zug braust durch die Gegend wie der Shinkansen, die Diskussion macht Pause. Dabei dürften sich nicht nur Träume erfüllen. Es könnten Horrorvorstellungen wahr werden, wie sie die Menschheit bis jetzt nur aus Literatur und Filmen kennt: Menschen nach Mass, ausgestattet mit den Eigenschaften, die seine Erzeuger wünschen.

Die ethische Debatte hinkt dem technologischen Fortschritt hinterher

Es wäre unethisch, die Entwicklung einer Technologie zu unterbinden, mit der womöglich Erbkrankheiten ausgerottet werden können – vor allem, wenn sie, wie sich jetzt abzeichnet, immer besser zu werden scheint. Wo aber ist die Grenze? Gewiss, das ist keine neue Frage. Neu ist, dass es ums Erbgut geht und damit um die Menschheit an sich.

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